Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

«Wo sind die Kabel, wo die Tunnels?»

Die Stadt gehört uns: Der US-amerikanische Geograf Bradley L. Garrett hat die Subkultur der Urban Explorers erforscht – dann wurde er wegen seiner Erkundungen verhaftet.

Von Florian Keller (Interview) und Bradley L. Garrett (Fotos), London

WOZ: Bradley Garrett, Sie haben zwei Jahre lang sämtliche stillgelegten U-Bahn-Stationen in London erkundet und Fotos davon ins Netz gestellt. Dann, im August 2012, wurden Sie verhaftet. Wie das?
Bradley L. Garrett: Ich kam gerade aus Singapur, die British Transport Police stoppte das Flugzeug auf der Piste, legte mir noch im Flugzeug Handschellen an und konfiszierte meinen Pass. Ich wurde dann mit zehn anderen Leuten angeklagt wegen Verschwörung mit dem Ziel, kriminellen Schaden zu begehen. Die Londoner Verkehrsbetriebe wollten unbedingt, dass man mich verurteilt und abschiebt. Am Ende gewährte mir der Richter eine bedingte Entlassung. Das heisst, ich würde zwar keinen Eintrag ins Strafregister bekommen, aber sollte ich in den folgenden drei Jahren straffällig werden, würde auch die alte Anklage wieder erhoben.

Sie sind also auf Bewährung?
Ja, ich habe noch acht Monate vor mir. Ich musste seither relativ vorsichtig sein, was meine Aktivitäten anging. Unbefugtes Betreten ist in England nicht strafbar, ausser bei Bahngleisen, Häfen und Militäranlagen. Ich habe also diese Art von Einrichtungen gemieden – hierzulande. Ich war auch sehr vorsichtig, wenn ich den Drang verspürte, in die Kanalisation, einen Stromschacht oder auf einen Wolkenkratzer zu steigen.

Warum waren die Londoner Verkehrsbetriebe so versessen darauf, Sie wegen Ihrer Exkursionen in stillgelegten U-Bahn-Stationen gleich ausweisen zu lassen?
Denen war das peinlich. London ist ja angeblich die sicherste Stadt der Welt. Wir haben hier mehr Überwachungskameras pro Kopf als überall sonst. Wir haben einen öffentlichen Verkehr, in dem angeblich niemand schwarzfährt. Das sind die Mythen, die gerne zementiert werden. Mit unseren Erkundungen haben wir klargemacht, dass das eine Fiktion ist, ein Theater. Diesen Mythos, der dafür sorgt, dass wir alle schön unter Kontrolle bleiben, haben wir durchstossen.

Bradley L. Garrett

Sie haben als teilnehmender Beobachter eine ethnologische Studie über die Subkultur der Urban Explorers geschrieben. Wer noch nie davon gehört hat, stellt sich jetzt vermutlich so etwas wie «Pokémon Go» vor.
(Lacht.) Nun, «Pokémon Go» hat ja etwas für sich, wenn es die Leute dazu verleitet, rauszugehen und sich den normativen Pfaden zu widersetzen, auf denen wir uns gewöhnlich durch die Stadt bewegen. «Urban Exploration» ist ein bewusst vager Begriff, der eine Unmenge von Aktivitäten einschliesst: vom Klettern an Hochhäusern über Streifzüge in leer stehenden Gebäuden bis zum Erforschen von Infrastruktur wie Abwasserkanälen.

Urban Explorers sind quasi urbane Vandalen, aber ohne Vandalismus?
Sagen wir es so: Wenn du als Graffitikünstler unterwegs bist, wirst du Schaden anrichten. Ob du auf dem Weg dahin einen Zaun aufschneidest, um einen Zug zu besprayen, ist irgendwie irrelevant. Wenn dagegen Urban Explorers einen solchen Zug fotografieren wollen, vermeiden sie es nach Möglichkeit, den Zaun aufzuschneiden. Das wäre gegen ihr Ethos, sofern es einen eleganteren Weg gibt, sich Zugang zu verschaffen. Aber wenn es nicht anders geht …

Sie bezeichnen Urban Exploration als eine Form von Rückeroberung der Stadt: Also nicht einfach «Reclaim the Streets», sondern Aneignung des gesamten urbanen Raums?
Genau. Unsere Städte beinhalten ja immer mehr verborgene Räume, die unserem Blick entzogen sind. Wir sollen gar nicht verstehen, wie die Dinge funktionieren, denn wer verstehen will, fängt an, Fragen zu stellen. Warum funktioniert etwas so und nicht anders, und wo fliesst das Geld hin? Was passiert mit einer Plastikflasche, wenn ich sie in den Müll werfe? Für die meisten Leute grenzt es an Zauberei, wenn sie das WC spülen: Sie haben keine Ahnung, wo das Zeug hingeht. Durch unsere Erkundungen lernen wir die Stadt besser verstehen. Es ist wie der Moment in «Wizard of Oz», wo man den Vorhang zurückzieht: Aha, so funktioniert die Kanalisation! Aha, da geht das Geld hin, das ich für mein Zugticket einwerfe! Das ist Urban Exploration: Es geht darum, die städtische Infrastruktur transparent zu machen. Und es geht darum, unseren Handlungsspielraum zu erweitern, was die Partizipation an der Stadt angeht. Wenn du anfängst, den urbanen Raum auf diese Weise zu erkunden, merkst du, dass deine Wahrnehmung der Stadt erst so richtig volumetrisch wird.

Volu-was? Metrisch?
Genau. Das heisst, alles hat eine X-, Y- und Z-Achse. So sehe ich die Stadt jetzt, wo immer ich hingehe. Ich denke: Welche U-Bahn-Linie ist gerade unter mir, welcher Stromtunnel, welcher Abwasserkanal? Welche Hausdächer könnten wir besteigen? Wird unter mir gerade ein neuer Schacht gebohrt? Für mich als Geograf ist Urban Exploration deshalb so faszinierend, weil unsere geografische Vorstellungskraft dadurch so umfassend umgestülpt wird. Mir scheint, dass wir so – das ist natürlich ein belasteter Begriff – ein viel «natürlicheres», organischeres Verständnis unserer städtischen Umgebung erhalten. Wer auf dem Land neben einem Berg lebt, steigt doch auch hoch, um zu sehen, wie die Aussicht dort oben ist. Warum wollen wir hier in London nicht wissen, wie es von zuoberst auf dem Centre Point aussieht, diesem brutalistischen Hochhaus an der Tottenham Court Road?

Haben Sie eine Erklärung, warum das so ist?
Das hat mit Fragen des Privateigentums zu tun. Es gibt ja praktisch kein Land mehr in England, das nicht in Privatbesitz ist. Aber ob ich nun das Land eines Bauern betrete oder eine Baustelle hier in London, darin besteht in meinen Augen kaum ein Unterschied.

Bei Baustellen geht es doch auch um die Haftung. Baufirmen wollen sich absichern für den Fall, dass mir etwas passieren sollte, wenn ich auf ein Gerüst klettere.
Das ist ein Mythos. In den USA mag das so sein. Wenn ich mit Saugnäpfen den Trump Tower besteige und dabei abstürze, kann ich Donald Trump auf Schadenersatz verklagen, und wahrscheinlich würden wir uns aussergerichtlich einigen. Aufgrund meiner Erfahrungen mit britischen Gerichten kann ich Ihnen versichern: Hier wird kein vernünftiger Richter seine Zeit damit vergeuden, wenn Sie unbefugt eine Baustelle betreten haben. Der würde sagen: «Sie sind ein Arsch.»

Sie haben für Urban Exploration den Begriff «Place Hacking» geprägt. Was genau macht diese Abenteurer zu Hackern des urbanen Raums?
Städte sind ein räumliches Durcheinander ohne Chefarchitekt, das macht einen Teil ihrer Schönheit aus. Natürlich hat es immer wieder Versuche gegeben, den städtischen Raum so zu gestalten, dass er sich auf unterschiedliche Weise kontrollieren lässt: Denken Sie an die Rasterplanung in den USA oder an Le Corbusiers Wohnmaschinen. Der Neoliberalismus hat nun aber dazu geführt, dass alles, was sich nicht in einen Warenwert verwandeln lässt, aus dem städtischen Raum weggeplant wird. Leute, die ihr Bier nicht teuer im Pub bezahlen, sondern im Park billiges Bier aus dem Supermarkt trinken: Das muss unterbunden werden. Obdachlose, die keine Miete zahlen: Die müssen verdrängt werden.

Und was hat das mit Hacking zu tun?
Die neoliberale Stadt ist ein bisschen wie Ihr iPhone, das ja eigentlich auch sehr begrenzt ist in seinen Funktionen. Sie können nur ganz spezifische Dinge damit machen: Sie können all diese Apps öffnen, diese Apps sind zugelassen von Apple. Das ist die Architektur, die dafür sorgt, dass Sie Geld ausgeben. Städte werden heute genauso konzipiert. Die Architektur dient dazu, unser Verhalten zu kontrollieren. Um hinter das Betriebssystem der Stadt zu kommen, müssen wir die Schlupflöcher finden.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Stadtplanung immer mehr auf Ausschluss und Verdrängung abziele. Was meinen Sie konkret?
Die Tatsache, dass immer mehr Gated Communities errichtet werden, immer mehr Überwachungskameras installiert werden und immer mehr öffentlicher Raum an private Investoren verkauft wird. Das alles läuft einerseits auf eine Beschränkung unserer Freiheit hinaus, aber es führt auch zu einer Art Selbstüberwachung: Du glaubst, dass du vielleicht etwas Verbotenes tust und vielleicht dabei beobachtet wirst – aber du bist dir nicht sicher, was du überhaupt darfst, also lässt du es bleiben. Die Grenzen, die so errichtet werden, sind unsichtbar. Um sie kenntlich zu machen, muss man sie überschreiten. Dann steht da plötzlich ein Wachmann, der dich zur Rede stellt. Oder du merkst, dass gar niemand darauf schaut, was die Überwachungskameras aufzeichnen.

Und Sie glauben, dass das «organischere» Verständnis der Stadt, das Sie als Urban Explorer erhalten, Sie zu einem besseren Bürger macht?
Ja, und ich bin überzeugt, dass die Stadt der Zukunft anders nicht funktionieren kann: Das ganze verdammte Ding wird implodieren, wenn wir dieses Bewusstsein für unsere Umgebung nicht in die Städte einbauen. Das heisst, dass wir eine Teilhabe an allen Aspekten des urbanen Raums ermöglichen müssen. Das läuft natürlich allen gängigen Narrativen zur städtischen Sicherheitspolitik entgegen. Gerade durch die Rede vom Terrorismus werden wir als Stadtbewohner dazu konditioniert, dass jedes Verhalten, das nicht der Norm entspricht, gefährlich ist.

Aber wenn Sie nun auf irgendein Hochhaus klettern und sich dort oben Ihren Kick holen: Inwiefern ist das eine Rückeroberung des urbanen Raums, wie Sie in Ihrem Buch postulieren?
In London sollen in den nächsten paar Jahren 90 Wohnblöcke abgerissen und durch 450 Hochhäuser ersetzt werden. Diese Wolkenkratzer werden nicht für Menschen gebaut, die in der Stadt leben, sondern als Domäne für die Reichen und Mächtigen, als Investmentobjekte für Spekulanten, die hier nicht mal auftauchen. Das sind einfach Aktien in Form von Immobilien. Indem wir hochsteigen und die Aussicht fotografieren, durchbrechen wir dieses Narrativ – ein bisschen. Dort oben wird dir klar: Was hier verkauft wird, ist diese unglaubliche Aussicht und die Sicherheit vor allen Unsicherheiten unten in der Stadt. Natürlich ändern wir nichts an der ganzen Situation. Aber wir treiben einen Keil hinein.

Ein Ticket für die Aussichtsplattform auf dem über 300 Meter hohen «Shard» kostet heute 30 Pfund. Sie selber kamen noch gratis hoch, als Sie gegen Ende der Bauphase aufs Dach stiegen. Trotzdem: Was ist so politisch daran, dort hochzusteigen, um die spektakuläre Aussicht zu fotografieren?
Wenn wir nicht fotografieren würden, wäre es tatsächlich einfach egoistisch. Aber wenn wir dann ein Foto ins Netz stellen, und 30 000 Leute sehen sich dieses Bild an, wird das einen gewissen Prozentsatz dieser Leute dazu bewegen, zu handeln. Sie werden vielleicht nicht gleich selber auf Erkundungen gehen, aber wenn sie bei der nächsten Sitzung im Geschäft erfahren, dass der Dachgarten ihrer Firma geschlossen wird, werden sie sich wehren. Und wenn sie sehen, wie wir aufs Dach des «Shard» geklettert sind, fragen sich vielleicht ein paar Leute: Moment, da gibts doch überall Überwachungskameras. Wie haben die das nur geschafft, da hochzusteigen?

Aber ganz ehrlich: Die Bilder, die Urban Explorers ins Netz stellen, wirken oft auch einfach angeberisch.
Klar, diese Heldenbilder haben etwas Frivoles, aber der Humor geht leider oft verloren, wenn sie im Netz landen. Natürlich dienen Fotos immer auch als Beweis, um das Erreichte zu dokumentieren. Aber die Explorer machen sich ja auch über sich selbst lustig, wenn sie mit ihrer Stirnlampe in irgendeinem stinkenden Abwasserkanal posieren, als hätten sie gerade eine grosse Entdeckung gemacht. Du hast also einen Abwasserkanal «gefunden», und jetzt? Da unten sind regelmässig Arbeiter, und abgesehen davon: Es ist einfach die Kanalisation, voller Fett, Tampons und Toilettenpapier. Und du willst wirklich stolz sein auf deine Leistung?

Ein anderes beliebtes Sujet sind verfallene Gebäude. Woher diese Faszination für moderne Ruinen?
Ich glaube, es liegt ein politisches Potenzial darin, Ruinen zu erkunden und zu fotografieren, denen eine offizielle Anerkennung versagt bleibt. Der Staat tendiert ja dazu, bestimmte Ruinen zu erhalten und andere nicht. Dabei geht es immer auch darum, wer die Kontrolle über die Geschichte ausübt: Welche Narrative werden konserviert, welche nicht? Denken Sie an Israel, wo man antike Stätten ausgraben lässt, als materielle Beweise einer Abstammungslinie, die die Besetzung der Gebiete legitimieren soll.

Waren Sie als Urban Explorer schon in der Schweiz unterwegs?
Leider nicht, nein.

Ich frage deshalb, weil zum Beispiel Tunnels bei uns ja ein nationaler Fetisch sind. Aber eine grosse Bewegung von Urban Explorers scheint es nicht zu geben.
Es gibt auch keinen direkten Zusammenhang zwischen der Menge an Orten, die es zu erkunden gibt, und der Grösse der Community von Urban Explorers. Es hat sicher mit kulturellen Differenzen zu tun und mit dem Ausmass von Kontrolle in der jeweiligen Gesellschaft. Wo es gar keine Kontrolle gibt, wird auch nichts erforscht. Es muss irgendetwas dazwischen sein: autoritär genug, dass ein Bedürfnis nach Widerstand geweckt wird, aber liberal genug, dass Erkundungen überhaupt möglich sind. In Pjöngjang in Nordkorea soll es eine stillgelegte U-Bahn-Station geben, die nie jemand gesehen hat. Das wäre mein Traum, da reinzukommen. Das wäre das ultimative Heldenfoto! (Lacht.)

Wenn wir jetzt Leute in der Schweiz zu Urban Exploration anstiften wollten: Was raten Sie denen?
Am Anfang steht immer die Frage nach der Infrastruktur: Wie funktioniert eine Stadt wie Zürich? Wo sind die Tunnels, wo sind die Glasfaserkabel? Viele Informationen dazu sind sicher öffentlich, da kann man auch einfach mal bei den Behörden anfragen. Wenn man auf dieser Route nicht weiterkommt, muss man über die frei verfügbaren Informationen hinausgehen, dann ist Place-Hacking die nächste Option.

Im Buch schreiben Sie, dass die subversive Kraft von Urban Exploration nicht darin liege, dass es illegal oder gefährlich wäre, sondern dass es sinnlos ist. Wie meinen Sie das?
(Lacht.) Für die Behörden ist Urban Exploration doppelt frustrierend: Erstens, weil wir ihren Mythos der Sicherheit unterwandern, und zweitens, weil wir unsere Zeit nicht produktiv nutzen. Das Einzige, was die neoliberale Stadt nicht aushält, ist, wenn Leute nichts tun oder irgendetwas völlig Sinnloses. Weil sie dann nicht produktiv sind und auch nichts konsumieren. Schauen wir zum Beispiel, was passiert, wenn öffentliche Plätze an Private verkauft und in «Privately Owned Public Spaces» verwandelt werden, Pops genannt. Verboten wird dann alles, womit man kein Geld machen kann, wie Skateboarden oder Schlafen. Wir bewegen uns auf einen urbanen Raum hin, wo alles im Fluss sein muss: Geld, Leute, Güter. Das ist das letzte Stadium des Kapitalismus: Weil das Ganze zu implodieren droht, muss alles fliessen. Dabei wollen wir doch nur, dass der Scheiss endlich stoppt.

Wie gross schätzen Sie denn das revolutionäre Potenzial von Urban Exploration ein?
Urban Exploration wird bedeutungslos sein, wenn sie eine reine Untergrundbewegung von weltweit ein paar Tausend Leuten bleibt, die mit ihren Freunden eine Party in irgendeinem Abwasserkanal feiern. Ich glaube, Urban Exploration hat das Potenzial für mehr. Darum habe ich mein Buch geschrieben, und darum hassen mich viele Urban Explorers. Die wollen, dass es im Untergrund bleibt, geheim und exklusiv. Ich halte Exklusivität für gefährlich. Aber ich will es nicht überbewerten: Ich behaupte nicht, dass Urban Exploration irgendein revolutionäres Potenzial innewohnt. Dieses System wird nie gestürzt werden.

Das glauben Sie nicht?
Nein, aber wir können es mit tausend Schnitten aufschlitzen, bis das Ding verblutet. Es wird zwar weiterleben wie ein monströser Zombie, aber wir haben dann wenigstens Zugänge, die uns ermöglichen, Räume für uns selbst zu schaffen. Alle naiven Überlegungen darüber, wie wir unsere Welt reformieren wollen, sind völlig nutzlos, solange man nicht versteht, wie unsere Infrastruktur funktioniert. Statt sich irgendeine Revolution vorzustellen, die sowieso nicht passieren wird, sollten wir besser darauf hinarbeiten, so etwas wie «Temporäre Autonome Zonen» zu schaffen, wie das Hakim Bey genannt hat.

Wie könnte eine solche Zone aussehen?
Als Urban Explorers können wir ja nicht nur Transparenz erzwingen, sondern auch exklusive Räume für uns erschliessen, von denen die Behörden selber nichts wissen. Wobei, um ehrlich zu sein: In unserem Klima der Überwachung glaube ich, dass die Tage für solche Räume gezählt sind. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Software zur Gesichtserkennung immer besser wird. Man muss sich dann natürlich überlegen, wie man das unterlaufen könnte.

Nämlich?
Man hat schon damit experimentiert, die Wangenknochen mit Quadraten zu übermalen, um die Gesichtserkennungsprogramme zu umgehen. Es gibt auch Kameras, die dich an deinem Gang erkennen, aber wenn man einen kleinen Stein im Schuh hat, kann das den Gang angeblich so weit beeinflussen, dass die Software einen nicht mehr erkennt. Ich sehe schon die dystopische Zukunft vor mir, in der wir uns mit bemalten Gesichtern und Steinen in den Schuhen durch die Stadt bewegen, damit wir weiterhin unbehelligt eine geheime Bar besuchen können. (Lacht.) Einerseits finde ich die Privatisierung des öffentlichen Raums total frustrierend. Gleichzeitig denke ich, dass das alles gar keine so grosse Rolle spielt.

Wieso das jetzt?
Ich gebe Ihnen ein letztes Beispiel: Im Jahr 2013 wurde das Areal rund um das Londoner Rathaus an eine Investmentfirma aus Katar verkauft, für 1,6 Milliarden Pfund. Der gesamte öffentliche Raum wurde also privatisiert, es war das teuerste Grundstückgeschäft in der Geschichte des Vereinigten Königreichs. Die neue Besitzerfirma ordnete sogleich an, dass Kundgebungen vor dem Rathaus künftig nicht mehr erlaubt seien. Und Sie können mir nicht erzählen, dass die Stadtregierung das nicht schon beim Verkauf gewusst hatte. Nun hiess es aber nirgends, demonstrieren sei illegal, nur, dass es gegen die Regeln sei. Da fragte ich mich: Was bedeutet das? Wir versammelten also hundert Leute auf diesem Privatgrund und hielten ein zweistündiges öffentliches Seminar im Freien ab. Wissen Sie, was passiert ist?

Die Polizei ist aufmarschiert?
Nichts! Nichts. Es ist reine Fiktion. Diese Regeln sind nicht real. Seit unserer Kundgebung ist für alle in London klar: Wenn du vor dem Rathaus protestieren willst, kannst du das weiterhin tun. Diese privaten Regeln sind irrelevant. Ich hoffe nur, dass die Leute das merken und auch danach handeln – bevor diese Regeln gesetzlich verankert werden. Das ist vielleicht das Nächste, was passieren wird. Bis dahin haben wir immer noch ein Körnchen Freiheit. Das sollten wir ausnützen.

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