Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Witze reissen, wenn die Bomben fallen

Seit anderthalb Jahren versinkt der Jemen in einem von regionalen Grossmächten angefeuerten Krieg. Der Autor reist erstmals seit Kriegsausbruch wieder in sein Heimatland.

Von Ahmed Hezam al-Yemeni

Wer den Krieg im Jemen aus der Ferne verfolgt, erlebt ihn nicht. Den Schmerz der JemenitInnen zu spüren, die Luftangriffe zu hören und die bombardierten Gebiete zu besuchen: Das ist unglaublich und dramatisch. Mein Bild des Krieges ist gezeichnet vom Blut und von den Schreien der getöteten und verletzten Menschen. Es ist ein düsteres Porträt mit vielen zerstörten Schulen, Spitälern und Brücken – zerstört aus nicht nachvollziehbaren Gründen, aus einer nebligen strategischen Vision, die niemand verstehen oder rechtfertigen kann.

Ich war ein Jahr lang im Ausland unterwegs, in Deutschland, Polen, in der Türkei und in Jordanien. Aber es war Zeit, zurückzukehren. Meine Heimreise in den Jemen führte mich durch die Mühsal der Blockade, die von den Koalitionsstreitkräften unter der Führung Saudi-Arabiens errichtet worden war: Über dem Jemen herrscht ein Flugverbot, die Seewege sind abgeriegelt. Keine kommerziellen oder humanitären Transporte, keine Hilfs- und Grundgüter, kein Essen und kein Treibstoff gelangen ohne Erlaubnis ins Land.

Witze über Lenkraketen

Die einzige Fluggesellschaft, die noch in Betrieb ist, ist die staatliche Yemenia. Sie bietet sehr wenige Flüge an, und diese werden oft sistiert. Wegen des hässlichen Stellvertreterkriegs sind die meisten Flughäfen im Land geschlossen. Über einen Monat musste ich warten, bis ich einen Flug bekam, und als es so weit war, musste ich den berüchtigten Sicherheitscheck von Bisha in Saudi-Arabien passieren – zusammen mit Älteren, Kranken, Studenten und anderen Menschen, die es von überall auf der Welt dorthin verschlagen hatte. Ich hatte das Glück, einen Flug zum internationalen Flughafen von Sanaa zu bekommen, bevor auch dieser geschlossen wurde – die einzige verbliebene Lebensader für zwanzig Millionen JemenitInnen.

Nach der Landung nahm ich als Erstes die Zerstörung des Flughafens wahr. Militärmaschinen und zivile Flugzeuge standen ausgebrannt auf dem Gelände. Als ich anschliessend von dort in die Stadt fuhr, erschrak ich ob der immensen Verwüstung: Militärische Gebäude, Schulen, Fabriken, Gärten, Fernseh- und Radiostationen waren zertrümmert – wie auch mein Stadtviertel.

Ich war davon ausgegangen, dass ich mit meinem Wohnort im Osten der Stadt Pech gehabt hätte, denn er liegt ganz in der Nähe des Nukum-Berges, der zuvor fast täglich zum Ziel von Luftangriffen geworden war. Aber in Wahrheit spielt es keine Rolle, wo du wohnst im Jemen. Schon zu oft haben sich diese «intelligenten» westlichen Lenkraketen, Flugzeuge und Drohnen in Wohngegenden im ganzen Land verirrt. Viele JemenitInnen machen Witze darüber, ob sie wohl jemals die nuklearen oder sonstigen militärischen Einrichtungen treffen werden, die sie unter diesem oder jenem Berg oder Dorf vermuten.

Der Lärm spielender Kinder

Zu Hause war es dunkel. Seit Beginn des Krieges gibt es keinen Strom mehr. Alles war von einer dicken Staubschicht bedeckt, Fenster und Türen von den Druckwellen der Bombenangriffe kaputt. Aber am nächsten Morgen realisierte ich, dass viele meiner NachbarInnen trotzdem noch immer da waren. AnwohnerInnen und Wohltätigkeitsvereine arbeiteten zusammen, setzten alte Stadtbrunnen wieder instand. Sie hatten damit angefangen, kleine Wassertanks in die Quartiere zu bringen und sie den Menschen zur Verfügung zu stellen. Diese denken nicht einmal daran, die Stadt zu verlassen. Wo sollten sie denn hin? Sie haben sich einfache Solarsysteme zusammengebaut, von denen nun die meisten abhängen. Was für eine tägliche Anstrengung – und was für eine Beharrlichkeit.

Die meisten wissen kaum etwas über den Krieg und die Politik, oder es kümmert sie nicht. Sie kümmern sich um ihr Leben und um Essen für ihre Kinder. Während mich die ständigen Luftangriffe immer wieder überraschten oder erschreckten, schauen diejenigen, die schon länger dort sind, nicht einmal mehr auf. Sie versuchen, ein normales Leben zu führen. Dasselbe geschieht in den Geschäften, Restaurants, Schulen und Märkten: Die Maschine des Schreiners ist noch immer laut und nervig. Der Lärm spielender Kinder füllt die Strassen, ungeachtet des Mülls, der diese bedeckt.

Auf dem Weg zum Heimatort meiner Familie im Gouvernement Ibb wurde ich Zeuge des verrückten, tödlichen Luftangriffs auf das MSF-Spital im Gouvernement Haddscha. Es war nicht das erste Mal, dass ein Spital der Médecins Sans Frontières angegriffen wurde. Die Berichte über getötete ZivilistInnen machen mich so wütend und frustriert; etwa die schlimmen Fotos von Arbeitern, die bei einem Bombenangriff auf die Kindernahrungsfabrik al-Aqel in den Flammen starben.

Bombardierte Hühnerfarmen

Bei der Fahrt durch die Berge dachte ich über die getöteten ZivilistInnen und Kinder nach. Ich habe Fotos gemacht, aber sie sind zu schockierend, um sie der Öffentlichkeit zu zeigen. Wie wird das enden? Es ist verblüffend, dass die Koalitionstruppen den Jemen zerstören, wo sie das Land offiziell doch vor irgendwas retten wollen. Sogar die Hühnerfarmen werden angegriffen – was im jemenitischen Mittelland zum Lieblingswitz geworden ist. Dabei hat dies ernste Konsequenzen: Die Nahrungsmittelpreise sind dramatisch angestiegen. Erst kürzlich haben sie eine Kamelfarm angegriffen. Die JemenitInnen haben darüber einen weiteren Witz gemacht.

Mein Heimatdorf liegt in einem ländlichen Teil des Mittellands. Der erste Tag nach meiner Ankunft war ruhig. Am zweiten Tag fing ich an, alle vom Krieg betroffenen Gebiete in der Nähe zu besuchen. Die Angriffe der Koalitionsstreitkräfte gelten den Wohnhäusern mutmasslicher gegnerischer Anführer – aber die Häuser stehen in diesen Dörfern so eng beieinander, dass eine einzige Bombe eine halbe Ortschaft zerstören kann. So sterben die Unschuldigen.

Ländliche Gebiete, bescheidene Wasserprojekte, Farmen, öffentliche Gebäude und Schulen wurden schon zum Ziel der Luftangriffe, wieder und wieder. Ich fing an, die Statistiken der Unicef zu hinterfragen, in denen die zerstörten Schulen und Universitäten aufgelistet sind. DorfbewohnerInnen aus dem Mittelland erzählten mir, dass sogar öffentliche Versammlungen, Hochzeiten und Fussballspiele bombardiert worden waren. So war es im berühmten Fall von Mokka geschehen, wie Human Rights Watch dokumentiert hat, oder an einer Hochzeitsfeier im Gouvernement Dhamar.

Im Vergleich mit anderen Regionen ist das Gouvernement Ibb das ruhigste. Deshalb wurde es zu einem sicheren Hafen für Hunderttausende Binnenvertriebene. Ich war so glücklich und froh, als ich hörte, wie mein Heimatort Geflüchtete aus dem ganzen Land bei sich aufnahm. Man hiess sie willkommen, bot ihnen ein Zuhause, integrierte sie rasch. Das sind die wahren jemenitischen Werte, wie ich auch im Gouvernement Dhamar beobachten konnte. In den meisten Fällen werden die Menschen nicht einmal «Binnenvertriebene» genannt. Sie werden als MitbürgerInnen behandelt, als jemenitische Brüder und Schwestern, die zuerst Gast sind, dann aber wie alle Ansässigen ihre öffentlichen Pflichten und Verantwortungen übernehmen.

Was sind «Sunniten» und «Schiiten»?

Die Leute lachen darüber, wie internationale und regionale Medien über konfessionelle Spaltungen im Jemen berichten. «Sunniten» und «Schiiten» sind Begriffe, die sie nie hören. Sie handeln und verhalten sich so, wie es die Menschen seit Hunderten von Jahren getan haben: JemenitInnen sind Freundinnen, Nachbarn, Cousinen und Brüder, ungeachtet der vermeintlichen Grenzen, die viele heraufzubeschwören versuchen.

Auch wenn zuweilen kleine religiöse Differenzen bestehen, so beten noch immer alle in den gleichen Moscheen. Viele fragen sich, ob die Propagandaspielchen der Kriegsparteien am Ende erfolgreich sein werden. Aber daran glaube ich nicht, denn vor Ort liegen die Dinge anders.

Ich war so glücklich, als ich sah, dass die letzte Brücke über das Wadi Bana noch immer steht. Das ist den Gebeten der armen Bauern zu verdanken, dachte ich mir, denn für sie hängt so vieles von dieser Brücke ab – besonders während der Überschwemmungssaison und in medizinischen Notfällen. Am nächsten Tag muss aber ein Kampfpilot den Befehl erhalten haben, die Brücke zu zerstören. Er zerbombte die Brücke, weitere Brücken und alle Strassen in der Umgebung.

Ich frage mich, was mit solch massiver Zerstörung erreicht werden soll in einem Land, dessen öffentliche Infrastruktur bereits zuvor äusserst schlecht gewesen war. Was erhoffen sich die Entscheidungsträger davon, ZivilistInnen ins Visier zu nehmen? Ich hatte der gesamten internationalen Presse misstraut, auch den Darstellungen von Menschenrechtsorganisationen und sogar den Berichten der Uno, bevor ich es mit eigenen Augen sah.

Was mir aber Hoffnung macht für die Zukunft, ist der Moment, wenn ich morgens nach dem Aufwachen die Fenster öffne und ganz gewöhnliche Menschen dabei beobachte, wie sie sich in den Strassen bewegen. Die Städte und Dörfer sind voller Energie und Lebenswille; die Leute wollen weiterhin ihr tägliches Leben führen, trotz der beinahe unendlich vielen Hindernisse in dieser humanitären Katastrophe. Sie sind meine wahren Helden in diesem Kriegsporträt. Ich bin stolz, darin vorzukommen. Und ich bin stolz, einer von ihnen zu sein.

Ahmed Hezam al-Yemeni ist ein jemenitischer Autor und Experte, der regelmässig die Politik im Jemen kommentiert. Er ist für verschiedene NGOs und Stiftungen als Friedensforscher tätig.

Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog «Insight on Conflict» (www.insightonconflict.org) unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht. Dementsprechend kann auch diese Übersetzung frei weiterverbreitet werden, sofern dies nicht kommerziellen Zwecken dient.

Aus dem Englischen von Raphael Albisser.

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