Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Strategie des Aushungerns

Über vier Jahre schon dauert der Konflikt zwischen den Huthi-Rebellen und der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition. Es ist zu befürchten, dass sich die humanitäre Not gar noch verschlimmert.

Von Francesca Mannocchi (Text) und Alessio Romenzi (Fotos), Sadah und Hodeidah

«Das hier war das Hauptquartier der Bezirksregierung», sagt Amin al-Hemyari beim Gang durch die Trümmer eines zerbombten Viertels von Sadah. «Da war das Büro der Verwaltung, hier eine Bankfiliale und eine Poststelle, dort ein Büro des Justizministeriums und sogar eines der Uno.» Nur eine Moschee ist noch intakt. «Die Saudis sagen, sie seien gute Muslime, also würden sie die Moscheen verschonen», sagt Hemyari. «Aber das ist pure Heuchelei. Sie töten unsere Kinder und unsere Frauen im Namen dessen, was sie den ‹wahren Islam› nennen.»

Hemyari*, etwa fünfzigjährig, ist ein hoher Befehlshaber in den Reihen der Huthi. In Sadah ist das eine besonders bedeutsame Rolle: Die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements im Norden des Jemen ist eine Hochburg der Rebellen. Sadah ist denn auch der Landesteil, der am deutlichsten die Spuren der Zerstörung durch knapp 20 000 Bombardierungen trägt, die gemäss der unabhängigen Monitoringorganisation Yemen Data Project seit dem Kriegsbeginn im Jahr 2015 den Jemen getroffen haben. Bald 1700 Tage dauert die Militärkampagne der von Saudi-Arabien geführten Koalition gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen schon an. Das Yemen Data Project schätzt, dass die Kämpfe mittlerweile weit über 10 000 Menschenleben gekostet haben. Millionen wurden zudem an den Rand einer Hungersnot gebracht.

Zerstörte Städte, überfüllte Spitäler

Im März 2015 wurde der jemenitische Staatspräsident Abed Rabbo Mansur Hadi von den Huthi-Rebellen gezwungen, aus dem Land zu fliehen. Saudi-Arabien formierte daraufhin eine Militärkoalition, um die international anerkannte jemenitische Regierung zurück an die Macht zu bringen, und wird seither unter anderem von den USA und Grossbritannien unterstützt. Zuvor, im September 2014, hatten die Huthi die Hauptstadt Sanaa eingenommen. Heute kontrollieren sei einen Grossteil der zentralen und nördlichen Landesteile.

In Sadah ist die städtische Infrastruktur durchweg zerstört oder zumindest beschädigt. Auch der antike Souk ist unbenutzbar, seit er 2016 Ziel eines Bombenangriffs wurde. Riesige Bilder von Märtyrern hängen an den wenigen Mauern, die noch geblieben sind. Allgegenwärtig ist der Propagandaspruch der Huthi: «Gott ist der Grösste, Tod Amerika, Tod Israel, verflucht seien die Juden, Sieg dem Islam.»

Chaled Awadh hatte ein Gewürzgeschäft. Jeden Morgen geht er zum Gebäude, das heute ein Haufen Schutt ist. Aber es gibt nichts zu verkaufen. Und niemanden, der etwas kaufen könnte. «Wer Ersparnisse hatte, hat sie aufgebraucht. Und wer einen Job hatte, hat ihn verloren», sagt Awadh. «Aber vor allem haben wir die Hoffnung verloren, dass diese Krise bald gelöst wird.»

Die Abteilung für unterernährte Kinder in Sadah ist derweil permanent überfüllt. Manche der Kleinkinder, die bis auf Haut und Knochen abgemagert sind, müssen sich Betten und Bahren zu zweit oder zu dritt teilen. Die meisten kommen aus ländlichen Regionen. 65 Prozent der jemenitischen Bevölkerung leben noch immer weit weg von den Zentren – und mehr als die Hälfte von der Landwirtschaft.

In den letzten Jahren wurden immer wieder agrarische Einrichtungen, Felder und Brunnen bombardiert. Von verschiedener Seite wurde die Koalition deshalb bezichtigt, die Zerstörung der Nahrungsmittelproduktion in den Rebellengebieten gezielt vorzunehmen – während sie gleichzeitig die Nahrungsmittelimporte kontrolliert. Laut dem Anfang September veröffentlichten Bericht einer vom Uno-Menschenrechtsrat eingesetzten ExpertInnengruppe setzen sowohl die jemenitische Regierung und die Koalition wie auch die Huthi-Rebellen Luftangriffe, Folter, sexuelle Gewalt und das Erschweren humanitärer Hilfe als Methoden der Kriegsführung ein. Es sind Verbrechen, für die auch Drittstaaten der Komplizenschaft beschuldigt werden könnten: Die USA, Frankreich und Grossbritannien auf der einen und der Iran auf der anderen Seite nehmen mittels Geheimdienstinformationen, logistischer Unterstützung oder Waffenverkäufen Einfluss auf die Konfliktparteien – stets im Wissen darum, dass sie damit Massenhunger auslösen, in einem Land, das schon vor dem Krieg das ärmste in der Region war.

Auch die Verteilung von Grundbedarfsgütern ist zum Druckmittel beider Seiten geworden. Die Koalition versucht zu verhindern, dass sie ins Land kommen – und die Rebellen nutzen die Verteilung von Hilfsgütern dazu, die Bevölkerung zur Unterstützung zu zwingen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die heftig umkämpfte Küstenstadt Hodeidah: Deren Hafen ist Hauptumschlagplatz für die Versorgung von zwei Dritteln der jemenitischen Bevölkerung. Umso verheerender waren dessen Blockade durch die Koalition bald nach Kriegsbeginn sowie der Beginn der Schlacht um Hodeidah im Juni 2018. Gemäss dem unter Führung der Uno in Stockholm ausgehandelten Waffenstillstandsabkommen vom letzten Dezember ist eigentlich ein Abzug der Truppen beider Seiten vorgesehen. Um den Friedensprozess voranzubringen, haben die Vereinigten Arabischen Emirate im Juni angekündigt, mit dem Truppenabzug voranzugehen. Aber weiterhin beschuldigen sich die Konfliktparteien gegenseitig, das Abkommen zu verletzen.

So ist Hodeidah heute, einst ein Ort der Handelsleute und Fischer, eine von aufgetürmten Schiffscontainern und Barrikaden zweigeteilte Stadt, in der Wandgemälde die Geschichte eines komplexen Stellvertreterkriegs erzählen.

Bestechung, Erpressung, Kontrolle

Omar al-Jarbhusi, ein Huthi-Beamter, führt durch den einst geschäftigen Handelshafen. Er ist leer und fast komplett lahmgelegt; die gelben Kräne stehen unbeweglich da. «Hier waren Silos für Nahrungsmittel. Und da drüben die Steuerkabinen der Hafenkräne, sie wurden ebenfalls bombardiert», sagt Jarbhusi. Selbst die Lager, in denen die Uno-Hilfsgüter deponiert werden, seien teilweise unbrauchbar. Alle möglichen Güter seien vor dem Krieg über diesen Hafen ins Land gekommen. «Jetzt sind die Container leer», sagt Jarbhusi. «Die Koalition erlaubt nur Zugang zu sehr wenigen Gütern. Mehl, Zucker, manchmal Treibstoff. Dabei sind zwanzig Millionen Menschen im Nordwesten des Landes abhängig von den Gütern, die hier ankommen.»

Die Huthi werden beschuldigt, die wenigen Güter, die über den Hafen kommen, zu kontrollieren und zu besteuern. Sie sollen verweigert haben, die EmpfängerInnen von Nahrungsmittelhilfen biometrisch zu registrieren, weshalb das Welternährungsprogramm der Uno die Verteilung teilweise unterbrach. Der Verantwortliche einer humanitären Organisation im Distrikt Abs nördlich von Hodeidah, der anonym bleiben möchte, sagt, die lokalen Huthi-Behörden würden zudem bei der Nahrungsmittelhilfe Verwandte und Bekannte bevorzugen und von Vertriebenen und Bedürftigen Bestechungsgeld verlangen: «Die Huthi brauchen Nahrungsmittelhilfen als Druck- und Erpressungsmittel. Mehrmals haben sie auch schon die Arbeit von humanitären Organisationen behindert. Wie so oft in Konfliktregionen kontrollieren hier jene die Mehrheitsmeinung, die die Nahrungsmittel kontrollieren.»

In den kommenden Monaten dürfte sich die Situation noch verschlimmern: Ende August hat die Uno verkündet, dass von den 2,6 Milliarden US-Dollar an Spenden, die Staaten für die Deckung der dringlichsten Bedürfnisse von mehr als zwanzig Millionen Menschen versprochen haben, bis heute weniger als die Hälfte eingegangen seien. Es ist ein weiterer Schlag für Millionen Kriegsbetroffene, die einer drohenden Hungersnot entgegenblicken.

* Amin al-Hemyari ist Ende August offenbar bei einem Bombenangriff getötet worden.

Aus dem Englischen von Raphael Albisser.

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