Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Kein Schwein mehr am Bahnhof

Die SBB kündigen den grössten Stellenabbau ihrer Geschichte an. Mani Matter wäre nicht erfreut.

Von Noëmi Landolt

In Mani Matters Lied sind die Züge stets schon abgefahren oder noch nicht angekommen. Was es aber bei ihm gibt am Bahnhof, sind Menschen: jene, die warten, aber eben auch einen Bahnhofvorsteher mit Mütze und einen Weichensteller mit schwarzen Händen. Wovon würde Matter heute singen? Das Lied der Bahnhöfe, wo keine Sau da ist, um eine Frage zu klären, die der Billettautomat nicht beantworten kann? Das Lied eines Staatsbetriebs im Fitnessstudio? Und was ist schon wieder ein Bahnhofsvorstand? Wer das noch weiss, gehört vermutlich zu jener Generation von Menschen, die ihre Zugbillette nicht mit dem Smartphone kauft – und somit auch nicht zur gewünschten Kundschaft der SBB.

Fit und schlank

Letzte Woche haben die SBB das grösste Sparprogramm ihrer Geschichte angekündigt. Die Massnahme ist Teil eines grösseren Pakets mit dem vielsagenden Namen «RailFit20/30». Fit bedeutet: 1,2 Milliarden Franken einsparen und bis im Jahr 2020 1400 Stellen abbauen. 200 davon im Verkauf, da immer mehr Menschen ihre Tickets sowieso im Internet, per Handy oder an den Automaten bezögen. 250 weitere Stellen werden in der Verkehrssteuerung gestrichen, die weitgehend automatisiert sei. Die sorgt über eine Zentrale für einen zuverlässigen Betrieb und die Behebung von Störungen. «Langfristig zahlt sich das nicht aus, die Retourkutsche kommt bald», prophezeit Manuel Avallone von der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV). «Spart man in der Verkehrssteuerung, gefährdet man die Sicherheit des Zugverkehrs.» Ausserdem erhöhe sich der Druck auf die verbliebenen MitarbeiterInnen, schlechte Arbeitsbedingungen seien wiederum schlecht für die Sicherheit der Passagiere.

Auch wenn der Stellenabbau durch natürliche Fluktuation realisiert werden soll, sei der Know-how-Verlust verheerend, so Avallone. «Gerade wenn man bedenkt, dass der ÖV wegen der steigenden Mobilität in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen wird.» Man werde sich wehren, sagt der Gewerkschafter. Ein Streik sei aber «wirklich nur das allerletzte Mittel».

Kleine Bahnhofswüsten

SBB-CEO Andreas Meyer träumt derweil davon, dass die SBB eines Tages die ganze Mobilitätskette anbieten können, inklusive Abholdienst zu Hause mit selbstfahrendem Auto. Zugleich beklagt er die Konkurrenz durch Fernbusse. Die Sparmassnahme selbst versucht er als Dienst an den Bahnreisenden zu verkaufen, und er verspricht stabile oder gar sinkende Billettpreise.

Der Abbau sei jedoch nicht vereinbar mit dem Service public, so Manuel Avallone vom SEV: «Die kleinen Bahnhöfe werden zu Wüsten ohne soziale Kontrolle.» Er befürchtet, dass gerade auf dem Land die Leute wieder aufs Auto umsteigen. «Worauf die Einnahmen sinken, und dann muss man wieder sparen.» Die «Entmenschlichung der Bahn» sei der grösste Fehler der SBB.

Mit seiner Kritik ist der SEV nicht allein. Der VCS hat vor zwei Wochen eine Petition lanciert: «Kein Serviceabbau beim Billettkauf». An manchen Bahnhöfen, wo die SBB ihre Schalter schliessen liessen, waren Migrolino, Avec oder auch die Post in die Bresche gesprungen. Per Ende 2017 soll an 52 Standorten auch damit Schluss sein. Das Argument, dass immer mehr Menschen ihr Billett digital beziehen, lässt der VCS nicht gelten. «Es wird immer Menschen geben, die eine Frage stellen wollen. Der Service public ist für alle da», sagt VCS-Sprecherin Caroline Beglinger. Also auch für ältere Menschen, Behinderte oder solche, die schlicht keine Lust auf ein Smartphone haben. Die SBB sparten durch die Aufkündigung der Zusammenarbeit fünf Millionen Franken. «Gemessen am Gesamtbudget ist das ein Witz», so Beglinger. «In der Debatte über den Service public von diesem Sommer wurde klar, dass die Leute einen hohen Standard erwarten. Die SBB machen nun wenige Wochen nach der Abstimmung das Gegenteil.»

Mani Matter würde singen: «D Wält wär freier, we meh würd grüeft: He he, Herr Meyer!»

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