Nr. 41/2016 vom 13.10.2016

Von Florian KellerMail an Autor:in

Low Anthem im Augenland

«I smoked myself blind», singt Ben Knox Miller auf der neusten Platte seiner Band The Low Anthem, aber so war das hoffentlich nicht gemeint von wegen blind vom Rauchen: Am 24. Juni postete die Band aus dem US-Bundesstaat Rhode Island auf Facebook ein Foto ihres Tourautos, die Motorhaube in der Mitte sauber zusammengefaltet, nachdem die Band frontal den Pfeiler einer Tankstellentafel gerammt hatte. Konzerte mussten abgesagt werden, aber das Quartett hatte Glück im Unglück und ist jetzt doch erstaunlich schnell wieder auf Tour.

Im Gepäck haben sie «Eyeland», ein in allen psychedelischen Schattierungen ausfransendes Konzeptalbum über ein abgebranntes Haus und die Kinder, die sich darob – sofern wir das richtig verstanden haben – in eine Traumwelt flüchten. Aufgenommen haben die Low Anthems das Werk in einem stillgelegten Opernhaus in ihrer Heimatstadt Providence. Noch immer betten sie sich gerne mal in andächtig gezupften Folk, aber wenn es dort zu flauschig zu werden droht, stürzen sie sich auf «Eyeland» immer öfter auch in kaleidoskopisch aufgebrochene Soundcollagen. Da wünschen wir doch einen schönen Trip zwischen Winterthur und Fribourg, und vor allem: Drive safely! 

The Low Anthem in: Winterthur Salzhaus, Di, 18. Oktober 2016, 20 Uhr; Zürich Bogen F, Mi, 19. Oktober 2016, 21 Uhr; Fribourg Fri-Son, Do, 20. Oktober 2016, 20 Uhr.

Hysterisch auf der Bühne

Sie ist Krankheit, sie ist Kunstform, sie ist Protest, und sie braucht immer: eine Bühne, ein Publikum. Die Rede ist von der Hysterie, die seit der Antike als vom männlichen Blick diagnostiziertes «Frauenleiden» durch die abendländische Kulturgeschichte geistert. Die Performancegruppe Big Notwendigkeit bringt die Hysterie jetzt als «grosse Lehrmeisterin des Widerspruchs» auf die Bühne. «Hysterology» heisst ihre Zusammenarbeit mit den ungarischen ChoreografInnen Laszlo Fülöp und Anna Biczok, in der die historischen «Stars» der Hysterie zucken und tanzen und in Zungen sprechen: also die klassischen Fallbeispiele, die Jean-Martin Charcot im 19. Jahrhundert für seine Studien benutzte, in der Salpêtrière in Paris, die mit ihren Kerkern und Gummizellen mehr Zuchthaus als Heilanstalt war. Ein hysterologischer Abend zwischen Präsentation und Selbstversuch, Lecture Performance und Melodrama.

«Hysterology» in: Bern Tojo Theater, Reitschule, Fr/Sa, 14./15. Oktober 2016, 20.30 Uhr. www.reitschule.ch

Roni Horn? Geschenkt!

Jeder von ihnen wiegt etwa fünf Tonnen, aber je nach Lichteinfall wirken sie manchmal leicht wie der Himmel: die grossen Glaszylinder der US-Künstlerin Roni Horn, die jetzt in der Fondation Beyeler mit einer Einzelausstellung gewürdigt wird. Sind diese mächtigen, trüben Dinger mit Flüssigkeit gefüllt, oder täuscht der Eindruck? Jedenfalls bilden die gläsernen Zylinder gleichsam ein tonnenschweres physisches Gegengewicht zu den Gewässern in der fotografischen Arbeit «Still Water».

Zum ersten Mal zu sehen sind in Riehen «The Selected Gifts», eine Serie aus 67 Fotografien, die je einzeln Geschenke dokumentieren, die Roni Horn seit 1974 bekommen hat. Da sieht man Bücher, einen Liebesbrief oder auch das versteinerte Ei eines Dinosauriers – ein Porträt der Künstlerin im Inventar ihrer Geschenke aus den letzten 42 Jahren.

Roni Horn in: Riehen Fondation Beyeler. Bis 1. Januar 2017.

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