Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

Beisst doch ins Gras!

Annette Hug belebt das Wort «dämlich» wieder

Von Annette Hug

Im Dezember 2019 zitierten Bekannte in Seoul und Manila die französische Königin Marie-Antoinette. Auf den Philippinen stieg der Preis von Galunggong, einer Art Makrele, drastisch an. Galunggong ist normalerweise ein günstiger Fisch, und so war die Preiserhöhung für ärmere Familien einschneidend. Cynthia Villar, Präsidentin des Landwirtschaftskomitees des philippinischen Senats, antwortete auf öffentliche Proteste mit der Aussage: «Dann esst doch etwas anderes. Gemüse ist sowieso gesünder!»

In Südkorea sprach eine Politikerin öffentlich über die fünfziger Jahre. Die seien nicht so schlimm gewesen. «Wir haben alle Klavier gespielt», sagte sie über ihre Jugend nach dem Koreakrieg. Damals waren Millionen aus ihren Dörfern und Städten vertrieben worden, Flüchtlingslager verwandelten sich in permanente Slums an den Rändern der Grossstädte.

Als Antwort auf diese Äusserungen war auf den sozialen Medien von Seoul und Manila ein Satz sehr präsent, der Marie-Antoinette zugesprochen wird: «Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.» Ich fragte mich, ob das sexistische Wort «dämlich» in diesem Zusammenhang wiederbelebt werden könnte. Marie-Antoinette stünde dann für die Ignoranz einer herrschenden Dame, die sich in Versailles vergnügt, während Paris hungert. Für Politikerinnen wie die Senatorin Cynthia Villar wäre diese Bezeichnung bedrohlich, denn das Volk von Paris hat sich bekanntlich erhoben, und Marie-Antoinette starb auf dem Schafott.

Aber die Damen fielen nicht auf, weil sie sich arrogant über ärmere ZeitgenossInnen äusserten, das tun auch männliche Politiker und Verwalter. Sie fielen auf, weil es immer noch weniger Frauen in Machtpositionen gibt. Cynthia Villar ist die Ehefrau eines Politikers, ihre Kinder rücken schon in wichtige Positionen nach. Sie steht für eine Kaste philippinischer Familien, die öffentliche Ämter als Möglichkeit der Selbstbereicherung ansehen. Ihr Senatskollege Ronald «Bato» (der Fels) dela Rosa, der 2016 und 2017 Polizeichef war und den mörderischen «Krieg gegen Drogen» unter Präsident Duterte anführte, wäre ein Kandidat für das männliche Äquivalent von «dämlich». Im Schwung der seuchenbedingten Ausnahmekompetenzen hat die Regierung ein gefährliches Antiterrorgesetz erlassen und dem ältesten privaten Fernsehsender die Sendelizenz entzogen. Dass die 20 000 Angestellten von ABS/CBN ein Problem haben könnten, wenn sie alle entlassen werden, stellte «Bato» in Abrede. «Es gibt viele andere Wege, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.»

In der vergangenen Woche ist einer der bekanntesten linken Bauernführer, Randy Echanis, in Manila gekidnappt, misshandelt und umgebracht worden. Auf der Insel Negros erschossen Unbekannte die Menschenrechts- und Gesundheitsaktivistin Zara Alvarez. Etwas weniger Beachtung fand die Nachricht, dass im Hauptort derselben Provinz, Bacolod, ein grösseres Spital ab sofort keine PatientInnen mehr aufnimmt, weil zu viele MitarbeiterInnen mit Covid-19 infiziert sind. Und Präsident Rodrigo Duterte murmelt in ein Mikrofon, MenschenrechtsaktivistInnen sollten doch in Beerdigungsinstituten arbeiten, wenn sie nur Tote zählen wollten.

Das würde ich «herrlich» nennen, wenn mir die ungebremste Brutalität dieser Regierung nicht langsam die Sprache verschlüge.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Über die aktuelle Serie politischer Morde und die Eskalation der Coronakrise auf den Philippinen informiert sie sich vor allem auf rappler.com.

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