Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Überall, nur nicht hier

Musik ist, wohin man sich wünscht. Der Soundtrack zur Netflix-Serie «Stranger Things» erinnert an eine Zeit, als ein echtes Monster das Grösste gewesen wäre.

Von Britta Helm

Als das Monster schliesslich erscheint – gesichtslos, blutrünstig und mit langen, dünnen Armen –, spielt es längst nicht mehr die Hauptrolle. Diese gehört in «Stranger Things» allem, was man nicht sehen kann. Der Leere etwa, die nach dem Verschwinden des zwölfjährigen Will die Lampen im Haus seiner Mutter flackern und die Mutter vor Verzweiflung fast verrückt werden lässt. Der Abenteuerlust, mit der sich Wills Freunde auf die Suche nach ihm machen, und den übernatürlichen Fähigkeiten des Mädchens Eleven, auf das sie dabei treffen. Und der Entschlossenheit, mit der Wills grosser Bruder Jonathan selbst alles gibt, um wenigstens die Reste seiner Familie wieder zusammenzubekommen.

Zu sehen ist das alles nur indirekt, in heimeligen Unheilszenen, wie direkt aus Stephen Kings und Steven Spielbergs frühen Achtzigern gesaugt – zu hören ist es klar und deutlich. Für den Score der ersten Staffel von «Stranger Things», nach deren Erfolg Netflix direkt die zweite angekündigt hat, heuerten die Produzenten Matt und Ross Duffer die Elektroband Survive an, deren atmosphärische Synthies alle Momente untermalen, in denen es spannend wird.

Die Stücke, die das texanische Duo für die ersten acht Folgen geschrieben hat, zitieren wie alles in dieser Serie die Vergangenheit, ohne sie zu persiflieren. Wenn ein paar Minuten nach Beginn jeder Folge zum Titelthema, in dem eine Basslinie wie ein Herzschlag klopft, die Leuchtschrift ins Bild schwebt, dann fühlt sich das so neu und so vertraut an, als sässe man wieder frisch gebadet und gekämmt im Schlafanzug vor dem Röhrenfernseher und dürfte ausnahmsweise länger aufbleiben, weil man fest versprochen hatte, keine Albträume zu bekommen. Was natürlich immer gelogen war.

Ein Entkommen gibt es nicht

Für den wahren Grusel sorgten schon in den echten Achtzigern nie die ungelenken Monster, sondern die Kinder, die sich ihnen ganz alleine stellen mussten. Und auch in «Stranger Things» sind die ahnungslosen bis heillos überforderten Erwachsenen keine grosse Hilfe, wenn es darum geht, Abenteuer zu bestehen. Das macht diese ja erst so verlockend.

Die Schlüsselsongs zu diesen Abenteuern kommen nicht von Survive, sondern von damals. Wenn die Teenagergeschwister der jungen Helden eine verbotene Poolparty feiern, dann läuft dazu «I Melt with You» der New-Wave-Band Modern English. Wenn es danach im elterlichen Schlafzimmer zur Sache geht, spielt die Popband The Bangles «Hazy Shade of Winter». Und wenn Jonathan seinem kleinen Bruder seine liebsten Songs vorspielt, dann gehören nicht nur Joy Division, David Bowie, Television und The Smiths dazu, sondern auch «Should I Stay or Should I Go» von The Clash. Immer wieder taucht der Song danach wieder auf, um Wills Familie zu verfolgen: «If I go there will be trouble, and if I stay it will be double.»

Ein Entkommen gibt es nicht. Während die anderen jungen ProtagonistInnen die üblichen Teenagerdummheiten begehen, um ihrem Vorstadtleben zu entfliehen, flüchtet sich Jonathan vor seiner kaputten Familie und den coolen Kids in der Schule in den Postpunk und Wave seiner Zeit. Die Musik liefert nicht einfach nur den Soundtrack zum Eskapismus, sie muss als vorläufiges Ziel schon reichen, weil ein Teenager in einer US-Kleinstadt Anfang der achtziger Jahre nicht weit kommt.

Mehr als Stimmen aus dem Radio

So wenig die meisten ZuschauerInnen es damals auch mit echten Monstern zu tun bekamen, so sehr eint sie doch alle die Erinnerung an das Gefühl, dass endlich etwas passieren müsste. Sei es aus überbehüteter Langeweile oder dysfunktionaler Hoffnungslosigkeit heraus: So ein übernatürliches Abenteuer hätte schon viel retten können. Wenigstens die Musik war echt.

Genau wie Jonathan musste man sie für sich entdecken, um dann alles auf ein Leben zu setzen, in dem The Clash oder David Bowie einmal mehr sein würden als die Stimmen aus dem Radio. Überall, nur nicht in der tristen Kleinstadt mit ihrer Enge und den Zwängen und der ganzen Misere, die schon mit fünfzehn so ausweglos schien. Dass man es irgendwo besser haben könnte, versprach einem keiner – aber die Musik liess es erahnen. Wenigstens dafür musste es sich lohnen, sich den Monstern zu stellen.

Übernatürliche Geschichten hatten schon immer mehr Freiheiten als realistische Erzählungen, aber sie müssen sich auch besonders bemühen, nicht völlig abzuheben. Den Kniff, die Handlung deshalb zurück in die Vergangenheit zu verlegen, haben vor «Stranger Things» schon andere für sich genutzt. Im Marvel-Blockbuster «Guardians of the Galaxy» sorgte nicht nur der tanzende Babybaum Groot für Herzchenaugen, sondern auch das Mixtape voller Songs der Sechziger und Siebziger. Und sogar die Stephen-King-Verfilmung «Stand by Me» von 1986 bekommt ihren besonderen Charme erst dadurch, dass sie 1959 spielt und Buddy Holly, die Chordettes und Jerry Lee Lewis den Soundtrack zum Sommer von vier Jungs liefern, die losziehen, weil sie eine Leiche sehen wollen.

Das Serienformat von «Stranger Things» tut nicht nur der Geschichte gut, die sich so über fast acht Stunden entfalten kann, sondern auch der Musik, die dazu spielt. Der instrumentale Survive-Score und die nostalgischen Songs kommen sich nie in die Quere, sondern ergänzen sich. Die Synthies schwellen und schweben immer dann, wenn bald etwas passiert. Und wenn es dann so weit ist und man weder Fingerzeige noch Dialoge braucht, übernehmen Postpunk, Wave und Pop von einst.

Sowieso scheinen sich brillante Soundtracks immer stärker auf Serien zu verlagern, so wie überhaupt inzwischen viel mehr Spannendes bei HBO und Netflix passiert als im Kino. Bei Musikdramen wie «The Get Down», das im New York der Siebziger spielt, der Countryserie «Nashville» oder auch «Hannah Montana», die Miley Cyrus zum Popstar machte, funktioniert der Soundtrack als Teil der Handlung. Serien wie «Girls», «Mad Men» oder «Mr. Robot» nutzen Songs umso sperriger als clevere Kommentare aufs Geschehen. «Stranger Things» schafft es, beides zu verbinden: Jonathan sucht sich The Clash gezielt aus; für seine Mutter bedeutet der Song eine Heimsuchung.

Nur einen Fehler sollte man nicht begehen: aus dem Erfolg von «Stranger Things» zu schliessen, dass früher alles besser war. Nicht die Achtziger machen die Musik schliesslich unvergesslich, sondern diejenigen, die damals schon dabei waren und sich zu «Should I Stay or Should I Go» aus ihren Vorstädten herausträumten. Das geht immer noch, es klingt nur anders. So wie bei Millie Bobby Brown, der zwölfjährigen Schauspielerin hinter der Figur Eleven, die seit dem Erfolg von «Stranger Things» durch sämtliche Fernsehshows gereicht wird. Bei Jimmy Fallon etwa durfte sie ihr Raptalent vorführen und suchte sich als Kind ihrer Zeit dafür natürlich Nicki Minajs Strophe aus Kanye Wests Überhit «Monster» aus.

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