Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Stapipapo

Stefan Gärtner über die verrückteste Wahl der Schweiz

Von Stefan Gärtner

Die Menschheit, die westliche zumal, ist ja überwiegend politikverdrossen, und das wäre bereits der erste Grund, sich über die anstehende Wahl der Berner Stadtpräsidentschaft zu freuen: dass sage und schreibe 9000 (oder immerhin 9) Bewerber und Bewerberinnen für das Amt kandidieren, allein 3 von der SVP. Wer nach Deutschland und seiner hervorragenden Sozialdemokratie blickt, wird schnell erkennen, dass hier die Lösung für den dort anhängigen Kandidatenkonflikt liegt: dass nämlich Sigmar Gabriel und Martin («EU») Schulz einfach beide als Bundeskanzler kandidieren, was ihre Chancen sehr verschlechtern und eine sozialdemokratische Herrschaft unmöglich machen wird, und das kann ja, ich bitte, erst mal nicht verkehrt sein.

Es gibt aber noch einige Gründe mehr, die Berner Wahl schon jetzt für die aufregendste, verrückteste, jedenfalls bemerkenswerteste zu halten, die die Schweiz und die Welt zuletzt gesehen haben, und der nächstbeste wäre, dass es in Stadtbern sage und glaubs nicht vier (!) grüne Parteien gibt, für deren eine, die Grüne Freie Liste, Alec von Graffenried antritt, und der will sich, obzwar Jurist statt Ingenieur, «als Brückenbauer positionieren, der Sachpolitik fernab von ideologischen Grabenkämpfen betreibt» (derbund.ch). Das ist toll, weil originell, denn gerade grüne Parteien (z. B. im Reich), die ihre Grabenkämpfe hinter sich haben, lassen am Ende Bomben auf serbische Krankenhäuser werfen und schicken Arbeitslose nach einem Jahr in die Armut (Hartz IV): unideologische Sachpolitik, wie sie «uns» (so die reichsgrüne «taz», Berlin) zum beliebtesten Land der Welt gemacht hat.

Da will «Sir Alec» (Kollegenspott) natürlich ebenfalls hin, wie seine GFL den Ehrgeiz hat, «zwar grün zu sein, aber sozialpolitisch rechts zu stehen» (WOZ Nr. 5/16). Das «zwar, aber» wäre in Deutschland ein wirklich guter Witz, und auf dem Foto im «Bund» sieht von Graffenried auch schon so grau und sach- und machtorientiert aus wie seine deutsche Kollegin Göring-Eckardt, die einst nicht anstand, das Hartz-Programm als «Bewegungsangebot» zu begrüssen.

Jedenfalls braucht dieser heisse Wahlkampf keine Ideen mehr, denn ein Poster mit dem grauen von Graffenried und dem Slogan «Für ein buntes Bern» wäre höchstens halb so stark wie «Dy Stapi»; da wird es Ursula Wyss (SP, «Die Stapi») sehr schwer haben. Nicht auszudenken, wenn jetzt auch nur einer der SVP-Kandidaten auf das mindestens von oben herab naheliegende und autoritäre Neigungen unschön kitzelnde «Die Geheime Stapo» kommt. Oder wenigstens «Dy Stupor». Beziehungsweise «Lady Di«!

Und aber apropos: «Wirds Wyss? Oder von Graffenried? Oder doch jemand anders? Diese Fragen kann Werner Seitz natürlich nicht beantworten. Er ist Politologe, kein Orakel», und die «Berner Zeitung» ist eine sexy Newsbombe und keine Altphilologin, die wissen müsste, was ein Orakel nun eigentlich ist und tut; und hat über ihren Text aber immerhin ein Foto von Seitz geklebt, auf dem der «RGM-Gründer» vor seinem Bücherregal steht, und auf 3 Uhr stehen blaue Bände Marx und Engels, und auf 1 Uhr sehen wir eine Grossflasche Averna-Likör, zur Hälfte ausgetrunken. Damit wäre ja nun mindestens mein Kandidat sofort gefunden, und dass er nicht antritt und ich gar nicht wählen darf, ist vielleicht das Einzige, was mir an dem ganzen Berner Stapipapo missfallen darf.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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