Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Mehr «Aktivistin im Herzen» als Parlamentarierin

Bei den Berner Stadtratswahlen hat die Alternative Linke Bern überraschend einen zweiten Sitz gewonnen. Die frisch gewählte Tabea Rai ist etwas überrumpelt.

Von Merièm Strupler (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Der Medienrummel ist ihr suspekt, aber Theater spielt sie gerne: Tabea Rai im Berner Progr.

«Das ist doch ein Witz, dachte ich», sagt Tabea Rai, «die nehmen mich auf den Arm.» Sie hatte am Berner Wahlsonntag nicht mehr auf die Auszählung gewartet, war müde und ging ins Bett. Als Fünfte auf der Liste der Alternativen Linken (AL) Bern malte sie sich keine grossen Chancen aus. Am Montagmorgen riefen ihr FreundInnen an, um zu gratulieren, aber sie glaubte ihnen kein Wort. Erst als sich die Medien meldeten und sie schon am frühen Nachmittag zu Hause porträtieren wollten, realisierte sie: Sie wird tatsächlich Stadträtin im Parlament.

Für das Treffen mit der WOZ schlägt sie den Progr vor, das alternative Zentrum für Kulturproduktion in der Berner Innenstadt. Die 23-Jährige aus Bümpliz ist klein und zierlich und trägt einen Kurzhaarschnitt. Der plötzliche Medienrummel ist ihr suspekt. Sie möge sich nicht so in den Mittelpunkt stellen und eine Show machen, sagt sie.

Theater spielt sie hingegen gerne, so kam sie auch zur AL Bern. 2013 machte sie beim Theaterprojekt «Keine Hausarbeiterin ist illegal» mit, zusammen mit Christa Amman, die bereits für die AL im Stadtrat sass. Zu dieser Zeit begann sich Rai vermehrt für politische Aktionen zu interessieren, ging öfter an Demonstrationen und in die Reitschule. Bereits 2014 kandidierte sie als «Listenfüllerin», wie sie es nennt. Tabea Rai sei sehr direkt, auf eine gute Art, sagt Parteikollegin Amman. Nicht angriffig, vielmehr nenne sie die Dinge beim Namen. «Sie macht ihr Ding, ist bodenständig und überlegt.»

«Dann gehts schon voll los»

Rai hat eine Lehre zur Fachfrau Betreuung abgeschlossen und beginnt demnächst eine Weiterbildung zur Sozialpädagogin. Und sie scheint ein Talent dafür zu haben, von Ereignissen etwas überrumpelt zu werden. Anfang 2016 kam sie durch Bekannte zur Lesbenorganisation Schweiz (LOS), dort wollte sie erst einmal «ein bisschen reinschauen und mithelfen» – im April war sie bereits im Vorstand. «Das ist typisch. Ich denke, ich schau mal ein wenig, aber dann gehts schon voll los.»

Im Berner Stadtrat ist Rai nicht die einzige frischgebackene LinksaussenpolitikerIn: Ab Januar werden mit ihr die 20-jährige Annina Joos (Junge Alternative JA!), der 23-jährige Mohamed Abdirahim (Juso) und die bereits bekanntere Juso-Präsidentin Tamara Funiciello (26) neu im Parlament sitzen. Und nicht nur im Berner Stadtrat waren junge linke Frauen erfolgreich: Auch im bürgerlichen Muri BE sind zwei achtzehnjährige Gymnasiastinnen für die Grünen ins Gemeindeparlament gewählt worden.

Rais politisches Profil passt zur AL Bern: Sie wünscht sich mehr Solidarität mit Geflüchteten, Freiräume und eine autonome Drogenpolitik sind ihr wichtig. Im Parlament will sie sich gegen den Abbau von Sozialleistungen für kranke und beeinträchtigte Menschen einsetzen. Gerade in ihrem Arbeitsalltag als Betreuerin von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung sieht Rai konkret, was die Sparmassnahmen auslösen – wie wenig Personal teilweise für die Betreuung zur Verfügung steht.

Auch der Rechtsrutsch in Europa beschäftigt Rai und wie sich dieser in der Gesellschaft widerspiegelt, «zum Beispiel, wenn in den sozialen Medien mit hasserfüllten Kommentaren gegen People of Colour oder LGBTI* gehetzt wird.» In der Bildung sieht Rai eine Möglichkeit, etwas gegen Diskriminierung und Intoleranz zu unternehmen. «Wenn diese Themen vermehrt in die Schulbücher eingebaut würden, mal eine Regenbogenfamilie das Beispiel in einer Dreisatzrechnung wäre, würde dies schon etwas verändern», sagt Rai.

«Ich bin, wie ich bin»

In der Berner Gemeinde Rubigen aufgewachsen, war Rai früh mit Rassismus konfrontiert. Die Familie, die Mutter Schweizerin, der Vater ursprünglich aus Indien, war im konservativen Dorf nicht willkommen. Heute lebt Tabea Rai in einer Wohngemeinschaft in Bümpliz, dort gefällt es ihr. Aber als eine Anwohnerin den Kindern aus der nahe gelegenen Asylunterkunft verbieten wollte, mit den Kindern aus Rais Siedlung zu spielen, intervenierte sie wütend. «Das habe ich als Kind selbst auch erlebt.»

Noch immer ist Rai mit rassistischen Zumutungen konfrontiert: «Wenn Leute meinen, sie müssten Ausländerhochdeutsch mit mir sprechen und nicht merken, dass ich berndeutsch antworte.» Bei Bewerbungen ruft sie zuerst an, bevor sie Unterlagen schickt. «Die Leute machen sich anscheinend schnell ein Bild von mir – ich bin dann einfach die Ausländerin.»

Eigentlich wollte Tabea Rai nie einer Partei beitreten. Sie hält nichts davon, eine Parteimeinung vertreten zu müssen. Aber in der AL Bern werde man als Individuum gesehen, und die Partei sei nicht hierarchisch aufgebaut. Im Hinterkopf hat sie aber das grosse Ganze: «Wie friedlich könnte die Welt sein, wenn man einander einfach akzeptieren und annehmen würde, so wie man ist? Warum müssen die einen stets denken, sie seien etwas Besseres?», fragt sich Rai. Sie hat sich den Text von John Lennons «Imagine» tätowieren lassen – ihr Lieblingslied.

Von der Aktivistin zur Stadträtin – wird sich Rai im Parlament anpassen müssen? «Ich bin, wie ich bin. In der AL sind wir ja sowieso mehr Aktivistinnen und Aktivisten im Herzen als Parlamentarier. Ich glaube nicht, dass nun jemand von mir erwartet, dass ich mich anders verhalte. Darauf hätte ich auch keine Lust.»

* Abkürzung aus dem Englischen für: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender, Intersexuell.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch