Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Warum so fad, Herr Dylan?

Von Daniela Janser

Man könnte so einen Literaturnobelpreis ja auch ablehnen. Jean-Paul Sartre machte es 1964 vor. Gut, er hatte handfeste politische Gründe. Radikal unabhängig wollte er bleiben und deshalb jede sozialistische, aber eben auch jede bürgerliche Auszeichnung zurückweisen. Bob Dylans seit Wochen zur Schau gestellte Irgendwie-habe-ich-einfach-keine-Lust-Attitüde wirkt etwas weniger fetzig dagegen. Mehr so wie ein Teenie, der um keinen Preis das Zimmer aufräumen will und auch nicht darüber reden mag.

Dem Fass den Boden schlägt nun aber die Dankesrede aus, die Dylan in Stockholm verlesen liess. Er selbst war nicht da, er habe andere Pläne. Aber er schickte sein Gschpänli Patti Smith vorbei, die einen Song von ihm vortrug. Ob sie den wenigstens selbst aussuchen durfte, entzieht sich unserer Kenntnis. Die schwedische Königin verdrückte ein Tränchen.

Aber eben, die Rede. Darin vergleicht Dylan sich eher unbescheiden mit Shakespeare. Um dann total erstaunt zu behaupten, dass er sich noch gar nie gefragt habe, ob seine Songs Literatur seien. Gibts sonst einen klugen Gedanken oder eine poetische Pointe, die man zitieren möchte? Fehlanzeige. «Don’t Think Twice, It’s All Right» ist eventuell kein so guter Ratgeber beim Redenschreiben.

Ärgerlicher als die öde Danksagung ist höchstens das plötzliche Verstummen der Dylan-Versteher – und der selteneren Dylan-Versteherinnen. Sie, denen sonst zu jedem Krächzen des Meisters und auch noch zur 2050. Live-Interpretation von «All Along the Watchtower» spaltenlange Elogen einfallen, verfielen angesichts der lauen Ansprache in lautes Schweigen. «True Love Tends to Forget»? Wir sagen: «Something’s Burning, Baby.» Und es stinkt.

George Bernard Shaw lehnte 1925 den Nobelpreis zuerst ab, nahm ihn dann doch an und verschenkte die Preissumme. Ein Vorbild?

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