Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Die eigensinnige Malerin

Von Daniela JanserMail an AutorIn

«Sogar wenn ich verlobt wäre, würde ich, glaube ich, auch weniger schreiben als die meisten Bräute», entschuldigt sie sich am 27. Februar 1902 in einem Brief an ihre Tante Marie. «Ich will Dich recht bombardieren, auf dass Du gar nicht anders kannst, als auch viel schreiben», schreibt sie ein knappes Jahr später ihrem Gatten Otto und dessen Tochter aus erster Ehe aus Paris. Knapp sechs Jahre später ist sie schon tot.

Die letzten Jahre ihres Lebens verbringt sie aber nicht in der freigeistigen Hauptstadt der modernen Kunst, sondern in einem kleinen Bauerndorf vor den Toren Bremens. Dort arbeitet sie unter widrigen Umständen daran, selbst als Malerin anerkannt zu werden, statt nur für ihren Künstlermann und seine Kaufinteressenten Braten und Kuchen in den Ofen zu schieben.

Ihr halbes Leben lang kämpft sie gegen den herablassenden Starrsinn der Zeit und der Tradition, zuweilen auch gegen den eigenen Ehemann, der es zwar gut meint, was aber oft falsch herauskommt. Auch gegen die inneren Dämonen muss sie sich wehren, die vielleicht vor allem aus den prekären äusseren Widerständen erwachsen. Keine Kunstakademie, bloss eine Malschule darf sie als Frau besuchen. Ernsthaft wird damals noch debattiert, ob Frauen überhaupt eigenständigen künstlerischen Ausdruck haben können oder sollen. Diese Zermürbung ihres Talents im beschwerlichen Alltag und durch subtilen oder groben Unverstand muss auf die Dauer jeden Verstand rauben.

Dabei erscheinen die Sujets der Malerin auf den ersten Blick nicht mal provokant: Landschaften, Stillleben, Porträts, auffallend oft von Frauen. Doch Technik und ausgefallene Perspektiven lassen aufmerken. Sie malt menschliche Profilansichten, die einen das Fürchten lehren mit ihren ungeschönten Zuspitzungen in Ausdruck und Physiognomie. Wenn männliche Künstler aus der Zeit Frauen mit Kleinkind auf die Leinwand bringen, sieht das aus wie weich- und heilgezeichnet: weltabgewandte, versunkene Pietà-Symbiosen vor sanften Naturkulissen. Bei ihr ist alles direkter, frontaler, nackter – unwiderstehlicher auch. Sie malt nicht nur mit dem Pinsel, sondern modelliert auch oft mit dem Spachtel: Gesichter erheben sich als zerklüftete 3-D-Landschaften, wie abblätternde alte Farbe an einer Hauswand. In einem der vielen Selbstporträts wirken ihre Augen wie schwarze Löcher oder Kohlestücke – verwandt den Augen eines bekannten Dichters und Freunds, den sie in ähnlichem Stil porträtierte.

Wer war die Künstlerin, die im November 1907 nach einer schwierigen Geburt an einer Embolie starb, im Alter von erst 31 Jahren?

Wir suchten die expressionistische deutsche Malerin Paula Modersohn-Becker aus der legendären Künstlerkolonie in Worpswede. Unter dem unnötig anbiedernden Titel «Paula» kommt am 22. Dezember ein mal kitschiger, mal anrührender Spielfilm über ihr Leben ins Kino. Die Titelrolle spielt Carla Juri, ihr Dichterfreund Rainer Marie Rilke wird gespielt von Joel Basman.

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