Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Mmh … Broccoli!

Von Franziska Meister

«Forscher haben herausgefunden …» Wenn Meldungen so anfangen, stehen ihre Chancen nicht schlecht, Eingang in diese Glosse zu finden. Schliesslich hat auch die universitäre Verkünditis wissenschaftlicher Resultate längst postfaktische Dimensionen angenommen und wird von vielen Medien ungefiltert weiterverbreitet. Dabei genügt mitunter bereits ein Blick in die Originalstudie, um den Elefanten zu einer Mücke zu redimensionieren. Und manchmal braucht es für News aus der Wissenschaft nicht mal mehr eine Studie. So haben sich ForscherInnen der Deakin University in Melbourne mit der Frage beschäftigt, «weshalb Kinder Broccoli nicht mögen». Und sind aufgrund ihrer sensorischen Forschung zur Erkenntnis gelangt, dass der Lernprozess bei der Geschmacksentwicklung eine grosse Rolle spielt. Will heissen: Kinder müssen eben lernen, Broccoli zu mögen, indem sie ihn immer wieder probieren.

Dass ein übermässiger Konsum zum gegenteiligen Effekt führen kann, ist Russell Keast und seinem Team durchaus bewusst – auch wenn sie es am Beispiel von Alkohol erläutern. (Weshalb wir dann wieder froh sind, dass ihre Forschungserkenntnisse nicht auf einer Studie mit Kindern beruhen.) Warum ausgerechnet Broccoli so oft nicht gemocht wird, habe evolutionsbiologische Gründe: «Da Gemüse immer in ausreichender Form vorhanden war, benötigte der Mensch kein intensives Verlangen, um es aufzuspüren.» (Broccoliwälder in der Steinzeit? Welch sensationelle Entdeckung!) Ausserdem entspreche die Abneigung gegen Broccoli quasi einem Urinstinkt – die darin enthaltenen Bitterstoffe würden als Gefahr wahrgenommen.

Selbstverständlich hat Keast auch für dieses Problem eine Lösung parat: Unsere Geschmacksnerven müssen überlistet werden. Anreize dazu bietet eine Vielzahl an medial aufgebauschten (Pardon: aufbereiteten) Forschungsresultaten: Broccoli als «Superfood», das Krebs vorbeugt und autistische Menschen sozialer und kommunikativer macht, oder als «Jugendelixier», das für volles Haar sorgt und Arthritis verhindert. Doch um eine kognitive Überlistung geht es Keast nicht. Er schwärmt vom Essen als einem multisensorischen Erlebnis, dessen Täuschungspotenzial es zu nutzen gelte.

Geben Sie sich also einen Ruck und tunken Sie mit Ihren Kindern über die Festtage mal ein paar Broccoliröschen in ein Schoggifondue. Oder legen Sie Ihrem Liebsten das neuste Gadget aus der Wissenschaft unter den Baum: Das Gerät stimuliert die Geschmacksnerven auf der Zunge so, dass Broccoli nach Schokolade schmeckt.

Alles über den Zungenkitzler «Taste Buddy» auf www.20min.ch/digital/news/story/Dieses-Geraet-laesst-Broccoli-nach-Schog....

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch