Nr. 02/2017 vom 12.01.2017

Vor den Nazis nach Nizza geflüchtet

Von Rahel Locher

Sie legt Zeugnis von ihrer Verfolgung ab, schon bevor das NS-Regime kapituliert hat: die jüdische Buchhändlerin Françoise Frenkel, die 1939 ihren französischen Buchladen in Berlin zurücklässt und sich nach kurzem Aufenthalt in Paris mehrere Jahre bei Nizza versteckt. Da, wo später auch ihr 1945 erstmals erschienenes Buch «Nichts, um sein Haupt zu betten» auf einem Flohmarkt wiederentdeckt wurde. Die in Polen geborene Frenkel erinnert sich darin an die Stationen ihrer Flucht und zeichnet ein Stimmungsbild Frankreichs zu Beginn der vierziger Jahre.

Im Norden die von Deutschland besetzte Zone, im Süden das Vichy-Regime, ist Frankreich nicht nur geografisch ein geteiltes Land: Françoise Frenkel schildert in ihren tagebuchartigen Aufzeichnungen, wie viele französische Zeitungen «voller Begeisterung die Nazi-Theorien» verbreiten und die jüdische Bevölkerung zum Sündenbock machen. Sie zeigt aber auch die Hilfsbereitschaft vieler FranzösInnen gegenüber den jüdischen Geflüchteten, die zum Teil einer generell ablehnenden Haltung den Deutschen gegenüber entstammt.

Bedingungslose Unterstützung erfährt Frenkel etwa durch das Ehepaar Marius in Nizza, das ihr Unterschlupf bietet, obwohl auch ihnen eine Verhaftung droht. Bei einer Polizeikontrolle kann sich Frenkel gerade noch im Schrank der Marius verstecken. Darauf verlässt sie Nizza und mietet sich für eine beträchtliche Summe auf einem Landgut in den Bergen ein. Doch im Dorf geht bald das Gerücht um, eine nicht angemeldete Ausländerin lebe im Schloss. Die Schlossherrin setzt mit ihrem Ausruf einen Kontrapunkt zur Hilfe der Marius: «Hätte ich alle diese Scherereien vorausgesehen, niemals hätte ich diese Aufgabe übernommen. Nie und nimmer!» Nun kommt Frenkel bei verschiedenen Personen unter, weiterhin unterstützt vom Ehepaar Marius.

Obwohl immer wieder Angst und endloses Warten spürbar werden, sind die lebendigen Schilderungen in «Nichts, um sein Haupt zu betten» selten bedrückend. Vielmehr verweisen sie auf einen unbesiegbaren Lebensmut.

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