Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

Die Ökopionierin, die das Schreiben liebte

Von Bettina Dyttrich

Die junge Frau fühlt sich zerrissen. Soll sie Schriftstellerin werden, wie sie es sich schon als Kind wünschte, also das Literaturstudium fortsetzen? Oder doch ins Fach wechseln, das sie immer mehr fasziniert: die Biologie? Obwohl sie viel nachholen muss, entschliesst sie sich für den Wechsel. Eineinhalb Jahre später schliesst sie ihr Bachelorstudium ab – magna cum laude. Es ist Sommer 1929 in Pittsburgh, sie ist 22.

Dass sie studieren kann, ist nicht selbstverständlich; die Familie ist ausgebrannt. Aber die Mutter unterstützt ihre wissbegierige Tochter. Um die Studiengebühren zu bezahlen, verkauft sie Familienporzellan und Tafelsilber.

Nach dem Bachelor zieht es die junge Frau ans Meer; ihren Master schreibt sie über die Entwicklung der Vorniere von Fischen. Für ein Doktorat reicht das Geld nicht mehr. In ihrem neuen Job beim nationalen Fischereibüro verfasst sie Skripte für populärwissenschaftliche Radiosendungen über Fische – und entdeckt, dass sich ihre beiden Leidenschaften, das Schreiben und die Biologie, perfekt ergänzen. Drei Bücher widmet sie dem Meer. Das zweite wird zum Bestseller, bringt ihr finanzielle Unabhängigkeit und ein Ferienhaus an der Atlantikküste. Und Neid: Viele ihrer männlichen Zeitgenossen wollen nicht glauben, dass eine Frau solche Bücher schreiben kann. Ist der Name etwa ein Pseudonym? Bestimmt sei sie eine grobe, kräftige «Amazone», spekulieren Rezensenten. Aber nein, sie ist feminin und zierlich – warum heiratet sie denn nicht?

Die Reaktionen auf ihr viertes und berühmtestes Buch fallen noch heftiger aus. Als eine der ersten WissenschaftlerInnen prangert sie den sorglosen Umgang mit Pestiziden an, der nach dem Zweiten Weltkrieg völlig überbordet: Riesige Flächen werden aus der Luft besprüht, um dieses oder jenes Insekt auszurotten, auch Menschen behandelt man gegen Mücken und Läuse direkt mit DDT. Sie warnt vor einem Massenaussterben der Vögel, der Anreicherung von Giften in der Nahrungskette und weist auf die unheilsame Verbandelung von Universitäten und Chemieindustrie hin. Es hagelt sexistische Reaktionen gegen die «alte Jungfer» und «Kommunistin». «Wir können ohne Vögel und Tiere leben, aber nicht ohne Wirtschaft», schreibt ein erzürnter Leser. Doch die Politik nimmt das Buch ernst, Präsident John F. Kennedy spricht darüber, sie wird an ein Hearing des Senats eingeladen. 1964, zwei Jahre nach der Veröffentlichung, stirbt sie an Krebs. Heute gilt sie vielen als wichtigste Pionierin der Umweltbewegung überhaupt.

Wir fragten nach der US-amerikanischen Zoologin Rachel Carson, die 1962 ihr berühmtestes Buch, «Silent Spring» («Der stumme Frühling»), veröffentlichte.

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