Nr. 04/2017 vom 26.01.2017

«Sie verlieren auch ihre Identität»

Wo sie früher Reis anbauten, erstrecken sich jetzt Kautschukplantagen: Der Schweizer Regisseur Mehdi Sahebi drehte seinen Film «Mirr» mit enteigneten Bauern in Kambodscha.

Interview: David Hunziker

WOZ: Herr Sahebi, Ihr Dokumentarfilm «Mirr» erzählt von einer Dorfgemeinschaft in Kambodscha, die von ihren Feldern vertrieben wurde. Die Szenen darin haben Sie mehrheitlich inszeniert. Wieso haben Sie das so gemacht?
Mehdi Sahebi: Man hat mir immer wieder vorgeworfen, mein Film sei nicht genug dokumentarisch oder wissenschaftlich. Aber mir ging es nicht darum, einen informativen Film zu machen, sondern darum, das Volk der Bunong selber zu Wort kommen zu lassen, ihnen eine Stimme und ein Gesicht zu geben. Menschen wie Binchey, die Hauptfigur des Films, kommen nicht einmal in einer Statistik vor. «Mirr» ist auch der erste Film in der Sprache der Bunong.

Der Staat und die Firmen, die den Bunong das Land wegnehmen, kommen im Film nur am Rand vor …
Meine Vision als Ethnologe und Filmemacher war, einen Blick aus dem Inneren der heutigen Lebenswelt der Bunong zu zeigen, indem ich einen einzigen Betroffenen und seine Familie ins Zentrum rücke. Ich habe alle Szenen mit Binchey besprochen, denn ich wollte wissen, welche Aspekte für ihn am wichtigsten sind. Die Entscheidung, diese radikal subjektive Perspektive einzunehmen, hat natürlich zur Folge, dass der globale Kontext von Bincheys Problem, die politischen Zusammenhänge, die zu seiner verzweifelten Situation geführt haben, nicht erklärt werden können. Nicht zuletzt auch, weil Binchey sie selber nicht versteht.

Wie sind Sie so nahe an ihn herangekommen?
Über einen Zeitraum von drei Jahren war ich immer wieder in Kambodscha. Ich hatte kein Filmteam dabei, nur einen Übersetzer. Ich habe bei Binchey gewohnt und sehr viel Zeit mit ihm verbracht. Ich fühlte mich ihm sehr verbunden. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich in den achtziger Jahren gezwungen war, aus dem Iran zu flüchten, und ebenfalls die Erfahrung gemacht habe, der Heimat beraubt zu werden.

War es schwierig, diesen Film zu drehen?
Sie können sich nicht vorstellen, wie korrupt die kambodschanischen Behörden sind. Sie arbeiten mit den ausländischen Firmen zusammen, um den Bauern das Land wegzunehmen. Darum wollen sie unbedingt vermeiden, dass ihre Machenschaften im Ausland bekannt werden. Ein kanadisches Filmteam wurde einmal am Flughafen in Phnom Penh festgenommen, die Polizei konfiszierte dann ihr Filmmaterial.

Was ist an der Situation in Kambodscha einzigartig?
Die jetzige Situation hat viel mit der realsozialistischen Vergangenheit des Landes zu tun. Während ihrer Herrschaft haben die Roten Khmer sämtliche Urkunden im Land vernichtet, darum herrschte viel Unklarheit über die Besitzverhältnisse. Die Regierung macht sich das zunutze, nimmt den Bauern das Land weg und verpachtet es an ausländische Firmen. Die Lebensweise der Bunong wird dadurch verdrängt.

Im Film sieht man vor allem eine Folge davon: Die Männer haben nichts mehr zu tun und fangen an zu trinken. Haben sie gezögert, darüber zu sprechen?
Sie waren generell sehr offen. Trotzdem sagt ein Mann im Film ja, dass er sich schäme, wenn im Film der Alkoholismus als ein Problem im Dorf dargestellt werde. Doch eine Frau stellt sich dagegen und beharrt darauf, dass das Problem wichtig sei und erwähnt werden müsse. Die Frauen übernehmen auch mehr Verantwortung. Auf den Feldern machen sie die gleiche Arbeit wie die Männer, dazu müssen sie noch die Kinder erziehen und den Haushalt führen. Vor allem wegen ihnen können diese Gemeinschaften überleben.

Und die Männer zerbrechen daran, dass sie ihre traditionelle Rolle als Ernährer nicht mehr erfüllen können?
So einfach ist es nicht. Die Bunong lebten früher im Matriarchat. Man sieht das noch daran, wie selbstbewusst die Frauen auftreten. Sie verfügten früher über Land und Vermögen. Die Männer mussten nur die Felder bestellen. Durch die Moderne ist das alles durcheinandergeraten. Durch die Enteignungen verlieren die Bunong ja nicht nur ihr Land, sondern auch ihre Kultur, ihre Identität, die funktionierenden Strukturen ihrer Gemeinschaften.

Ihr Film ist sehr melancholisch, fast hoffnungslos. Was kann man tun?
Wichtig wäre, dass man die Leute vor Ort unterstützt. Dass die Bunong ihre eigenen NGOs führen. Und vor allem auch, dass sie Schulbildung in ihrer eigenen Sprache erhalten. Obwohl die Bunong ja ein schriftloses Volk sind.

Die Schrift ist ein zentrales Motiv des Films …
Wie viele kleine Völker in dieser Region Asiens haben die Bunong einen Mythos, wie sie ihre Schrift verloren haben. Das Bewusstsein der Schrift war also immer vorhanden, sie wollten damit aber nichts zu tun haben. Gemäss dem Ethnologen James Scott ist diese Ablehnung der Schrift in einer anarchistischen Grundhaltung begründet: Die Schrift wird als Herrschaftsinstrument angesehen und daher zurückgewiesen.

Aber kann es ihnen nicht auch Macht geben, wenn sie lesen und schreiben können?
Das ist sehr optimistisch gedacht. Natürlich ist es wichtig, dass sie sich schriftlich ausdrücken können. Aber ich sehe vor allem auch, wie durch die sogenannte Alphabetisierung ein grosser Teil ihrer oralen Tradition und damit ihre Kultur verloren geht.

«Mirr» ist in Solothurn für den Prix de Soleure nominiert. Ein Kinostart ist noch offen.

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