Nr. 10/2017 vom 09.03.2017

Der tägliche Kaffee auf die globale Ungleichheit

Wie können die Menschen im Norden ihr Handeln als legitim empfinden, obwohl sie alle Konsequenzen in den Süden auslagern? Diese Frage beschäftigt den Soziologen Stephan Lessenich in seinem Buch «Neben uns die Sintflut».

Von Rahel Locher

Wir beuten den Süden aus und überfluten die Welt mit Müll: Szene am Karlsplatz in München. Foto: Benno Grieshaber, Visum

Die aktuelle Dimension globaler Ungleichheit hat etwas Surreales: Acht Menschen – allesamt Männer – besitzen gleich viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also rund 3,7 Milliarden Menschen. Ein frappierendes Verhältnis.

Für sich allein zeigt es jedoch weder die konkreten Lebensumstände der Benachteiligten noch die weltweiten Verflechtungen von Reichtum und Armut auf. Dies zu tun, gehört ins Metier der Soziologie. Konkret in jenes des deutschen Soziologen Stephan Lessenich, der unter dem Titel «Neben uns die Sintflut» eine Gesellschaftsanalyse aus globaler Perspektive vorgelegt hat. Er schliesst damit an die These eines soziologischen Gründungsvaters an: «Après moi le déluge» ist Karl Marx zufolge der «Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation». Anders gesagt: Möge nach uns die Sintflut kommen, solange nur heute das Wirtschaftswachstum nicht nachlässt.

Geburtsrechtslotterie

Die Folgen dieser Produktionsweise bekommen Lessenich zufolge nicht nur kommende Generationen zu spüren. Die Katastrophen sind schon da. Nur geschehen sie nicht hier, sondern anderswo. Das Fiese an der ganzen Sache ist, dass die einen – die Bevölkerung des globalen Nordens – diese Katastrophen verursachen, während die anderen – die Menschen im globalen Süden – ihre Folgen ausbaden. Die «Geburtsrechtslotterie» entscheidet darüber, wer in den Genuss der Privilegien einer vergleichsweise grossen Bewegungsfreiheit und materiellen Sicherheit kommt und wer umgekehrt schon als Kind arbeiten muss, in einer schadstoffbelasteten Umwelt lebt und beim Versuch, die globalen Wohlstandsregionen zu erreichen, vielleicht im Meer ertrinken wird.

Ein «Übelstand», der gegenwärtig heftig ins Bewusstsein der europäischen Bevölkerung drängt: in der Form von Körpern, die Stacheldrahtzäune überwinden, das Meer zu überqueren versuchen oder in der winterlichen Kälte auf dem Balkan oder den griechischen Inseln ausharren müssen.

Empörte Hartz-IV-EmpfängerInnen

In diesem Kontext entstand auch die Idee zu Stephan Lessenichs Buch: «Ich entwickelte die These der Externalisierungsgesellschaft in engem Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise. Sie gab den Anstoss, die Verbindungen zwischen Migration und Wirtschaftspolitik aufzuzeigen», so Lessenich im Gespräch.

Wieso aber wird die globale Ordnung in ihrer ganzen Ungerechtigkeit einfach hingenommen? Den ProfiteurInnen der Externalisierungsgesellschaft (also uns im globalen Norden) schreibt Stephan Lessenich in seinem Buch eine Haltung zu, die es als «möglich, üblich und legitim» erscheinen lässt, die Konsequenzen der eigenen Lebensweise an andere auszulagern. Gleichzeitig werde das Wissen darüber ausgeblendet. Wir alle, so Lessenich, zögen einen Vorteil aus der globalen gesellschaftlichen Ungleichheit.

Mit dieser These weckt er durchaus Widerspruch. Er erzählt, wie er an einem Volkshochschulvortrag in Berlin schon seinen zweiten Satz nicht zu Ende bringen konnte. «Hartz-IV-Empfänger unterbrachen mich: Es sei empörend zu sagen, dass sie den globalen Süden ausbeuten würden.» Lessenich streicht die politisch bedeutsame Doppelposition heraus, in der sich hiesige LohnarbeiterInnen und Unterprivilegierte befinden: «Man wird beherrscht und profitiert gleichzeitig von der Einrichtung der Verhältnisse.»

Beispielsweise beim alltäglichen Kaffeetrinken. Sich unterwegs rasch einen Kaffee im Pappbecher kaufen ist eine Gewohnheit, die sich erst seit der Jahrtausendwende durchgesetzt hat: aber quer durch alle Schichten und in einem Ausmass, das man sich vorstellen muss als einen Müllberg von 7,6 Millionen Pappbechern täglich – allein in Deutschland. Und da sind die hohen sozialen und die Umweltkosten der Kaffeeproduktion noch gar nicht mitbedacht.

Und nun? Sollten wir einfach alle keinen Kaffee mehr trinken – oder wenigstens keinen aus Pappbechern?

Wunschdenken und Verarschung

Auf die Frage, weshalb sich die grosse Mehrheit im Norden nicht darum schert, was ihre Lebensweise für Folgen hat, findet auch Lessenich keine zufriedenstellende Antwort. Sich etwa mit dem Glauben zu trösten, arme Länder würden sich nachholend modernisieren, sei nichts anderes als hilfloses Wunschdenken, wohlfeiles Lippenbekenntnis, ja gezielte Verarschung. Gleichwohl hält er am Optimismus des Willens fest, den der italienische Marxist Antonio Gramsci angesichts des Pessimismus des Verstandes postulierte. Und er wagt die Prognose, dass linke Projekte wie Landlosenbewegungen oder Gewerkschaften erstarken werden, als Folge von sich zuspitzenden Ressourcenkonflikten. «Die Veränderung wird vom globalen Süden ausgehen», ist er überzeugt.

Aber auch hierzulande gelte es, nicht bloss abzuwarten, sondern aktiv an der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse mitzuarbeiten, konstatiert Lessenich. Und zwar weniger in etablierten Parteien und Institutionen, in denen sich grundlegende gesellschaftsverändernde Ansätze kaum entwickeln könnten. Der Handlungsdruck müsse vielmehr auch hier von «aussen» kommen – von der globalisierungskritischen Bewegung etwa, die im Widerstand gegen das Freihandelsabkommen TTIP eine Renaissance erlebt, oder von Nichtregierungsorganisationen wie Medico International.

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