Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

Die künftige Frau

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Bevor sie ins Meer ging, um dort zu sterben, schickte sie ein Gedicht an die Zeitung «La Nación». Es trug den Titel «Ich gehe schlafen»: «(…) Bald geh ich schlafen, meine Amme, bring mich ins Bett. / Stell mir ein Lämpchen hin. / Irgendein Sternbild, das dir gefällt. / (…) Ach, noch eine Bitte: / Falls er noch einmal anruft / Sag ihm, es habe nun keinen Zweck mehr, ich sei gegangen.»

Die argentinische Zeitung druckte das Gedicht der Journalistin und Poetin nicht nur gleichzeitig mit ihrer Todesanzeige, sondern auch noch auf derselben Seite. Das war 1938. Als Vierjährige war sie 1896 mit ihren Eltern aus dem Tessin nach Argentinien ausgewandert. Ihre Ausbildung zur Lehrerin finanzierte sie sich als Sängerin und Revuetänzerin, was im erzkatholischen Land zu einem solchen Skandal führte, dass sie ein erstes Mal versuchte, sich das Leben zu nehmen. Als sie von einem verheirateten und viel älteren konservativen Politiker schwanger wurde, flüchtete sie in die Anonymität von Buenos Aires. Hier zog sie ihren Sohn alleine gross und arbeitete als Verkäuferin, Betreuerin von Behinderten und als Sekretärin.

Bereits als junge Frau hatte sie Gedichte veröffentlicht, bis zu ihrem Tod erschienen neun Gedichtbände. Berühmte Poeten wie Pablo Neruda und Federico García Lorca zählten zu ihrem Bekanntenkreis. Doch sie machte sich nicht nur als Lyrikerin einen Namen, sondern auch als Journalistin und Reporterin. Unter dem Pseudonym Tao Lao verfasste sie zahlreiche Reportagen und Kolumnen. Darin prangerte sie die verlogenen Moralvorstellungen der christlichen Gesellschaft an, war kritische Beobachterin der Entwicklung der Grossstadt Buenos Aires und verfocht vehement die Gleichstellung von Frau und Mann. Und dies gut dreissig Jahre bevor in Argentinien das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Sie habe immer wie ein Mann leben müssen, sagte sie 1931 in einem Interview: «Ich beanspruche für mich die Freiheit eines Mannes.» So tue sie nichts anderes, als die künftige Frau vorwegzunehmen, «denn die ganzen Moralvorstellungen für Frauen gründen in den gegenwärtigen wirtschaftlichen Machtverhältnissen. Noch immer ruht unsere Gesellschaft auf der Familie, die Familie auf der Autorität des Mannes, der derjenige ist, der Gesetze erlässt.»

Wer ist diese Frau, nach der in Buenos Aires eine Schule, eine Strasse sowie eine Bibliothek benannt sind und die durch ein Lied, gesungen von einer der bekanntesten argentinischen Sängerinnen, zu einem Mythos in ganz Lateinamerika wurde?

Wir fragten nach Alfonsina Storni, die sich nach einer Krebsdiagnose das Leben nahm. Darüber singt Mercedes Sosa im Lied «Alfonsina y el mar», komponiert von Felix Luna und Ariel Ramírez.

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