Nr. 15/2017 vom 13.04.2017

Von Donat Kaufmann

Mundartpop 2.0

«PRO». An diesem Album führte in den vergangenen Wochen kein Weg vorbei. Zu rege wurde es in den Kulturspalten besprochen, zu leidenschaftlich gerieten die Plädoyers, wenn es darum ging, die neue Platte der Berner Jeans for Jesus im Spektrum des Mundartpop einzuordnen. Überdies gelang der Band mit dem Album, was bereits der wissenschaftlich angelegte Pressetext anzustossen versuchte: Es hat eine Diskussion lanciert – darüber, was Popmusik darf und was nicht, darüber, wo die Grenze liegt zwischen Verkauf und Ausverkauf.

Auf «PRO» treffen sich Drake und Rihanna mit Kuno Lauener auf eine Runde wodkaversetzter Detox-Smoothies – irgendwo zwischen Berner Altstadtbeiz und Downtown-Clubeingang. Jeans for Jesus lassen potente R-’n’-B-Produktionen mit zerbrechlicher Dialektpoesie, Lifestyle mit Läbesschtiu kollidieren. In der Experimentierlust liegt die Sprengkraft von «PRO». Genauso gegensätzlich wie die Elemente, die auf dem Album zusammenfinden, sind die Reaktionen, die es hervorruft. Während sich ein prominenter Kritiker am fehlenden «Körpergeruch» des Mundartnachwuchses stört, wittern andere eine Ära neuer Dringlichkeit in der heimischen Popmusik. Und obschon der Graben zwischen Skeptikerinnen und Sympathisanten (Letztere sind deutlich in der Überzahl) nicht entlang der Generationen verläuft, dürften Alter und Hintergrund die Perspektive auf dieses Album – mehr noch als sonst – entscheidend beeinflussen. Die Referenzen liegen historisch und thematisch weit auseinander. Theodor W. Adorno kommt genauso zu Wort wie Jay-Z und Kurt Cobain. So präsentiert sich dieses Album je nach Lesart in einem komplett anderen Gewand. Genau wie das Genre, von dem es handelt, entzieht sich «PRO» immer wieder der Deutung. Aber wie jedes andere gute Album aus diesem Genre lässt es uns doch nicht los.

Jeans for Jesus in: Bern Reitschule, Dachstock, Fr, 14. April 2017, 22 Uhr (Plattentaufe); Laufen Biomill, Sa, 15. April 2017, 21 Uhr; Aarau Kiff, Fr, 21. April 2017, 21 Uhr; Düdingen Bad Bonn, Fr, 28. April 2017, 21 Uhr; Luzern Schüür, Sa, 13. Mai 2017, 21 Uhr.

Mit Wucht vorgetragen

Und wenn er dann zu singen beginnt, kratzt und zerrt seine Stimme erst recht. Mehr noch als zuvor lässt sie uns jetzt an schummrige Hafenspelunken denken, in denen sich dunkle Gestalten über leeren Whiskeygläsern die wildesten Seemannsgeschichten zuröcheln, wobei Realität und Fiktion im Dunst der Trunkenheit allmählich verschmelzen.

Die Stimme zu diesem Bild gehört Michael Fehr. Der gebürtige Berner gehört zu den umtriebigsten JungautorInnen der Schweiz. Eben hat er sein drittes Buch, «Glanz und Schatten», veröffentlicht. Er gründete Babelsprech, ein Projekt zur Förderung junger deutschsprachiger Dichtung, zudem ist er Juror beim Literaturwettbewerb Treibhaus, bis 2016 war er Teil des Hausautorenkollektivs am Luzerner Theater. Hinzu kommen künstlerische Kollaborationen wie aktuell jene mit dem Musiker Manuel Troller. Dabei singt Fehr, wie oben beschrieben, die Texte über quengelnde Gitarrenmuster.

Die Bilder, die Fehrs rauchig warme Stimme hervorrufen, passen dabei bestens zu seinen Erzählungen. Denn auch in diesen geht es herb zu und her. Wo andere AutorInnen mit chirurgischer Präzision vorgehen, greift Michael Fehr zu Hammer und Meissel. Seine Figuren sind kantig und roh, seine Geschichten ähneln bizarren Skulpturen. Er bearbeitet die Sprache mit wuchtigen, aber präzisen Hieben. Wie das klingt, verrät Fehr auf seiner aktuellen Tour, auf der er aus «Glanz und Schatten» vorliest. Oder eben singt.

Michael Fehr in: Luzern Neubad, Di, 18. April 2017, 20 Uhr; Biel Théâtre de Poche, Fr, 21. April 2017, 20 Uhr (mit Manuel Troller); Bern Schlachthaus Theater, Fr, 28. April 2017, 22 Uhr (mit Manuel Troller).

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch