Nr. 15/2017 vom 13.04.2017

Punk zwischen den Geschlechtern

Von Florian KellerMail an AutorIn

Es war ein standesgemässer Auftakt für eine Karriere als Punk, das Bürgertum war jedenfalls alarmiert: «These people are the wreckers of civilisation», ereiferte sich ein Abgeordneter der Tories über den Sohn eines Handelsreisenden und dessen Kunstkommune. Was war passiert? Die jungen Leute, die angeblich die Zivilisation verschrotten wollten, hatten im Londoner Institute of Contemporary Art eine teils offen pornografische Ausstellung eröffnet, unter Verwendung von Maden, gebrauchten Tampons und Exkrementen: alles, um «Prostitution als Paradigma für die Zustände im Kapitalismus» vorzuführen. Der Boulevard geiferte, die Schau wurde gar im Parlament traktandiert.

Ein paar Monate später, bei einem Konzert mit seiner Band, beschimpfte er bereits die Punks im Publikum: Anarchie und Musik, das gehe doch nicht zusammen. Die sprichwörtlichen drei Akkorde, die es für ordentlichen Punk braucht, waren ihm immer schon drei zu viel: «Du kannst ohne Akkorde anfangen.» Antimusik, das war das Ziel seiner Band, die nach einem Yorkshire-Slangwort für «steifer Schwanz» benannt war und die mit dem Begriff «Industrial» einen neuen Stil prägte. 1981 löste sich die Gruppe auf, mit einer neuen sang er nun recht lieblich zu gezupften Gitarren und Streichern.

Zehn Jahre später wurde er der britischen Yellow Press ans Messer geliefert. Razzia: Satanismus- und Pädophilieverdacht, der Sender Channel 4 wollte strafbare Videos gefunden haben, die ihn bei Sexritualen mit Kindern zeigen. Bald war klar: Auf den Filmen waren gar keine Minderjährigen dabei, ausserdem handelte es sich dabei um ein älteres Kunstprojekt, das – Ironie der Geschichte – sogar von Channel 4 gefördert worden war. Die Anwürfe lösten sich in Luft auf, seither lebt unser Mann in den USA.

Aber das Maskulinum ist hier ein Affront, denn der/die Gesuchte machte sich schon früh daran, die binäre Gendermatrix zu unterlaufen. Zu letzter Konsequenz trieb er/sie das in dem Projekt einer pandrogynen Geschlechteridentität, gemeinsam mit seiner/ihrer neuen Lebenspartnerin. Zusammen wollten sie den alten Traum von einer Verschmelzung in der Liebe durch die radikale Angleichung ihrer beider Identitäten in die Tat umsetzen – samt den erforderlichen chirurgischen Eingriffen. Mit dem Krebstod der anderen Hälfte fand dieses Lebensprojekt vor zehn Jahren ein jähes Ende.

Wie heisst die Galionsfigur des Postpunk, die in ihrem Künstlernamen ein sehr britisches Frühstück mit der Schöpfungsgeschichte verbindet und deren einstige Bandpartnerin nach einer Mozart-Oper benannt ist?

Wir fragten nach Neil Megson, besser bekannt als Genesis P-Orridge (67) von der britischen Noiseband Throbbing Gristle (1976–1981). Schon 1969 hatte P-Orridge zusammen mit Bandpartnerin Cosey Fanni Tutti (bürgerlich Christine Newby) die Kunstgruppe COUM Transmissions mitgegründet. Nach dem Ende von Throbbing Gristle gründete er/sie die Band Psychic TV. Bis zum Tod seiner/ihrer Partnerin Jacqueline Mary Breyer widmete sich P-Orridge zuletzt dem «Pandrogyny Project», mit dem die beiden durch wechselseitige Angleichung eine gemeinsame Person namens Breyer P-Orridge erschaffen wollten.

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