Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

Kein Döner, dafür Hafächabis

Von Silvia SüessMail an AutorIn

«Was isst die Schweiz?» So fragt eine Ausstellung, die zurzeit im Forum Schweizer Geschichte Schwyz zu sehen ist. Dort erfährt man laut Presseunterlagen Erstaunliches. Nämlich dass «unser täglich Brot mehr als blosse Nahrungsaufnahme ist. Essen ist Kunst, Kultur, Sozialgeschichte und Zukunftsforschung zugleich.»

Im Zentrum der Ausstellung scheint jedoch nicht zu stehen, was die Schweiz tatsächlich isst, wie es der Titel verspricht. Denn die von in der Schweiz lebenden Menschen häufig verzehrten Speisen wie Pizza, Pasta, Falafel oder Döner sucht man in den Unterlagen vergeblich. Dafür ist von Fondue die Rede und von der Kappeler Milchsuppe, es wird auf regionale kulinarische Spezialitäten wie Rohwurst aus Payerne, Mürbeteigfladen aus Graubünden oder Schwyzer Hafächabis mit Gummel verwiesen. Anhand von regionalem Folklorismus wird einmal mehr die Nostalgie einer bäuerlichen, urchigen Schweiz zelebriert, deren BewohnerInnen sich von Maggi, Birchermüesli und Fondue ernähren.

Laut einer aktuellen Erhebung des Bundes ist das Lieblingsessen der SchweizerInnen übrigens ganz einfach Fleisch. Mit 780 Gramm pro Woche übertreffen sie die empfohlene Menge von 240 Gramm um das Dreifache.

Dass mit der fleischfressenden Nation ein Geschäft zu machen ist, hat nun auch das Musikbusiness entdeckt: Das Open Air St. Gallen freut sich, «die Partnerschaft mit Proviande / Schweizer Fleisch, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, zu verkünden. Gemeinsam präsentieren sie zum ersten Mal auf dem Festivalgelände ein exklusives Campfire-Erlebnis. Über offenem Feuer können Würste, die bequem vor Ort bezogen oder auch mitgebracht werden, gegrillt werden.» Sogar geschnitzte Stecken liegen bereit – das Pfadifeeling ist garantiert. Und das alles mit echtem Schweizer Fleisch, das sich, wie wir aus einer anderen Pressemitteilung erfahren, durch Werte wie Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit vom ausländischen Fleisch abhebt. Essen ist eben tatsächlich mehr als blosse Nahrungsaufnahme.

Die Fleischbranche will ein DNA-Rückverfolgungssystem zum Herkunftsnachweis von Schweizer Fleisch einführen.

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