Nr. 19/2017 vom 11.05.2017

Hast du Spass mit Hass?

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Wer das Fürchten lernen will, liest die Kommentarspalten zum Trailer des aktuellen Films «Denial» auf der Videoplattform Youtube. Der etwas biedere, aber grundsolide Spielfilm «Denial» (Leugnen) schildert den Verleumdungsprozess, den der britische Holocaustleugner David Irving Ende der neunziger Jahre gegen die US-Historikerin Deborah Lipstadt und ihren Verlag Penguin Books angestrengt – und spektakulär verloren hat. Unter dem Trailer hetzen nun Irving-Fans und andere AgitatorInnen gegen JüdInnen und gegen die «zionistische Propaganda» Hollywoods. Scheinheilig wird überdies kommentiert, man werde ja wohl noch nachfragen dürfen, ob der Holocaust überhaupt stattgefunden habe und wie viele Menschen ermordet worden seien: Antisemitismus, Holocaustleugnung und -relativierung für einmal nicht in den Schmuddelwinkeln rechtsextremer Seiten, sondern auf dem scheinbar unverdächtigen «Familienkanal» Youtube. Vorgebracht von Leuten, die sich sonst über Kochvideos von Jamie Oliver oder die neusten Musikclips austauschen. Gehetzt wird meistens versteckt hinter Pseudonymen – und hinter dem neu entdeckten Allzweckschild der Lügner und Propagandistinnen im Netz: Meinungsfreiheit.

Und Youtube? Die Tochterfirma von Google hat zwar Handhabungen eingerichtet, um anstössige Videos allenfalls vom Netz zu nehmen. Unter «Kommentare melden» geht es aber hauptsächlich um «Spam», gegen den vorgegangen werde, sobald genügend «Nutzer» Hinweise gäben. Dazu kommt ein flapsiger Hinweis zu Anstandsregeln in der «Community»: Man verlange «nicht die Art von Respekt, die Nonnen, älteren Menschen und Gehirnchirurgen vorbehalten ist». Aber man verlasse sich auf «verantwortungsvolles Verhalten». So etwas ringt HassrednerInnen höchstens ein fieses Lächeln ab. Spätestens wenn sie noch diese abschliessende Ermahnung lesen: «Am wichtigsten ist und bleibt, dass du Spass auf YouTube hast.»

Irving selbst sagt im «Guardian», Youtube habe ihm eine ganz neue Popularität verschafft. «Denial» läuft in den Schweizer Kinos.

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