Nr. 19/2017 vom 11.05.2017

Die labile Romanrevolutionärin

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Mit einem bestrumpften Bein stand sie noch im Viktorianismus, mit dem anderen schon mittendrin in der flirrenden Moderne. Ihr Vater war ein Bergsteiger, Biograf und Handbuchherausgeber, in seinem Haus verkehrte die geistige und politische britische Elite des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die vielköpfige Familie war nicht reich, aber gut situiert, die Mädchen wurden, wie damals üblich, zu Hause unterrichtet. Als die Mutter unerwartet starb, erlitt sie als Dreizehnjährige ihren ersten psychischen Zusammenbruch.

Der Tod des Vaters 1904 war dagegen eine Befreiung. Er markierte das abrupte Ende einer rigiden patriarchalen Ordnung und den Beginn eines fast schon hippiesken WG-Lebens in wechselnden Häusern mit gleichgesinnten Intellektuellen, Schriftstellern und Künstlerinnen. «Alles musste neu, alles musste anders sein. Alles musste ausprobiert werden», beschrieb sie diese radikal aufwühlende Gegenwelt später in einer biografischen Skizze.

Obwohl dabei auch Sexualitäten und Geschlechterrollen aus alten Korsetts befreit wurden, heiratete sie 1912 schliesslich recht konventionell einen ehemaligen Kolonialbeamten, allerdings einen mit sozialistischen Ideen. Diese Ehe war eher Seelenverwandtschaft als leidenschaftliche Paarung. Und doch hinterliess sie ihm knapp drei Jahrzehnte später in ihrem Abschiedsbrief mehr als einen herzzerreissenden Satz wie diesen: «Du bist mir alles gewesen, was einem einer sein kann.»

Während ihr Gatte sich auch handfest politisch engagierte, machte sie sich daran, den Roman und die Wahrnehmung zu revolutionieren – mit erstaunlichem Erfolg. Ihr berühmtestes Werk war sofort ein Bestseller, der bis heute bewundert, imitiert und verfilmt wird. Dies, obwohl in diesem Roman die ganze Handlung als zerdehnter Bewusstseinsstrom in die Köpfe und Seelen der Figuren verlagert wird, rein äusserlich dagegen fast gar nichts passiert.

Das ist oft anspruchsvoll zu lesen. In ihren Essays konnte sie aber auch kühn zuspitzen. «Um Dezember 1910 herum veränderte sich die menschliche Natur» ist nur eines ihrer prägnantesten Bonmots. Trotz schriftstellerischer Erfolge und eines Lebens direkt an der Herzschlagader einer bewegten Zeit blieb ihre geistige Gesundheit labil. Als Anfang der vierziger Jahre unter heftigen Bombardements die Angst umging, dass Hitler auch Britannien einnehmen könnte, was für ihren jüdischen Ehemann das Schlimmste bedeutet hätte, nahm sie sich das Leben. Wer war die ausdrucksstarke Literatin, die 1939 noch den schwer kranken Sigmund Freud in seinem Londoner Exil besuchte?

Wir fragten nach der britischen Romanautorin, Verlegerin und passionierten Tagebuchschreiberin Virginia Woolf (1882–1941). Ihr bekanntester Roman, «Mrs. Dalloway» (1925), spielt an einem einzigen Frühsommertag in London und verwebt die Vorstellungs- und Gefühlswelten ganz unterschiedlicher StadtbewohnerInnen: vom traumatisierten Kriegsheimkehrer bis zur eleganten Politikergattin, die eine rauschende Party vorbereitet. Michael Cunningham liess sich von «Mrs. Dalloway» zu seinem Roman «The Hours» inspirieren, der wiederum 2002 verfilmt wurde mit Nicole Kidman als Virginia Woolf.

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