Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Naidoo im Bergwerk der Volksseele

Von David Hunziker

Es gibt ja auch Leute, die diesen Rechtspopulismus ernsthaft betreiben. Xavier Naidoo gehört nicht zu ihnen. Da hat der deutsche Sänger mit «Marionetten», dem Querfront-Magazin «Compact» zufolge eine «Hymne der friedlichen Volksopposition», doch gerade einen prächtigen Shitstorm in den Medien ausgelöst – und dann das: Mit seinen Söhnen Mannheims lieferte er im Zürcher Volkshaus zweieinhalb Stunden seicht-esoterische Abendunterhaltung ab, ohne besagten Song zu spielen. Wäre das für einen wie ihn nicht die ideale Gelegenheit gewesen, eine Lanze für die freie Meinung zu brechen?

Aber vielleicht ist die Setlist für das Konzert auch mit derselben Methode entstanden, die Naidoo schon beim Songwriting angewendet und in einem rechtfertigenden Statement auf Facebook enthüllt hatte. Das Wichtigste dabei: nicht denken. Wenn er ein Lied schreibe, flögen ihm Textfragmente einfach so aus dem Unterbewusstsein zu. Tagebau an der Volksseele sozusagen.

Dabei ist «Marionetten» doch wie gemacht für die Schweiz: Es geht darin auch um einen wütenden Bauern, der mit seiner «Forke» gegen die von ominösen «Puppenspielern» gelenkten Politiker – wahlweise «Volksverräter» oder «Steigbügelhalter» – aufbegehrt. Wie Gandhi gezeigt habe, so hatte Naidoo schon 2014 bei einer Demo der rechtsextremen Reichsbürger-Gruppierung verkündet, habe einer alleine «die Macht, das Ganze zum Sturz zu bringen». Dann stimmte er eines seiner vermeintlich unpolitischen Lieder an: «Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen.»

Mit ein bisschen Hermeneutik des Verdachts entbirgt sich mit dieser Szene im Hinterkopf dann plötzlich auch das revolutionäre Potenzial des Zürcher Konzerts. Ein Medley zufälliger Textfragmente, die im Unterbewusstsein hängen geblieben sind: «Nichts ist mehr unmöglich, Nahrungsmittel tödlich», «Ist dir aufgefallen, dass sie Lügen als Wahrheit verkaufen?», «Nie mehr Krieg / Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief», «Ich frag mich, ob ich diese Wut jemals verlier». Na, dann mal ran an die Forken!

Interessant ist ja, dass die Söhne Mannheims wie die Böhsen Onkelz tönen, wenn man sich den Soul wegdenkt.

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