Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

Essen, Wohnen – aber die Gewalt bleibt

Unterwegs waren sie oft sexuellen Übergriffen und Ausbeutung ausgesetzt. In der Schweiz angekommen, erleben viele von ihnen erneut Gewalt – in den Asylunterkünften für Minderjährige.

Von Barbara Heuberger (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Wir sind oft am Feuerlöschen»: Eine Unterkunft für unbegleitete minderjährige Asylsuchende in Zürich Leutschenbach.

Rafiullah* lebte bis 2014 in Afghanistan in einem kleinen Dorf. Zu dieser Zeit war er vierzehn Jahre alt. In die Schule gehen konnte er nicht mehr, es war zu gefährlich: «Entweder kam die Armee in unser Dorf, oder die Taliban terrorisierten uns. Wir wurden ständig überfallen. Als dann mein Bruder starb, sagte mein Vater: ‹Du musst weg, du kannst hier nicht leben›», erzählt der heute Sechzehnjährige.

Rafiullah flüchtete nach Pakistan, allein und zu Fuss, seine Familie blieb in Afghanistan zurück. In Pakistan traf er andere Flüchtende. Zusammen gingen sie in den Iran, in die Türkei und nach Bulgarien. «In der Türkei wurde ich sehr krank. Mein Vater hatte mir aber die Adresse eines Bekannten in Istanbul mitgegeben. Da konnte ich mich zwei Wochen ausruhen und gesund werden», sagt er.

In Bulgarien versteckte er sich mehrere Tage zusammen mit einer Gruppe Flüchtlingen in einem Wald. Die Polizei fasste alle und schickte sie in die Türkei zurück. «Wir haben es dreimal versucht, beim dritten Mal – noch immer im Jahr 2014 – schafften wir es nach Sofia», erzählt der Junge weiter. Dann fuhren sie in privaten Schlepperbussen durch Serbien nach Österreich. In Wien war Rafiullah wieder auf sich gestellt. Er kaufte ein Ticket für den Zug in die Schweiz. So kam er Anfang 2015 zunächst in ein Empfangszentrum in der Deutschschweiz, wo er drei Monate verbrachte. «Die Menschen waren nett, die Stimmung recht gut im Zentrum.» Endlich fühlte er sich wieder besser.

Eines Tages sagte ihm ein Betreuer zwischen Tür und Angel, er müsse um 16 Uhr bei der Gemeinde im Ort vorstellig werden. «Im Gemeindehaus drückte mir eine Frau eine Wegbeschreibung und ein Zugticket nach Zürich in die Hand. Ich solle am nächsten Tag nach Zürich fahren, sagte sie, da würde ich um 14 Uhr abgeholt.»

Auf dem Weg nach Zürich war Rafiullah voller Sorge: Wo würde er hinkommen? Er hoffte, er würde von einer Familie aufgenommen. Auf einem Platz in der Stadt, den er problemlos fand, weil er gelernt hatte, sich durchzuschlagen, wartete eine jüngere Frau auf ihn. Sie war Sozialpädagogin und führte ihn in ein kleineres Zentrum für unbegleitete Minderjährige.

Sexuelle Belästigung im Dreierzimmer

Die Uno-Konvention für die Rechte des Kindes (Uno-KRK), von der Schweiz 1997 ratifiziert, schreibt in Artikel 12 das Recht auf Anhörung und Partizipation fest. Doch niemand informierte Rafiullah, warum er nach Zürich reisen musste und wohin er käme. Die Sozialpädagogin in Zürich war freundlich, aber er verstand nicht alles, was sie sagte. Im Zentrum wurde er in ein Zimmer mit drei weiteren Knaben einquartiert, und er besuchte die interne Schule. In der Unterkunft lebte er mit gegen dreissig anderen unbegleiteten Minderjährigen zusammen. «Es gab ständig Streit unter den Bewohnern, auch in der Schule. Ich konnte mich nicht konzentrieren.» Ein Lichtblick war die Beiständin, die ihm zugeteilt worden war: «Sie kümmerte sich um mich, sie fragte auch stets, wie es mir geht, denn gesundheitlich ging es mir nicht immer gut.» Einmal musste Rafiullah gar notfallmässig ins Spital. Weshalb er eingewiesen wurde, möchte er nicht sagen. Noch heute leidet der junge Mann oft unter Kopfschmerzen.

Rafiullah lernte im Zentrum Aayan* kennen, einen Vierzehnjährigen aus Somalia. Aayan wohnte in einem Dreierzimmer. Seine Mutter hatte er auf der Flucht verloren und dann irgendwie mit anderen Flüchtenden den Weg in die Schweiz gefunden. Im Dreierzimmer gab es Probleme, die zwei älteren Bewohner plagten Aayan, den jüngeren. Eines Tages ging Aayan zum Personal, weil er sich belästigt fühlte, auch sexuell. Ein Zimmergenosse streiche ihm oft unter dem Hemd über den Rücken und rufe «Ficki, Ficki, eins blasen» und anderes mehr, worüber er nicht sprechen möge. Nach der dritten Reklamation sorgte ein Mitarbeiter endlich dafür, dass Aayan in ein anderes Zimmer umziehen konnte. Der Belästiger aber blieb im Dreierzimmer, in das später ein neuer Junge einzog.

Ein Sozialpädagoge, der in jenem Zentrum arbeitet, erzählt: «Es gibt in der Tat viel Streit, Gewalt und sexuelle Übergriffe in unserem Zentrum. Die Grossen gegen die Kleinen. Opfer werden gewalttätig und zu Tätern. Eisenstangen und Messer sind die Werkzeuge, wir sind oft am Feuerlöschen.» Immer wieder werde die Polizei gerufen. Die betroffenen Jungs trauten sich aber nicht, Anzeige zu erstatten – aus Angst vor noch mehr Gewalt. Auch Rafiullah erzählt, manche Jugendliche gingen nach der Schule in den Wald, um sich zu prügeln, und bedrohten sich gegenseitig mit Messern.

Im Kanton Zürich ist die Asylorganisation Zürich (AOZ) im Auftrag des kantonalen Sozialamts zuständig für die Unterbringung der asylsuchenden Minderjährigen. Das kleine Zentrum, in dem Rafiullah wohnt, ist eine von vier Aussenstellen, die letztes Jahr in Windeseile aufgebaut wurden. «Über viele Jahre genügten die vorhandenen Plätze», sagt Thomas Kunz, der Direktor der AOZ. «2015 aber verdreifachte sich die Zahl der minderjährigen Asylsuchenden. Wir mussten in kürzester Zeit neue Zentren mit zusätzlichen Plätzen schaffen. Das war eine grosse Herausforderung.»

Über besondere Vorkommnisse wie etwa Gewaltvorfälle werde er jeweils informiert, sagt Kunz. «Jeden dieser Vorfälle muss man sehr ernst nehmen. Dazu gehören Abklärungen, adäquate Reaktionen und Massnahmen sowie präventive Vorkehrungen für die Zukunft. Aber ich denke, dass Übergriffe unter Jugendlichen leider vielerorts eine Tatsache sind», fügt er hinzu. Und: «Das kann auch in einem ‹normalen› Jugendheim vorkommen.»

Das lässt sich kaum bestreiten. Doch ein Heim, das zum Beispiel dissoziale Jugendliche betreut, beschäftigt immerhin dreimal mehr ausgebildetes Personal – und ein Heimbewohner kostet dort pro Tag 500 bis 600 Franken. Demgegenüber werden für einen asylsuchenden Minderjährigen nur 150 bis 160 Franken pro Tag eingesetzt.

Kinderschutz nicht gewährleistet

Maggie Schauer leitet das Kompetenzzentrum Psychotraumatologie an der Universität Konstanz. Sie arbeitet mit Kindern und Erwachsenen, die Gewalt erfahren haben. «Wir geben den Flüchtlingen Essen und Unterkunft, aber wir kümmern uns kaum um ihre seelische Lage», sagt sie. Vierzig Prozent der Flüchtlinge seien traumatisiert und müssten behandelt werden. «Die Flüchtenden kommen aus Kriegsgebieten, viele waren vor oder während der Flucht grossen Belastungen ausgesetzt. Insbesondere Kinder erlebten viel Gewalt und sexuelle Übergriffe.» Nur wenn Kinder und Jugendliche psychisch gesund seien, fügt sie hinzu, seien sie auch bereit für eine formale Schulbildung.

Der Sozialpädagoge, der im Heim arbeitet, sagt dazu: «Grundsätzlich müssen wir dafür sorgen, dass die Kinder gut geschützt sind.» Besonders belastete Kinder sollten deshalb vermehrt umplatziert werden, entweder in eine Pflegefamilie oder in ein Heim. Auch die Uno-KRK fordere einen speziellen Schutz für Kinder; dieser sei aber nicht gewährleistet, wenn sie auch bei uns Gewalt ausgesetzt seien. Dazu meint Thomas Kunz: «Unter zwölfjährige Kinder werden immer, dreizehn- und vierzehnjährige bei Bedarf in Pflegefamilien untergebracht. Die grösseren können wir leider selten umplatzieren, wenn es Schwierigkeiten gibt. Es gibt kaum ein Jugendheim, das geflüchtete Kinder aufnehmen kann. Es fehlen die Sprachkenntnisse, und die Bedürfnisse sind ganz andere als bei Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind. Hin und wieder schicken wir einen Bewohner in ein Time-out, doch auch solche Plätze gibt es nur beschränkt.»

Nicht nur Zürich, auch andere Kantone bekunden immer wieder Mühe bei der Unterbringung minderjähriger Asylsuchender. Auch für die Mitarbeitenden in entsprechenden Einrichtungen ist es nicht leicht, die Personalfluktuation ist hoch. Nur dank besonders engagierter Beistände und MitarbeiterInnen können einzelne besonders belastete Kinder manchmal in kleine Wohngruppen platziert werden.

Überhaupt: Die adäquate Unterbringung der asylsuchenden Minderjährigen ist keine leichte Aufgabe. Sie braucht gut ausgebildetes Personal, auch in Psychotraumatologie, und sie kostet Geld. Die Finanzen wiederum hängen vom politischen Willen der PolitikerInnen und der Bevölkerung ab. Im April hat der Zürcher Kantonsrat mit 109 zu 60 Stimmen entschieden, dass vorläufig aufgenommene AusländerInnen (Ausweis F) künftig nur noch nach den Ansätzen der Asylfürsorge statt der Sozialhilfe unterstützt werden. Das Berner Stimmvolk lehnte Mitte Mai einen Kredit ab, der die Kosten für die Betreuung und Unterbringung von unbegleiteten Minderjährigen, die über die Globalpauschale des Bundes hinausgehen, abgedeckt hätte. Der entsprechende Kredit von 105 Millionen Franken für vier Jahre wurde mit rund 54 Prozent Nein-Stimmen verworfen.

Unvorbereitete Schweiz

2015 kamen 2722 Kinder ohne Eltern in die Schweiz, davon zwanzig Prozent Mädchen. Im letzten Jahr hat die Zahl der geflüchteten Kinder wieder leicht abgenommen. Doch Unicef schlug kürzlich Alarm: «Immer mehr Minderjährige sind auf der Flucht – ohne ihre Eltern. In den kommenden Monaten wird sich die Zahl verfünffachen. Auf dem Weg sind sie oft sexueller Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt», schreibt die Kinderhilfsorganisation in einer Medienmitteilung. Zurzeit sieht es nicht danach aus, dass die Schweiz darauf gut vorbereitet wäre. Einerseits wird der von der Uno-KRK geforderte Kinderschutz jetzt schon nicht immer eingehalten, anderseits will die Mehrheit der Bevölkerung und der PolitikerInnen die Mittel dafür nicht bereitstellen.

Rafiullah hatte Glück: Ihm half seine Beiständin, dass er in eine sozialpädagogische Wohngruppe umziehen konnte. Jetzt lernt er intensiv, damit er im kommenden August ein Berufsvorbereitungsjahr antreten kann. Er möchte eine Lehre als Elektroniker absolvieren. Er weiss, es ist ein weiter Weg: «Seit ich nicht mehr im Zentrum wohne, kann ich mich besser konzentrieren, ich lerne viele Stunden täglich, denn ich will die Schule schaffen.»

* Name geändert.

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