Nr. 25/2017 vom 22.06.2017

Die furchtlose Journalistin

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Sie starb, wie sie lebte: selbstbestimmt. Im Alter von neunzig Jahren schluckte sie in ihrer Wahlheimat London eine kleine weisse Tablette, legte sich aufs Bett und wachte nicht mehr auf. Dass sie überhaupt dieses hohe Alter erreichen würde, war nicht selbstverständlich, führte sie doch ein Leben, in dem der Tod ihr ständiger Begleiter war: Als Reporterin bereiste die US-Amerikanerin von den dreissiger bis in die achtziger Jahre Kriegsgebiete in aller Welt und schrieb darüber. «Der Krieg erzählt nur eine Geschichte, die Handlung basiert auf Hunger, Obdachlosigkeit, Furcht, Schmerz und Tod», stellt sie bereits 1959 ernüchtert fest. Doch als ob sie den Frieden nicht ertragen würde, reiste sie weiter dem Krieg nach – Kollegen nannten sie «disaster girl» – und revolutionierte die männlich dominierte Kriegsberichterstattung: Sie interessierte sich weder für Kriegsstrategien noch für Statistiken, sondern schrieb erschütternde Reportagen über den Kriegsalltag. Stets ergriff sie Partei und wollte aufklären. Nur dank des Wissens über das Grauen des Kriegs würde dieser ein Ende finden. Allerdings erkannte sie rasch, «dass die Menschen eher bereit waren, Lügen zu schlucken, als die Wahrheit zu erkennen».

Geboren wurde die furchtlose Journalistin 1908 in St. Louis, Missouri, als Tochter eines Gynäkologen und einer sozial und politisch engagierten Mutter, die mit Eleanor Roosevelt befreundet war und die Tochter von klein auf an Proteste mitnahm. Bereits als 19-Jährige begann sie, als Journalistin zu arbeiten. Mit 21 reiste sie nach Frankreich und schloss sich einer Gruppe junger PazifistInnen an. 1937, nach einem gescheiterten Romanprojekt und einem Aufenthalt in Nazideutschland, ging sie nach Spanien: «Aus einer Pazifistin war eine Antifaschistin geworden.» Hier im Spanischen Bürgerkrieg begann ihre Karriere als Kriegsreporterin.

Die engagierte Schreiberin verfasste auch Romane und wunderbare Kurzgeschichten über gescheiterte Liebesbeziehungen. Auch ihre eigene Ehe mit einem bekannten US-Autor scheiterte – bereits in der Hochzeitsnacht nahm dieser eine andere Frau mit aufs Zimmer. Als sie 1940 von der chinesisch-japanischen Front berichtete, soff er im Hotel mit Einheimischen. Später bezeichnete sie ihn als u. B. – unwilligen Begleiter.

Wer war diese mutige Frau, die bis zu ihrem Tod Kette rauchte und Whisky trank, Giraffen den Menschen vorzog und von sich sagte: «Meine beiden Ziele habe ich noch nicht erreicht. Ich wollte eine grosse Mann-Frau-Liebe leben und ein grosses Buch schreiben. Zu dumm: Ich besitze nicht die nötige Gabe»?

Wir fragten nach der Kriegsreporterin Martha Gellhorn. Nach ihrer turbulenten Ehe mit dem Schriftsteller Ernest Hemingway, die 1950 geschieden wurde, schrieb sie: «Ich beweine die acht, beinah neun Jahre, die ich damit zugebracht habe, mit ihm sein Abbild zu verehren.» Ihre Schriften, darunter «Das Gesicht des Krieges. Reportagen 1937–1987», sind im Dörlemann-Verlag erschienen. Doch statt ihr eigenes Schaffen wurde oft ihre Beziehung mit Hemingway ins Zentrum gerückt – so auch in der HBO-Verfilmung von 2012 «Hemingway & Gellhorn» mit Nicole Kidman als Gellhorn.

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