Nr. 27/2017 vom 06.07.2017

Die Unzufriedenen als leichte Beute

Wo sich romantische Fortschrittskritik und aktuelle Aufstände gegen die Globalisierung überlagern. In seinem Buch analysiert der indische Essayist Pankaj Mishra alte Ideen und ihre neuen Verwalter.

Von Peter Stäuber

Lange ist es her, dass in den Hauptstädten des Westens noch der Glaube an den unaufhaltsamen Triumph der Globalisierung und des Liberalismus vorherrschte. Wie merkwürdig es heute scheint, dass damals unzählige Intellektuelle einer Überzeugung anhingen, laut der das Ende des Ostblocks eine Ära des Fortschritts einläuten würde und die entfesselten Kräfte des freien Marktes die liberale Demokratie und der westliche Individualismus der ganzen Welt Wohlstand brächten. Bereits mit den Verwerfungen der Finanzkrise und dem Chaos nach dem Arabischen Frühling wurde die Naivität dieser Vorstellung offensichtlich, und nachdem die BritInnen für den EU-Ausstieg gestimmt hatten, Donald Trump ins Weisse Haus gewählt wurde und sich Millionen von Menschen in Westeuropa rechtsnationalen Bewegungen anschlossen, ist sie völlig begraben worden.

Ideengeschichte der zornigen Männer

Diese Gegenreaktion auf die Globalisierung sei allerdings weniger überraschend als der überbordende, kritiklose Optimismus, der ihr vorangegangen sei, schreibt der indische Essayist und Schriftsteller Pankaj Mishra in seinem neuen Buch «Das Zeitalter des Zorns». Die FürsprecherInnen einer Modernisierung angloamerikanischer Prägung hatten vergessen, dass die Ursprünge dieser Ideologie Jahrhunderte zurückliegen – und dass sie schon damals heftige Ablehnung provozierte. Der Aufstieg des industriellen Kapitalismus hatte nicht nur enthusiastische Anhänger, sondern stürzte auch viele Menschen in tiefe Verunsicherung. Manche, die sich vom Fortschritt ausgeschlossen fühlten, suchten sich eine neue Identität als Teil einer nationalen Volksgemeinschaft. Andere führten den Individualismus ad absurdum und wurden zu anarchistischen Bombenlegern, oder sie füllten ein geistiges Vakuum mit nihilistischen Rachefantasien.

Mishra hat eine Ideengeschichte dieser zornigen Männer geschrieben. Er zeigt auf, was die Kopfabschneider des Islamischen Staates (IS), die Hindunationalisten vom Schlag Narendra Modis und die Literaten der Romantik gemeinsam haben: die Rebellion gegen die «universelle kommerzielle Gesellschaft der eigennützigen, rationalen Individuen», die ihren Ursprung in der Aufklärung hat. Mishra erkundet die unterschiedlichen Wirkungsweisen dieses Aufstands, der auch heute, in unserem «Zeitalter des Zorns», zu beobachten ist – nur in grösserem Ausmass: Die politischen und wirtschaftlichen Wirren, die Entwurzelung und die Entfremdung von traditionellen Werten, die den Aufstieg dieser Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert begleiteten, haben im Zuge der Globalisierung auf alle Erdteile übergegriffen, sodass heute auch die Länder Asiens und Afrikas «die verhängnisvollen Erfahrungen dieser Moderne» durchleben.

Mishras Ansatz, die jüngsten politischen Ereignisse rund um den Globus als ein wiederkehrendes historisches Phänomen zu erklären, ist erhellend. Wenn Rechtspopulisten wie Donald Trump gegen die liberalen Eliten wettern oder Terroristen wie Anwar al-Awlaki die Geldversessenheit der westlichen Gesellschaft verdammen, dann bringen sie die gleichen Ressentiments zum Ausdruck wie schon Jean-Jacques Rousseau. Während im 18. Jahrhundert Kosmopoliten wie Voltaire den aufkommenden Finanzkapitalismus und den damit einhergehenden Individualismus und Wettbewerb als Teil des Fortschritts erachteten, sah der Genfer Philosoph Rousseau darin eine Gefahr für die menschliche Freiheit: Wie die heutigen GlobalisierungskritikerInnen misstraute auch er den Einflüssen des internationalen Handels und betrachtete die Geldwirtschaft als Instrument zur Versklavung der Menschheit.

Rousseaus Kritik wurde von deutschen Denkern des späten 18. Jahrhunderts gierig aufgenommen. Sie begannen, die Idee des Volkes als einer organischen nationalen Gemeinschaft zu idealisieren – als einen Gegenentwurf zum Rationalismus, der die Menschen vor der Entwurzelung retten könnte. Johann Gottlieb Fichte beispielsweise, anfangs ein glühender Anhänger der Französischen Revolution, wurde innerhalb weniger Jahre zum Fahnenträger einer «deutschen Nation», die er zum Widerstand gegen die französischen Eindringlinge aufrief. So bildete sich in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts jener Nationalismus heraus, der heute, 200 Jahre später, wieder en vogue ist und die gleiche Funktion ausübt: jenen eine Identität zu geben, die sich vom Fortschritt ausgeschlossen fühlen und die globalisierten Eliten verabscheuen.

Neoliberale Individualismusfantasie

Auch hat unser Wirtschaftssystem zunehmend ähnliche Züge wie jenes, das Karl Marx im 19. Jahrhundert beschrieben hat: Es ist gekennzeichnet von wachsender Ungleichheit, einer Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse und schwindender Solidarität unter den Lohnabhängigen. Zusätzlich geschürt wird die Feindseligkeit der Zurückgebliebenen durch die «neoliberale Fantasie des Individualismus», die besagt, dass es alle auf eigene Faust zum Erfolg bringen sollen; wobei Misserfolge, Erniedrigung und Verbitterung weit häufiger sind. In dieser Situation finden die «Händler in der internationalen Ökonomie der Unzufriedenheit» – seien es Demagogen wie Nigel Farage oder seine ideologischen Neffen vom IS – leichte Beute.

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