Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

Der gute Pate von Palermo

Vom morbiden Mafianest zur italienischen Kulturhauptstadt: Laut ihrem Bürgermeister verdankt die sizilianische Metropole ihre Renaissance den Flüchtlingen. Unterwegs im Epizentrum des Wandels.

Von Roman Enzler (Text) und Valentino Bellini (Fotos), Palermo

«Viele Sizilianer halten sich ja selbst für halbe Afrikaner»: Abdel-Rachid Baba (rechts), Mitgründer des Vereins SOS Ballarò, erlebt in Palermo nur selten offenen Rassismus.

Auf der heruntergekommenen Piazza Ritiro San Pietro in der südlichen Altstadt Palermos wird allerlei Ramsch gehandelt. Viele der jungen Männer, die hier gebrauchte Kleider verkaufen, sind erst vor kurzem aus Afrika hierhergekommen. Auf dem gestampften Erdboden in der Mitte des Platzes versuchen sie, ökonomisch in Europa Fuss zu fassen. Die Zeitung «Giornale di Sicilia» berichtete vergangenes Jahr über eine Räumungsaktion auf der Piazza, die auch «Markt der Diebe» genannt wird. Tonnenweise gebrauchte Elektrogeräte, Möbel und Textilien habe die Polizei beschlagnahmt – weil hier niemand eine Standgebühr bezahlt. Für Aufsehen sorgte das Ereignis damals, weil das Viertel Ballarò, in dem sich der Platz befindet, in der Regel von der Polizei gemieden, die Schattenwirtschaft geduldet wird.

«Ohne die vielen Tausend Menschen, die jährlich übers Meer kommen, wäre Palermo längst gestorben», sagt Bürgermeister Leoluca Orlando in seinem Büro, das nur einen Steinwurf von Ballarò entfernt liegt. Zwischen Europa und Afrika gelegen, sei die Stadt schon immer ein interkulturelles Mosaik gewesen. Irgendwann habe die Mafia den SizilianerInnen eine gemeinsame Identität aufgezwungen und als Preis für die Zugehörigkeit bedingungslose Loyalität abgepresst. Alle Gewaltherrschaften bauten letztlich auf Ein- und Ausschluss, die des sogenannten Islamischen Staates genauso wie jene der Faschisten, meint Orlando. 1985 räumte er seinen Lehrstuhl als Juraprofessor und wurde – damals noch als Christdemokrat – zum ersten Mal Bürgermeister. Er investierte in Bildung und wollte so die Stadt kulturell erneuern und der Mafia den Nährboden entziehen. Dass dies inzwischen weitgehend gelungen sei, habe die Stadt aber vor allem den MigrantInnen zu verdanken, sagt der Siebzigjährige.

Anruf beim Bürgermeister

Im Wäldchen aus Priesterpalmen, das seinen Schreibtisch umgibt, schildert Orlando die «kulturelle Renaissance Palermos» an einem Beispiel: Bis in die neunziger Jahre habe die sizilianische Mafia die Altstadt ausgeblutet. Viele Leute seien damals weggezogen, nachts habe sich kaum noch jemand auf die Strasse getraut. Die Entrichtung des «pizzo», des Schutzgelds, und die Einhaltung der Omertà, der Schweigepflicht, hätten die SizilianerInnen gewissermassen als Teil ihrer Kultur empfunden, als normal.

«Von Natur aus sind Menschen nicht intolerant»: Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando.

Als dann in den verlassenen Häusern der Altstadt MigrantInnen – zunächst vor allem aus Bangladesch – ihre Geschäfte eröffneten, stand die Mafia vor einem Problem: Des «Brauchtums» unkundig, riefen viele der ZuzüglerInnen bei Streitigkeiten die Polizei oder Bürgermeister Orlando an, anstatt das geforderte Schutzgeld zu bezahlen. «So haben die Bengalen viele Mafiosi hinter Gitter gebracht», berichtet Orlando, und damit auch SizilianerInnen zum Widerstand gegen die organisierte Kriminalität ermutigt. Seit der Jahrtausendwende kamen immer mehr AfrikanerInnen. Auch sie wussten nichts von der Omertà. Gemäss Orlandos Erzählung haben diese Menschen, die nicht in der «Mafiakultur» sozialisiert worden waren, zur Entstehung einer neuen Zivilgesellschaft beigetragen.

Filmstar und Parlamentarier

Geht man vom «Markt der Diebe» weiter in Richtung Zentrum, wird das quirlige Viertel hübscher. Zwar säumt nach wie vor Müll die Strasse, und längst nicht alle der ein- bis vierstöckigen Gebäude muten bewohnbar an. Doch je mehr man sich dem Gemüsemarkt nähert, desto bunter und lebendiger wird Ballarò. Nach Farben komponierte Obstauslagen lenken bald von bröckelnden Fassaden ab. Gewürze aus aller Welt überdecken Urin- und Müllgeruch. Enge Seitengässchen bieten etwas Schutz vor der Hitze. QuartierbewohnerInnen haben ihre Plastikmöbel auf die Strasse gestellt. Hier spielt ein Grüppchen sizilianischer Senioren Cinquecento, dort pokern ein paar junge Bengalen. Die verwinkelten Strassenzüge wurden vor mehr als tausend Jahren von Arabern und Juden angelegt, heute sind sie wieder dreisprachig beschriftet: italienisch, arabisch und hebräisch.

Leoluca Orlando sass im sizilianischen, im italienischen und im europäischen Parlament. Er schrieb Bücher und spielte in verschiedenen Filmen mit. Zu seinen jüngeren Erfolgen zählt er die Aufnahme des «arabisch-normannischen Palermo» ins Weltkulturerbe der Unesco. Beschwerlicher ist sein Engagement für die «Charta von Palermo für globale Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit», die er 2015 lanciert hat und seither auf dem ganzen Kontinent bewirbt. Die Idee, dass alle frei entscheiden können, wo sie leben wollen, fand im restlichen Europa bislang wenig Anklang.

Orlando lässt sich nicht entmutigen: «Auch die Abschaffung der Sklaverei oder der Todesstrafe hat ihre Zeit gebraucht.» Und die Niederlassungsbewilligungspflicht sei nichts als eine neue Form der Sklaverei, weil sie Scharen entrechteter Menschen schaffe. Mit dieser Ausschlusspraxis handle Europa ständig jenen Werten der Gleichheit zuwider, die es gleichzeitig zu seinem Wertefundament zähle. Das eigentliche Identitätsproblem Europas liege in der «archaischen Idee der Nation» begründet, meint Orlando und ist überzeugt: «Indem die Migranten diese Widersprüche offenlegen, können sie Europa retten.»

Gemeinsames Fastenbrechen

Etwas abseits des Gewimmels um den Gemüsemarkt hat der Verein SOS Ballarò eine Abfalldeponie in ein charmantes öffentliches Plätzchen verwandelt. Es ist zum Treffpunkt der WestafrikanerInnen geworden. Zwischen einer Ruine aus dem Zweiten Weltkrieg, zu Verkaufsläden umfunktionierten Garagen und einer Kirche wurde ein kleiner Garten mit Tomaten, Kürbissen, Lorbeer und Basilikum angelegt. Angemalte Paletten dienen zum Sitzen. Eine Passantin fotografiert einen Abfalleimer. Vereinsmitgründer Abdel-Rachid Baba fragt sie, ob sie nicht lieber den Garten fotografieren wolle. «Sind Sie Senegalese?», fragt die Frau, anstatt ihm zu antworten. «Nein, Palermitaner, geboren im Niger. Woher sind Sie?» – «Italienerin.» – «Ja, aber von wo genau?» – «Forlì.» – «Ui, Mussolinis Heimat», neckt Baba sie.

Später erzählt er, die Stadtverwaltung habe dem Verein das Stück Land unbürokratisch zur Verfügung gestellt. Auch andere Vereine wurden dazu ermuntert, Stadtbrachen aufzuwerten. So sind in Ballarò einige solche Pärkchen entstanden. Anders als viele andere Menschen aus Westafrika kam Baba schon vor langer Zeit als Tourist nach Italien. In Vicenza hat er sich verliebt und ist geblieben. Weil er in Norditalien jedoch viel Rassismus erfahren hat und ihm das Wetter zu kühl war, zog er vor fünfzehn Jahren nach Palermo. Ignoranz gebe es natürlich auch hier, meint er, und manche zögen Profit aus der Not der MigrantInnen. Offenen Rassismus erlebe man hingegen kaum. «Viele Sizilianer halten sich ja selbst für halbe Afrikaner», witzelt er.

Seit Palermos Bürgermeister im Ramadan einer Einladung von SOS Ballarò zum gemeinsamen Fastenbrechen gefolgt ist, kennt Baba Orlando persönlich. Geschätzt habe er ihn schon vorher: etwa wegen der vielen Weiterbildungsmöglichkeiten, die er Zugewanderten anbietet. Davon hat auch Baba profitiert, der sich zum kulturellen Mediator und Rechtsberater in Asylfragen weiterbilden liess. Teils arbeitet er nun im Auftrag der Stadt, teils freiwillig auf Palermos Strassen. So ist der Treffpunkt der WestafrikanerInnen, wo Baba meist zu finden ist, auch zur Anlauf- und Beratungsstelle für Neuankommende geworden. Das dichte Solidaritätsnetz mache es ihnen verhältnismässig einfach, sich in Ballarò zurechtzufinden. Dass Schwarzarbeit im Viertel die Norm und nicht die Ausnahme sei, mildere das Problem mit den fehlenden Papieren. Ausserdem sei der Wohnraum günstig, sagt Baba, und niemand komme, um Strom- oder Wasserzähler abzulesen.

Zwischen Tunis und Rom

Wenn wieder ein Schiff mit MigrantInnen ankommt, geht Orlando hinunter zum Hafen und heisst die Neuen willkommen. «Ab dem heutigen Tag seid ihr Palermitaner», pflegt er ihnen zuzurufen. Und: «Gemeinsam machen wir diese Stadt zu einem besseren Ort.» Im Juni wurde Orlando mit fünfzig Prozent der Stimmen in seine fünfte Amtszeit gewählt. Weil der einzige Kandidat, der die Migrationspolitik des Bürgermeisters angriff, nur ein Prozent erhielt, ist Orlando überzeugt: «Von Natur aus sind Menschen nicht intolerant.» Wenn aber sogar linke PolitikerInnen in die Hysterie um «Migrationskrisen» und «Flüchtlingswellen» einstimmten, brauche man sich nicht zu wundern, dass die Menschen irgendwann aus Angst für Abschottung votierten.

Inzwischen ist es Abend geworden auf dem «Markt der Diebe», die meisten Verkaufsauslagen sind weggeräumt. Im Gegensatz zur Mehrheit sieht eine alte Frau auf einer kaputten Parkbank so aus, als wäre sie eine Alteingesessene. Sie hat viel zu klagen: über den Euro, den schweisstreibenden Klimawandel, die Standgebühr. Anders als die Verkäufer aus Afrika drüben legt sie ihre Ware nicht aus. Seit der polizeilichen Räumungsaktion im vergangenen Jahr wird diese in einem Einkaufstrolley versteckt: Goldschmuck und gefälschte Zigaretten. Und die vielen MigrantInnen? «Ach was!», reagiert sie etwas spöttisch. «Sind wir denn nicht alle Migranten?» Auch ihre Mutter stamme aus Tunesien. «Na und? Tunis liegt schliesslich näher bei Palermo als Rom.»

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