Nr. 33/2017 vom 17.08.2017

Der Kolonialherr und der böse Brasilianer

Von Carlos Hanimann

Sonntagabend: Fernsehen, ARD-«Weltspiegel». Da sitzt ein freundlicher älterer Herr in einem Chalet in den Bündner Bergen. Schön: Die Schweiz ausnahmsweise nicht durch Roger Köppel im deutschen Fernsehen vertreten. Mal reinschauen.

Friedrich-Georg Brügger heisst der Mann, der in einem gemütlichen alten Sessel sitzt. 79 Jahre alt, dunkler Rollkragenpulli, Uhr am Handgelenk, goldener Ring am Finger. Scheint, als würde der Grossvater gleich eine schöne Geschichte erzählen. Aber dann macht Herr Brügger den Mund auf: «Der Brasilianer ist ein böser Mensch. Der zieht die Pistole aus der Tasche und schiesst den anderen über den Haufen. Das kostet den überhaupt nichts. Um so eine Masse Leute am Zügel zu halten, da müssen sie schon eine gewisse Kraft zeigen, damit das Ganze überhaupt läuft.» Was? Wie bitte?

Herr Brügger ist ein Schweizer Agronom. In den siebziger Jahren arbeitete er für VW in Brasilien und leitete eine Farm im südlichen Amazonasgebiet. Rinderzucht plante der Autohersteller und kaufte dafür 140 000 Hektaren Wald. Den musste man zuerst roden. Dafür heuerte VW Brasilien über Arbeitsvermittler Tagelöhner an. Die wurden aber nicht entlöhnt. Ihnen wurden stattdessen zu hohe Fahrtkosten zum Arbeitsort (zwei Tage Anreise) und horrende Logiskosten verrechnet. Die mussten sie erst abarbeiten, unter Androhung von Waffengewalt. Zwangsarbeit kann man das nennen oder Sklaverei – oder es, wie Brügger, so umschreiben: Man musste «eine gewisse Kraft zeigen».

Fluchtversuche endeten manchmal tödlich. Wer angeschossen wurde und nicht überlebte, berichten Arbeiter im Beitrag, wurde in einen Fluss geworfen. Ein von VW beauftragter Historiker, der die Verfehlungen des Konzerns aufarbeitet, sagt unmissverständlich: «Das war im Prinzip Schuldknechtschaft.» Herr Brügger allerdings sieht in der unmenschlichen Methode kein Problem. «Das ist der Brasilianer», sagt er ohne jedes Schuldbewusstsein. «Der zieht immer den anderen über den Tisch.»

Man muss sich diesen Beitrag ansehen. Nicht nur wegen der spannenden Recherche. Sondern auch weil man eine Zeitreise machen kann: Man sieht einen Herrenmenschen uralter Schule, der vor laufender Kamera doziert, warum sklavereiähnliche Zustände neunzig Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in Brasilien (1888) nicht nur richtig, sondern sogar notwendig gewesen seien.

Bleibt eine Frage für die JuristInnen: Ist der mutmassliche Sklavenhalter auch ein mutmasslicher Rassist? Es gilt die Unschuldsvermutung.

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