Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

Die Selbstkur

Die Badenfahrt ist eines der grössten Volksfeste der Schweiz. Unser Autor, selbst ein Badener, wusste am Anfang nicht, was er mit dem Grossspektakel in der Kleinstadt anfangen soll. Bis er vom Mythos eingeholt wurde.

Von Donat Kaufmann

Er besuche seine alte Heimatstadt kaum noch, sagt der Mann, der sich zwischen zwei Rülpsern als Damien vorstellt. Aber wenn es um diese zehn Tage gehe, gebe es eben keine Entschuldigung. Auch wenn es für ihn bedeute, einen neunstündigen Flug auf sich zu nehmen. Ein Mann mit Schlagseite nähert sich uns, wirft seine Arme um Damiens Hals, gluckst unverständliche Worte der Begrüssung und zieht ihn weg. Die beiden verschwinden im Bauch eines Holzschiffs, im Innern überschlägt sich ein Schlager.

Ich begegne ihnen wieder am Fuss einer Raketenabschussrampe. Ob ich schon oben gewesen sei? Sie würden sich das sicher nicht antun. Wer wolle schon den ganzen Abend in einer Warteschlange verbringen, bloss um in 34 Metern Höhe ein Bier zu trinken? Aber unweit des Riesenrads, da hätten Studenten eine Wohnung auf Stelzen gebaut. Ob ich schon drin gewesen sei? Und unten an der Limmat, gleich neben der kleinen Terrasse am Ufer, auf der zwischen Tischen diese Klezmerband spiele, da gebe es diese Bar, von der man direkt zur Hochbrücke sehe, an der eine riesige digitale Anzeigetafel hänge. Und darüber dieses schlangenförmige Holzgerippe, das, betrachtet von dieser Stelle unten am Fluss, wirke, als würde es jeden Moment über das Geländer kippen. Ob ich schon bei der Bühne im Graben gewesen sei?

Ungezwungen und ehrgeizig

Alles verstopft, kein Durchkommen. Überhaupt platzt die Stadt aus allen Nähten. Mehr als 100 000 Menschen zwängen sich an diesem Abend durch Badens enge Gassen, um sich selbst ein Bild zu machen von den Obskuritäten, mit denen diese Stadt, mein Wohnort, aufwartet, wenn sie nach zehnjähriger Pause wieder den zehntägigen Ausnahmezustand über sich selbst verhängen darf.

Mit rund einer Million BesucherInnen, verteilt auf zehn Tage Festbetrieb, gehört die Badenfahrt zu den grössten Volksfesten der Schweiz. Mehr als hundert Gruppen zwischen Quartierverein und Gemeindekonglomerat beteiligen sich; mit einer Festbeiz, einer Bar, mit Theater- und Konzertbühnen, mit Filmvorführungen, mit Lesungen, mit Zirkusdarbietungen. Aussergewöhnlich ist aber nicht die Fülle von Veranstaltungen und Attraktionen, sondern vielmehr der architektonische Rahmen, in dem sie präsentiert werden.

Anstelle weisser Zelte gibt es an der Badenfahrt mehrstöckige skulpturartige Konstruktionen aus Holz, Stahl, Stoff, Altmetall. Die Bauten sind robust gefertigt, sie könnten Generationen überdauern. Manche Vereine hantieren mit einem Budget von mehreren Hunderttausend Franken, das sie für ArchitektInnen und die lokalen Schreinereien aufwenden. Andere Gruppen rufen für den Bau ihrer Festbeizen ganze Geschwader ehrenamtlicher HelferInnen herbei. Seit Wochen wirbeln Hunderte von ihnen durch die Strassen. Hin und wieder beschlich mich bei ihrem Anblick das Gefühl, als unbeteiligter Anwohner nicht bloss Aussenstehender, sondern Aussenseiter zu sein.

Die Kombination von Ungezwungenheit und Ehrgeiz bietet beste Voraussetzungen für städtische Identitätspolitik und Mythenbildung. Beschworen wird ein «Badener Geist», der gesellschaftsverändernde Kräfte freisetzt. Wesentlich beteiligt an dieser Erzählung ist die «Aargauer Zeitung», die ihre LeserInnen – unter anderem – mit einer neunzigteiligen Serie auf die «unvergesslichen Tage» einstimmte. Gezeichnet wird das Bild einer Stadt, so wunderlich und sagenumwoben wie Gottfried Kellers Seldwyla.

Ein Vexierbild

Den Gründervater des Mythos «Badenfahrt» hat Keller übrigens tatsächlich gekannt. Einen «geistreichen Dilettanten» soll er diesen, David Hess, genannt haben. 1817 veröffentlichte der Zürcher Schriftsteller das Buch «Die Badenfahrt». Es erzählt von der jahrhundertealten Praxis, nach Baden zu fahren, um sich in den thermalen Quellen der Bäderstadt von körperlichen Gebrechen zu kurieren. Bereits zu Römerzeiten war das üblich. Thermalwasser war jedoch stets nur ein Teil des Heilversprechens. Der andere, vielleicht viel wesentlichere Teil war die körperliche Lust, der man in den Bädern frönen konnte. In einem Brief aus dem 13. Jahrhundert berichtet ein päpstlicher Sekretär von entzückenden nackten Frauen und sonstigen Vergnügungen.

1923 deutete Baden die heilbringende Auszeit zur Selbstkur um und veranstaltete erstmals die «grosse Badenfahrt – eine fröhliche historische Woche in Baden». Als offizieller Aufhänger diente der Badener Friedenskongress von 1714. Dieser hatte mehr als 200 Jahre zuvor zu einer Einigung im Spanischen Erbfolgekrieg geführt. Das historische Rahmenkonstrukt, in das man die Feierlichkeiten bei den ersten Ausgaben jeweils gefasst hatte, wurde nach und nach demontiert.

Geblieben ist das Versprechen der therapeutischen Wirkung. Die Badenfahrt schütte nicht nur politische und soziale Gräben zu, sie sei auch der Schlüssel – es spricht wieder die «AZ» –, um sich «während zehn Tagen von einer lebensbedrohenden Humorlosigkeit, von Gehässigkeiten im Alltag der Social Media» zu distanzieren. Denn wir Menschen seien unterwegs, uns selbst zu einer Spezies zu degenerieren, die «überall im Alltag und in jedem freien Moment den Blick aufs Handy gerichtet hat, das uns als imaginäres Zentrum unserer Existenz mit irrelevanten, konsumistischen Inhalten dieser Scheinwelt eindeckt und darin gefangen hält».

Dass ein auf Ausnahmezustand getrimmtes Fest, an das über Smartphones erinnert wird, ein verlässliches Mittel darstellt, um uns längerfristig über einen offenbar trostlosen Alltag hinwegzutrösten, möchte ich bezweifeln. Auch dass die Badenfahrt zu einer wundersamen Durchmischung aller sozialen Schichten führe, scheint mir doch arg beschönigt. Ein Rundgang durch das Festgelände auf dem Weg zur Stammbeiz reicht noch nicht zum Austausch.

Die Badenfahrt ist ein Vexierbild. Je nach Blickwinkel erscheint sie als lokale Gewerbeschau, internationales Musikfestival, städtischer Marketinggag. Am interessantesten ist sie dabei an den Ecken, wo sie als Labor und Plattform für umtriebige Kulturgruppen fungiert und diese den gestalterischen Freiraum nutzen, um ihre Initiativen neu zu denken und weiterzuentwickeln.

Sie bespielen Nischen an den äusseren Zipfeln des Festgeländes, besetzen kleine Parzellen zwischen bombastischer Architektur und bilden eine wohltuende Pufferzone zu den grell übersteuerten Halligallitempeln. Von Orten wie der alternativen Bühne Polygon, einem Zusammenschluss lokaler Kulturschaffender und AktivistInnen, geht eine entschleunigende Wirkung aus. Auch weil spürbar wird, dass für die Beteiligten nicht die programmierte Katharsis dieser zehn Tage, sondern die Kontinuität ihrer Projekte im Zentrum steht.

Royale Sammlung

Vor wenigen Tagen starteten die AktivistInnen aus diesem Umfeld eine gigantische Sammelaktion. 250 000 Franken sollen in den kommenden Monaten an Spenden zusammenkommen, um den Erhalt des Kulturhauses Royal zu sichern. Dieses hätte 2011, nachdem die Stadt das Gebäude entgegen kantonaler Empfehlung nicht unter Denkmalschutz gestellt hatte, abgerissen werden sollen. Innerhalb kürzester Zeit formierte sich breiter Widerstand. Eine Gruppe lokaler Kulturschaffender setzte sich fortan unermüdlich für den Betrieb ein, zuletzt mit der Organisation einer Kundgebung und der Übergabe einer 7000 Unterschriften schweren Petition an den Stadtrat. Nach sechs Jahren politischem Tauziehen liegt nun ein Mietangebot der Eigentümerin vor.

Wenn wir uns in diesen Tagen schon der städtischen Mythenbildung widmen: Mit der ersten Badenfahrt 1923 wurde nicht nur eines weit zurückliegenden Friedenskongresses gedacht, dort wurde auch Geld gesammelt, um die Badener Theaterstiftung zu gründen. Bis heute führt sie mit dem Kurtheater eine der wichtigsten Kulturinstitutionen des Kantons. Was, wenn der royalen Sammlung als Gründungsakt in einer Zeit der ruinösen Sparpolitik auch ein derart nachhaltiger Erfolg beschieden sein wird? Und was erst, wenn der Geist von Baden das Festkomitee zu überzeugen vermag, einen Teil des Gewinns dafür zu spenden? Der Mythos der Badenfahrt, er hat mich doch noch eingeholt.

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