Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Den Kater verjagen

So befreit klingt Musik aus der Schweiz selten. Die junge Klezmerband Pamplona Grup sprengt die Grenzen zwischen Klassik, Jazz und Pop. Und meint das politisch.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Sie spielten auch schon auf einem Verkehrsschiff oder im Nachtzug: Hier passiert die Pamplona Grup gerade den Albula. Foto: Moritz Meier

Sie fuhren in einem weissen Bus an der Hochzeit vor. Acht junge Musiker zwischen 19 und 26 Jahren stiegen aus, elegant gekleidet bis hin zu den karierten Socken. Sie trugen eine Leuchtreklame ins Foyer des Hotels, «Pamplona» und «Grup» stand darauf, dazwischen ein roter Stern. Die Pamplona Grup war spät unterwegs, am Nachmittag hatten sie schon an einem Festival in Zürich gespielt, nun hatten sie es über die Alpenpässe doch noch ins Bergell geschafft. Sie legten unverzüglich los, und bald tanzte die ganze Hochzeitsgesellschaft.

Ich hatte noch nie von dieser Gruppe gehört, aber es war eines der besten Konzerte, das ich seit längerem erlebt habe. Häufig folgen Konzerte den eingeübten Mustern von Auftritt und Zugabe, bleibt die Trennung zwischen Bühne und Publikum bestehen. Weniger häufig versteht eine Band ein Konzert als sozialen Vorgang, mit offenem Ausgang für alle Beteiligten. Genauso spielte die Pamplona Grup: auf dem Fussboden, mitten in die Hochzeitsgesellschaft hinein. Und als sie längst fertig waren, holten sie ihre Instrumente noch einmal hervor. Frühmorgens hallte die Posaune durch die Hotelflure.

Kein Lied, zwei Auftritte

Die Idee zur Gruppe hatten Fabian Mösch und Benedikt Fischer vor drei Jahren. Sie waren auf der Rückreise von Auftritten mit dem Zürcher Jugendsinfonieorchester in Südafrika. Dabei hatten sich der Klarinettist und der Posaunist kennengelernt. Nun wollten sie nicht mehr länger nur im Orchester spielen, sondern eine Band gründen, mit Musik aus dem Osten vorzugsweise. Sie hatten während der Reise in ihren Kopfhörern immer wieder einen Song der Roma-Brassband Fanfare Ciocarlia gehört.

Nach der Rückkehr riefen sie ihre musikalischen Bekannten an. «Wir entschieden uns für Klezmer, weil es der einzige Stil ist, den wir zusammen spielen können», erzählt Dominik Meyer, der Violinist. «Bevor wir überhaupt ein Lied konnten, hatten wir schon die ersten beiden Auftritte vereinbart», ergänzt Bassist Christoph Küng. Die Gruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, nur Eigenkompositionen zu spielen. «Wir sind einfach gefahren», ruft Matthias Manser in die Runde. Der Trompeter mit der Schiebermütze stiess aus Appenzell zur Gruppe. «Fahren» ist das Lieblingswort der Band. Fahren, unterwegs sein. Fast fünfzig Konzerte haben sie schon gespielt, zur einen Hälfte private, zur anderen öffentliche. Wurden sie dazu aufgefordert, spielten sie auch schon mal auf einem Verkehrsschiff auf dem Zürichsee oder in einem Nachtzug. An diesem Novemberabend machen sie halt in Baden, es ist gewissermassen ein Heimspiel. Heute steht dort ein Auftritt im Konzertlokal Merkker an.

Abenteuerlicher Resonanzraum

Die meisten Mitglieder der Gruppe studieren an einer Musikhochschule Klassik oder Jazz, und das erfolgreich, sie haben auch schon Preise gewonnen. Doch so, wie sie die Grenze zwischen Bühne und Publikum vergessen machen, so heben sie jene zwischen Klassik, Jazz und Pop auf. Musikakademisches Know-how mischt sich mit popkultureller Schlauheit. «Ein wenig neidisch sind unsere Kollegen an der Hochschule schon, dass wir eine Band haben», sagt Akkordeonist Mario Strebel. Spricht man mit den Bandmitgliedern, ist man sogleich in verrückte Geschichten über Musik verwickelt. Violinist Meyer zum Beispiel, der die Stücke der Band komponiert, erzählt von seiner Arbeit als Geigenbauer in Zürich. Derzeit baut er eine Geige, die im Jahr 1690 in Mailand angefertigt und um 1800 verändert wurde, zurück – damit sie wieder barockal klingt wie einst. Und das im Jahr 2014. Wann beginnt der Klang dieses Instruments, und wann hört er auf? So jung diese Musiker sind, sie spielen vor einem abenteuerlich tiefen Resonanzraum.

Das Publikum ist an diesem Abend zahlreich im «Merkker» erschienen, und es tanzt auch hier, dass der Holzboden federt. Dabei spielt die Pamplona Grup nicht reisserisch, und sie stellt schon gar nicht auf klischierte Weltmusik ab. Vielmehr sind die Stücke raffiniert: Der Posaunist beginnt mit schiefen Tönen. Es klingt wie Katzenmusik. Die Gitarre setzt ein, eine Melodie entsteht. Die Geige und die Klarinette, das Akkordeon und das Schlagzeug jagen sich. Wobei «Schlagzeug» etwas übertrieben ist: Der Perkussionist sitzt auf einer Kistentrommel und hämmert darauf. Plötzlich stoppt das Lied, und die ganze Gruppe ruft: «Hey!»

Sowjetische Basisdemokratie

Zur Klezmermusik hatte bei der Gründung keines der Mitglieder einen Bezug. Die Geschichte des Musikstils passt dennoch gut zur Herangehensweise der Band: Klezmer entwickelte sich im Ostjudentum zwischen Gottesdienst und Alltagsritual. Seit dem späten Mittelalter spielten ihn vagabundierende Musiker an Hochzeiten und Begräbnissen. Modulartig aufgebaut und variantenreich gespielt, war der Stil schon immer offen für fremde Einflüsse. Seit den 1970er Jahren wird Klezmer wiederentdeckt: eine hybride Musik, wie geschaffen für die Gegenwart.

Dass Auftritte der Pamplona Grup mehr als nur Konzerte sind, hat auch spürbar damit zu tun, dass es der Band um mehr als um Musik geht. Gemäss Eigendefinition auf der Website versteht sich die Gruppe als «basisdemokratische Sowjetunion in Tönen». Was heisst das konkret? «Ich verstehe unter Basisdemokratie zuerst einmal, dass wir überhaupt zusammen proben», meint Trompeter Manser. Dass sie damit auch politischen Widerstand für alternative Lebensformen meinen, zeigt Klarinettist Mösch während des Konzerts: Er kritisiert, dass im boomenden Baden aus dem Kulturlokal Royal ein 24-Stunden-Shop werden soll, wie an diesem Tag bekannt wurde. Das Royal hat in den letzten Jahren mit einem originellen Programm aufgewartet. «Das ist ein düsterer Tag für Baden. Aber wenn man einen Kater hat, sollte man tanzen. Dann erwacht man schneller wieder», meint Mösch zum Publikum. Und die Gruppe setzt zum nächsten Stück an. Zum Abschluss des Konzerts werfen die Musiker Streichholzbriefchen in die Menge – als gelte es, ein paar Lunten zu zünden.

Vom Rausch und der Ernüchterung, vom Abliegen und Aufbegehren handelt auch die erste Single der Gruppe, die diesen Herbst erschienen ist. Sie enthält zwei Lieder mit den Titeln «Chlapf» und «Kater». Das doppelseitige Cover der Platte kann man drehen: Je nach Laune steht dann «Chlapf» oder «Kater» vorne drauf. Ein Album wollen die Musiker nur aufnehmen, wenn sich genügend Material ansammelt, das sie selbst überzeugt. Berühmt werden will Pamplona Grup nicht, aber möglichst viele Konzerte spielen oder, wie es aus der Runde kollektiv tönt, «weiterfahren». Vielleicht auch einmal bis nach Pamplona. Nach welchem Pamplona sie ihre Gruppe benannt haben, wissen sie allerdings selbst noch nicht. Sie haben aber schon einmal nachgeschaut, wo es überall eines gibt: im Baskenland, in Kolumbien und auf den Philippinen.

Die nächsten Konzerte von Pamplona Grup finden am 19. Dezember 2014 im Theater 
Tuchlaube in Aarau und am 20. Dezember 2014 
im Musikklub Mehrspur in Zürich statt. 
Die Single «Chlapf/Kater» ist im Rec-Rec-Laden 
in Zürich erhältlich. www.pamplonagrup.ch

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