Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

Fremdgehen mit Frau Binswanger

Von Silvia Süess

JournalistInnen sind heutzutage ja auch PaartherapeutInnen: Erst warf Thomas Meyer seinen Ratgeber «Trennt euch!» auf den Markt, nun kommt eine Art Fortsetzung (oder eher der verspätete Prolog) von Michèle Binswanger: «Fremdgehen. Ein Handbuch für Frauen». Während Meyer überzeugt ist, dass die meisten Paare nicht zueinander passen und sich trennen sollen, zerbrechen laut Binswanger viele Beziehungen «am Problem falscher Treueerwartungen. Ist es vielleicht gar nicht die Untreue, die Ehen kaputtmacht, sondern die unrealistische Erwartung, dass Sex nur innerhalb der Ehe stattfinden soll?»

Um dem entgegenzuwirken, geben die von ihr porträtierten Fremdgeherinnen Tipps, wie frau das mit dem Fremdgehen am besten anstellen soll. Binswanger weiss: «Wir alle möchten gut sein, aber die tiefen Konflikte, die in der Natur unserer Sexualität wurzeln, lassen sich nicht verleugnen.» Und dann ist da dieses «kleine, selbstverliebte Teufelchen, das Frauen manchmal zuflüstert, was sie wirklich wollen. Sich im Glanz männlichen Begehrens sonnen, alle verrückt machen. Leben.» Während sie in gutmütterlichem Ton zu ihren Leserinnen spricht, wird man das Gefühl nicht los, dass sie eigentlich von sich selber redet. Dabei gibt sie auch Einblick in ihr Männerbild: «Angesichts der Vehemenz seiner Triebe zeigt der Mann in der Regel viel Verständnis für das moralische Versagen seiner Mitbruderschaft.» Voller Fürsorge wendet sie sich an die Leserinnen: «Egal, warum Sie dieses Buch lesen, Sie dürfen sich hier sicher fühlen. (…) Es gibt nichts, wofür Sie sich schämen müssten, am wenigsten für Ihr sexuelles Verhalten. Aber vor allem sollten Sie sich niemals dafür schämen, dass Sie eine Frau sind.»

Das Buch ist übrigens als Folge eines Antimonogamieartikels von Binswanger entstanden, der in der «Zeit» erschienen ist und laut der Autorin ihr erfolgreichster Artikel war. Vielleicht geht es hier ja gar nicht so sehr um die Lust am Fremdgehen, sondern um möglichst viele Clicks und erhoffte Buchverkäufe, die diese Seitensprungpromotion verspricht?

«Fremdgehen» steht seit zwei Wochen auf der Schweizer Sachbuch-Bestsellerliste, «Trennt euch!» seit zehn.

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