Nr. 37/2017 vom 14.09.2017

Kosmische Verschwörung

Kaspar Surber

Ein «Kommando Juri Gagarin» hat in Zürich zugeschlagen, zuerst beim neuen Kulturkomplex Kosmos, dann in einem BekennerInnenschreiben, das vom Revolutionären Aufbau veröffentlicht wurde: Darin wird begründet, warum die Scheiben beim Kosmos eingeschlagen und bei der Filmproduktionsfirma Dschoint Ventschr und der Alternativen Liste die Türschlösser verleimt wurden. Dass sich das Kommando nach dem sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin benannt hat, ist das einzig Originelle am Schreiben. Ansonsten übt es sich in pathetischen Worthülsen: Von einem «Grossangriff des Kapitals auf ein Quartier» ist die Rede, von dem ein «reformistischer und bestens integrierter Filz» profitiere.

Noch etwas irritierender ist die verkürzte, personalisierte Kapitalismuskritik. Demnach steuern der Gastrounternehmer Bruno Deckert und Filmemacher Samir die Stadtaufwertung in Zürich. Ihr Netzwerk werde geschützt von Polizeivorsteher Richard Wolff und seinen PolizistInnen, darum auch der Angriff auf die AL-Büros. Dass bei diesem Hang zur Verschwörung das Böse nur von aussen kommen kann, ist klar: Die RevolutionärInnen weisen ernstlich darauf hin, dass Samir in Tat und Wahrheit Samir Jamal Aldin heisse. Was das nur bedeuten mag?

Nun gäbe es allerdings viel zu diskutieren über die Kultur als Treiberin der Stadtaufwertung und die Mitverantwortung der rot-grünen Mehrheit. Ebenso über die Immobilienpolitik der SBB, die an der Europaallee Gemeingut an bester Lage reinen Profitinteressen zuführt. Und schliesslich über strukturelle Ursachen wie die Pensionskassen, die diesen Prozess befeuern. Bloss ist das in Zürich offenbar nicht möglich. Die einen arbeiten an der Verfeinerung des Cappuccinos, die anderen üben sich in Brachialkritik. Das Kosmos, das Kommando Juri Gagarin sowie der Revolutionäre Aufbau haben wohl mehr gemein, als ihnen lieb ist: Sie erfüllen in der kleinen, teuren Stadt ihre selbstgewählten Rollen. Auf dass sich die festgefahrene Politkultur bloss nicht ändert. Lieber noch etwas Leim rein. Das Kapital wirds freuen.

Reisetipp für MoskaubesucherInnen: Das beste Museum der Stadt ist das Raumfahrtmuseum, das an Juri Gagarin erinnert, den «Ersten für immer» im Weltall.

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