Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

«Nicht der Weg des Dalai Lama»

Ein tibetischer Flüchtling reist von Indien in die Schweiz und nimmt sich das Leben. Er protestiert damit für die Freiheit seiner Heimat und gegen die Ausschaffung tibetischer Flüchtlinge. Der Tod eines Unbekannten hat die Gemeinschaft in ein Dilemma gestürzt. Nun hat sie vom Verstorbenen Abschied genommen.

Von Laura Cassani (text) und Fabian Biasio (fotos)

Gebete sind im Buddhismus wichtig – besonders für die Wiedergeburt derjenigen, die sich das Leben nehmen: Abdankungsfeier für den Verstorbenen in Luzern.

Der Buttertee ist warm und salzig. Tenzin Nyingbu trinkt einen Schluck aus einem weissen Plastikbecher und sagt: «Wir wollen nicht, dass dieser Suizid zu einer grossen News wird.» Der Präsident der Tibetergemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein (TGSL) sitzt vor der Abdankungshalle des Krematoriums Friedental am Stadtrand von Luzern. Er blickt auf das weiss getünchte Gebäude und wählt seine Worte sorgfältig: «Wir sind hier, um einem Mitglied unserer Gemeinschaft Respekt zu zeigen. Das heisst nicht, dass wir seine Tat gutheissen.»

Die Halle, auf die Nyingbu schaut, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Mehrere Hundert TibeterInnen aus der ganzen Schweiz sind nach Luzern gekommen. Vorne im runden Raum mit Kirchenfenstern steht ein heller Holzsarg. Darauf liegt wohldrapiert eine Tibetfahne: gelbe Sonne, rote Strahlen, blauer Grund. Im Sarg liegt N.*

Keine Ausweise, zwei Briefe

N. hat sich an einem Spätsommerabend Anfang September das Leben genommen. Er legte sich in Emmenbrücke bei Luzern auf die Bahngleise und wurde von einem Zug überrollt. In den Taschen des Toten fand die Polizei keine Ausweise, aber zwei Briefe. Himmelblaue Tinte, fein geschwungene Schrift auf weissem Papier. Im ersten Brief richtete sich der Tibeter in gebrochenem Englisch an die Uno und an die Schweizer Regierung: «Ich fühle mich so hilflos, dass ich diesen Schritt mache», schrieb er. N. wollte, dass sein Suizid als politisches Statement verstanden wird. Er nahm sich das Leben, um gegen die Unterdrückung Tibets durch China zu protestieren. «Warum ist die ganze Welt so still, wenn es um Tibet geht, warum warum warum?», schrieb er. Vier Fragezeichen zeugen von seiner Verzweiflung.

Seit 2009 zünden sich TibeterInnen aus Protest gegen die chinesische Tibetpolitik selbst an. Bis heute haben sich über 150 Menschen öffentlich selbst in Flammen gesetzt, vor allem in den tibetischen Gebieten Chinas, in Indien und in Nepal. Sterben für Tibet: Die Selbstverbrennungen sind eindrückliche Protestaktionen, Videos von den Szenen werden auf Youtube oder Facebook 100 000-fach geteilt. Es sind verzweifelte Schreie nach Aufmerksamkeit für einen Konflikt, der angesichts der wirtschaftlichen Macht Chinas verdrängt wird und in Vergessenheit zu geraten droht. Viele der verzweifelten Schreie enden tödlich. So tödlich wie N.s Schritt auf die Gleise in Emmenbrücke.

Er ist der erste Tibeter, der in der Schweiz den Tod suchte, um auf die Situation von TibeterInnen hinzuweisen. Vermutlich ist er sogar der erste in Europa. Das weiss niemand so genau. Bereits Anfang dieses Jahres, beim Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten in Bern, versuchte sich ein tibetischer Flüchtling zu verbrennen. Doch das Feuerzeug zündete nicht (siehe WOZ Nr. 4/2017).

N. hat neun Monate später einen sicheren Weg in den Tod gewählt. Seine Forderungen sind die gleichen wie die der TibeterInnen, die sich selbst verbrennen: die Rückkehr Seiner Heiligkeit des Dalai Lama nach Tibet, Freiheit für Tibet, Unabhängigkeit von der chinesischen Herrschaft.

In der Abdankungshalle sind N.s Abschiedsbriefe in feinen Goldrahmen vor dem einfachen Holzsarg aufgestellt. Darüber projiziert ein Beamer ein Bild an die Rückwand der Halle, die Farben bleiben fahl im lichtdurchfluteten Raum: ein junger Mann mit nach hinten gekämmtem, glänzendem Haar, weisses Hemd, dunkle Sonnenbrille, kein Lächeln auf dem Gesicht.

«N. war in Indien politisch aktiv. Er hat sich für Tibet engagiert», erzählt Lobsang Palden Lothritsang. «Es deutet vieles darauf hin, dass N. nur in die Schweiz kam, um sich hier das Leben zu nehmen.» Lothritsang steht ganz hinten im Raum und schiesst Fotos von den Betenden auf den weissen Kunststoffstühlen, vom Sarg, von den zwei Emporen, an die mit braunem Klebeband eine tibetische und eine Schweizer Fahne befestigt wurden. Die Bilder sind für die Eltern von N. und für seine Geschwister im indischen Bundesstaat Odisha bestimmt. Lothritsang lebt in der Nähe von Zürich, seine Familie in Indien im Exil. Sie ist dort mit N.s Familie befreundet.

So bekam der unbekannte Mann ohne Papiere einige Tage nach seinem Tod in Emmenbrücke eine Geschichte – eine mit vielen Fragezeichen: Hoffte N., dass sein Protest hier in der Schweiz mehr Einfluss haben würde als in Indien? Glaubte er, dass die Vereinten Nationen sein Anliegen hier im Land des europäischen Uno-Hauptsitzes eher hören würden? «Ich hätte mir gewünscht, dass N.s Suizid in der Schweiz mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhält», sagt Lothritsang.

Abschied von einem Unbekannten

Bevor N.s Leiche in Emmenbrücke gefunden wurde, wusste niemand, dass er in der Schweiz war. Er hatte keinen Asylantrag gestellt. Es gab nur die Briefe in seiner Tasche, unterschrieben von «N. aus Tibet». Und bald gab es ein Bild des Toten in der Zeitung, mit dem die Luzerner Kriminalpolizei nach ZeugInnen suchte. Sie zeigte dieses Bild auch der Tibetergemeinschaft in Luzern: Plötzlich trat ein toter Unbekannter in das Leben der Schweizer TibeterInnen, einer, der doch zur Gemeinschaft gehört hatte.

An diesem Spätsommermorgen auf dem Friedhof Friedental singt diese Gemeinschaft Gebete, damit N. in einem nächsten Leben wieder als Tibeter geboren wird, vielleicht sogar in einem freien Land. Als der Sarg ein paar Stunden zuvor aus dem Leichenwagen gehoben wurde, standen die TibeterInnen Spalier. Sie trugen den Sarg in die Abdankungshalle. Eine Stunde und viele Gebete später begleiten sie ihn bis zum Krematorium. Sie filmen den Trauerzug mit ihren Handys und verlieren den Sarg nicht aus den Augen, bis er im Ofen verschwindet. Die Bilder teilen manche später auf Facebook. Sie nehmen Abschied von einem, den sie nicht kannten. «Er hat etwas für Tibet getan, deshalb tue ich jetzt etwas für ihn», sagt jemand am Ende der Zeremonie.

Der zweite Brief, den N. bei seinem Tod in seiner Tasche hatte, ist direkt an die Schweizer Regierung gerichtet: «Bitte akzeptieren Sie die Asylsuchenden aus Tibet, das ist meine bescheidene Forderung an die Schweizer Regierung. Wir, das tibetische Volk, brauchen Ihre Unterstützung und die Unterstützung der ganzen Welt.» N. wollte mit seinem Suizid auch dagegen protestieren, dass TibeterInnen heute in der Schweiz kaum noch Asyl erhalten. Nur wenn sie nachweisen können, dass sie direkt aus Tibet geflohen sind und nicht anderswo gelebt haben, werden sie als Flüchtlinge anerkannt. Die wenigsten können das nachweisen, viele werden auf ihrer Reise nach Europa schon in Indien oder Nepal registriert. Die Schweiz kann sie aber auch nicht nach Tibet zurückschicken – zu gross ist die Gefahr, dass sie in China politisch verfolgt werden. Etwa 600 TibeterInnen, vor allem junge Männer und Frauen, leben deshalb in Ungewissheit in der Schweiz.

Tseten, der nicht seinen ganzen Namen in der Zeitung lesen will, steht zusammen mit einer Gruppe von jungen Männern vor dem Krematorium. Gerade ist N.s Sarg durch das massive, anthrazitgraue Tor verschwunden. «Wir sind hier, um uns bei N. zu bedanken und um für ihn zu beten. Er hat das, was er getan hat, für die Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung getan. Aber er wollte auch die ganze Welt bitten, etwas für Tibet zu tun», sagt Tseten.

Viele tibetische Flüchtlinge konnten heute nicht nach Luzern reisen, weil sie keine Papiere haben. Sie dürfen den Kanton, in dem sie wohnen, nicht verlassen. «Unter uns Flüchtlingen hat N.s Suizid für Gesprächsstoff gesorgt», sagt Tseten. «Wenn man nichts zu tun hat, passiert so etwas. Und es passiert, wenn wir die negativen Gefühle, die viele von uns haben, nicht kontrollieren können.» Aber Tseten betont auch: «Wir sagen: Jedes Leben ist wichtig. Suizid ist nicht der Weg des Dalai Lama.»

Der Dalai Lama sprach sich in den letzten Jahren nur zögerlich gegen Selbstverbrennungen aus. Er wolle in dieser Frage neutral bleiben, sagte er, denn er wolle die Angehörigen der Toten nicht verletzen. Offenbar schickt das geistige Oberhaupt der TibeterInnen den Familien der SelbstmörderInnen heute keine Kondolenzschreiben mehr. Und er veranstaltet für die Gestorbenen keine Gebete mehr, wie er es zum Beispiel 2011 für neun Mönche, die in selbstgelegten Flammen gestorben waren, noch getan hat. Dabei sind solche Gebete im buddhistischen Glauben wichtig. Besonders wichtig seien sie für die Wiedergeburt derjenigen, die sich das Leben nehmen.

Sorgen in der Diaspora

Wie soll die tibetische Gemeinschaft mit Menschen umgehen, die im Kampf für ein freies Tibet den Tod wählen? Die sich selbst anzünden oder sich vor einen Zug legen wie N., weil es für sie anscheinend kein stärkeres Zeichen gibt, als das eigene Leben herzugeben für das unterdrückte Volk?

«Wir wollen nicht, dass dieser Suizid zu einer grossen News wird», sagt Tenzin Nyingbu, der Präsident der TGSL. Und er fügt nach einem Schluck Buttertee hinzu: «N. hätte lebendig viel mehr machen können für Tibet. Das, was er getan hat, kann nur die allerletzte Option sein, erst, wenn es sonst gar keine Hoffnung mehr gibt. Doch Hoffnung muss für uns Tibeter immer da sein.» Am blau-weiss marmorierten Himmel über dem Krematorium dröhnt ein Kampfflugzeug der Schweizer Armee, ein paar Kinder in tibetischer Tracht rennen über den Platz vor der Abdankungshalle. «Früher gab es solche Selbstverbrennungen vor allem in Tibet», sagt Nyingbu. «Es macht uns grosse Sorgen, dass sich nun jemand in der Schweiz das Leben genommen hat.»

* Name der Redaktion bekannt.

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