Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Ihr Name ist Glückseligkeit

Singen und leiden in Kinshasa: Im neuen Film des senegalesischen Regisseurs Alain Gomis kämpft eine Sängerin um ihren verletzten Sohn.

Von Catherine Silberschmidt

Mit Kraft und Eleganz: Die Laienschauspielerin Véro Tshanda Beya als Sängerin Félicité. Still: Trigon Film

Da steht sie mit ihrem ausdrucksstarken Gesicht und schaut ins Publikum, gibt den Blick frei auf ihren grossen, starken Körper und singt zu den Rumbarhythmen der Musiker. Nur wenige Frauen besuchen die kleine Bar, wo viel Alkohol fliesst, aber in der Anfangssequenz von Alain Gomis’ Film «Félicité» hat neben der Laienschauspielerin Véro Tshanda Beya in der Titelrolle und der rauen, aber eindringlich warmen Stimme der Sängerin Muambuyi im Playback vor allem auch die Kamerafrau Céline Bozon ihren Anteil. So faszinierend agil, wie sie die Handkamera führt, zelebriert sie das Schauen und das Angeschautwerden – und schafft so eine dichte Inszenierung der Blicke, in der sie die kleine Bargesellschaft auf sinnliche Weise verwebt.

In seinem vierten Spielfilm widmet sich der 45-jährige Alain Gomis («L’Afrance») erstmals einer weiblichen Hauptfigur, und Véro Tshanda Beya als Félicité ist eine Entdeckung. Die Story ist schnell erzählt: Die Sängerin Félicité ist alleinerziehende Mutter eines Sohnes, der bei einem Motorradunfall so schwer verletzt wird, dass sein Bein amputiert werden muss. Es ist eine Geschichte, die sich in jeder beliebigen Stadt hätte ereignen können. Doch dann entdeckte Gomis, der in Paris und in Dakar lebt und arbeitet, eines Tages die Sängerin Muambuyi auf einem Video der Kasai Allstars – und da wusste er, dass diese Musik und die Stadt Kinshasa Ausgangspunkte für seinen neuen Film sein werden.

Im New York der Mittellosen

Die Megalopole im Südwesten der Demokratischen Republik Kongo wird auch als «New York der Mittellosen» bezeichnet. Elektrizität, öffentliche Verkehrsmittel, geteerte Strassen und Wasseranschlüsse sind hier ein Luxus, an dem die meisten EinwohnerInnen nicht teilhaben, schon gar nicht in den Barackensiedlungen der Vororte, wo «Félicité» gedreht wurde. Man kann nur erahnen, was es aus produktionstechnischer Sicht bedeutet, ein so komplexes Projekt mit relativ bescheidenen Mitteln unter tropischen Bedingungen im Grossstadtdschungel von Kinshasa zu realisieren. Alain Gomis hat sich dafür mit dem kongolesischen Regisseur Dieudonné Hamadi zusammengetan, der mit den lokalen Verhältnissen vertraut ist.

Kinshasa habe ihn immer fasziniert, sagt Alain Gomis, aber aus der Distanz: «Weshalb ist diese Stadt, die einer der reichsten Orte der Welt sein müsste, ein Ort der Katastrophe?» Dennoch wollte er keinen Film über Misere und Gewalt machen. Vielmehr haben ihn die Musik, die Menschen und die afrikanische Urbanität interessiert – aber jenseits eines homogenen Afrikabildes, denn die Gesten und Gesichter der Menschen oder die Art und Weise, wie die Menschen in Zentralafrika Raum einnehmen, seien nicht dieselben wie in Westafrika.

«Félicité» ist ein sehr heterogener Film mit ganz unterschiedlichen Bildqualitäten. Wenn die ProtagonistInnen in ihrer Kraft und Eleganz dargestellt werden, wirken die dokumentarischen Bilder der Stadt wie unverputzt, fast kalt, trotz der grossen äquatorialen Hitze. Das Gegenteil von Kontinuität auch in der Montage: Surreal anmutende, lichtarme Nachtaufnahmen kontrastieren mit dem sehr bunt inszenierten Alltag. Da sehen wir Félicité, wie sie in ihrem prekären Zuhause auf einem wunderbar roten Sofa vor ihrem ewig defekten Kühlschrank sitzt. Für einen neuen fehlt ihr das Geld, und so kommt der Barbesucher und Quartiermechaniker Tabu (Papi Mpaka, auch er ein Laiendarsteller) und versucht umständlich, das Gerät zu reparieren.

Breites soziales Spektrum

Als Félicité erfährt, dass ihr Sohn im Krankenhaus liegt, muss sie erst eine Fahrgelegenheit organisieren. Dort angekommen, folgen wir ihr durch das grosse Spital, wo jene Kranken und Verletzten liegen, die mittellos sind. Wie die Bar ist auch das Krankenhaus ein realer Schauplatz, und diese unglaublich informative Sequenz macht neben den prekären Räumlichkeiten auch ein breites soziales Spektrum sichtbar: Von der westlich sportlich gekleideten Ärztin über die fromme Krankenpflegerin bis zu den vielen traditionell gekleideten Familienmitgliedern, die sich auf dem Areal nützlich machen, indem sie Wasser tragen oder ihre apathischen Angehörigen füttern, auch eine Diebin ist dabei.

Bündelweise Hoffnung

Und ganz speziell: die Depotkasse hinter dicken Gitterstäben. Auch Félicité reicht hier bündelweise kongolesische Francs hindurch, in der vergeblichen Hoffnung, das Bein ihres Sohnes könne durch eine Anzahlung der horrenden Operationskosten gerettet werden. Aber operiert wird erst, wenn der ganze Betrag durchgereicht ist, und das ist zu spät für das Bein. «Halleluja», singt der Amateurchor des Sinfonieorchesters Kinshasa, der bei schummriger Beleuchtung in einer Art Hangar eine Komposition von Arvo Pärt einübt – ein Werk aus der anderen Hemisphäre, das im Kontrast zu Félicités mythisch anmutendem Rumbagesang eigenartig fremd wirkt.

Ab 19. Oktober 2017 im Kino.

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