Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Kunst mit Brandbeschleuniger

Von Daniela Janser

Bertolt Brecht wusste schon 1931 in seiner «Dreigroschenoper», dass etwas grundfaul ist mit den Banken: «Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?» Wenn man die Reaktionen auf die neuste Intervention des russischen Aktionskünstlers Pjotr Pawlenski anschaut, muss man Brechts provokative Einschätzung mindestens eine Windung weiterdenken. In einer Herbstnacht Mitte Oktober bespritzte Pawlenksi die Fassade einer Pariser Bankfiliale mit Brandbeschleuniger und zündete sie an. Dann stellte er sich reglos vor die Flammen. Der Sachschaden war gering, die Verwirrung der Polizei gross. Pawlenski, der seit 2016 im Exil lebt, wurde umstandslos verhaftet, die Aktion erhielt kaum mediales Echo.

Nun hatte Pawlenksi ja bereits als Dissident in Putins Russland mit spektakulären und schmerzhaften Kunstaktionen auf sich und auf Missstände aufmerksam gemacht: Einmal nähte er sich den Mund zu, dann nagelte er sich an seinen Hoden auf den Roten Platz – und wieder ein andermal steckte er die Tür der Zentrale des Inlandsgeheimdiensts in Brand (siehe WOZ Nr. 42/2016). Diese Aktionen wurden im «Westen» gefeiert als starke Politkunst und als symbolischer Schlag ins Gesicht eines repressiven Staats.

Ins Angesicht eines rigoros durchökonomisierten französischen Staats geschlagen, stösst dieselbe Kunst auf eisiges Schweigen. In seinem Begleitmanifest lässt der Künstler keinen Zweifel daran, dass er sich in der Tradition der französischen Revolutionäre sieht – und die Banker als Nachfolger der Monarchen. Er will die ganze Welt von ihren jeweiligen Ketten befreien, nicht nur Russland – und hat so prompt die hiesige Doppelmoral aufgescheucht: Dissidenten mag man nur so lange, wie sie die Dissidenz in ihrer als autoritär taxierten Heimat ausleben. Verrichten sie ihre künstlerische Kritik aber vor unserer eigenen Haus- oder Bankentür, verhaften wir sie genauso, wie das Putins Schergen auch tun würden.

Oder maliziös mit dem Magazin «Inrockuptibles» kommentiert: Banknoten verbrennen darf man bei uns schon, nicht aber die dazugehörige Bank.

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