Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

In flagranti

Wie Karin Hoffsten nur knapp dem Auge des Gesetzes entging

Von Karin Hoffsten

Es ist ja nicht so, dass ich noch nie in meinem Leben was geklaut hätte … Aber erstens verwächst sich so was mit zunehmender Reife, und zweitens fühle ich mich besonders an Selbstbedienungskassen zu bedingungsloser Aufrichtigkeit verpflichtet.

Nun kosten ja die Plastiksäckchen neuerdings etwas, und als ich kürzlich ein solches etwas ungeschickt im Zickzack über den Scanner bewegte, registrierte der die geforderten fünf Rappen gleich dreimal. Leise fluchend hantierte ich an meiner Kasse vor mich hin, und während ich sonst häufig lange warte, bis mir jemand bestätigt, dass ich alt genug zum Biertrinken bin, stand diesmal sofort eine hilfsbereite Person neben mir, die erst meine zu viel gescannten zehn Rappen löschte und dann mein gefülltes Säckchen genauer ins Auge fasste.

Was soll ich sagen? Es fand sich ein Paket Bündnerfleisch zum Preis von 10.95 Franken darin, das noch nicht am Bildschirm registriert war. «Oh nein», stöhnte ich, «das ist mir in der Hektik passiert, Entschuldigung!» Und auch wenn es bösartige Rückschlüsse auf meine geistige Verfassung zulässt – in diesem Fall wusste ich echt nicht, wie das Ding da hineingeraten war. Ich war zwar etwas müde, aber drogenfrei.

Die Supermarktmitarbeiterin war fast so verwirrt wie ich. Vermutlich kommt es nicht allzu oft vor, dass man jemanden in flagranti ertappt. «Hier warten», meinte sie unsicher, «muss Chefin holen.» Erst da begann mir zu dämmern, dass es ernster werden könnte als erwartet. «Kann ichs nicht noch schnell tippen? Es ist wirklich ein Versehen!», jammerte ich, «ich kaufe doch seit Jahren mindestens zweimal in der Woche hier ein!» – Was die Wahrheit ist, denn der Laden ist im selben Haus wie das Fitnesszentrum, das ich regelmässig brav besuche. Doch mein Gegenüber lief kopfschüttelnd weg.

Während ich wartete, entwarf mein Hirn furchtbare Bilder: wie ich in diesem Laden nie mehr unverdächtigt durch die Regale gehen kann; wie ab jetzt, kaum tauche ich auf, immer jemand vom Personal hinter mir herschleichen wird – und so weiter und so fort. Aber es kam keine Chefin, und auch meine Häscherin blieb lange verschwunden; schliesslich kam sie wieder, bedeutete mir, ich könne jetzt mein Bündnerfleisch scannen und zahlen, und sagte dann streng: «Ist über zehn Franken – das nächste Mal muss Polizei kommen!» Ich beteuerte, das sei mir klar. Als ich ging, rief sie mir von weitem ein versöhnliches «Tschau!» nach.

Erst als ich drei Stockwerke höher auf meinem Trainingsrad schwitzte, wurde mir bewusst, wie anders all das hätte enden können: wenn ich eine andere Hautfarbe hätte, wenn ich kein Deutsch spräche, wenn ich jünger wäre und vielleicht gar ein junger Mann. Und mir fiel wieder ein, wie schon vor Jahrzehnten eine Mitarbeiterin der Zürcher Fremdenpolizei zu mir sagte: «Ach, Fräulein Hoffsten, mit Ausländern wie Ihnen haben wir hier doch keine Probleme!»

Sollte Karin Hoffsten so etwas in Zukunft öfter passieren, zieht sie den Besuch einer Memoryklinik in Betracht.

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