Nr. 31/2021 vom 05.08.2021

Klauen gegen den Kapitalismus

Illegal, gesellschaftlich verpönt und vielleicht auch ein politischer Akt? Ladendiebstahl scheint in der Schweiz ein Volkssport zu sein. Doch aus welchen Gründen stehlen Menschen eigentlich?

Von Ayse Turcan

Hier darfs auch mal die teure Tomate sein: Nicht alle legen den Begriff «Selbstbedienungskasse» gleich aus. Foto: Ursula Häne

Vor zehn Jahren geschah in vielen WG-Küchen Erstaunliches: Das Essen wurde plötzlich besser. Oder zumindest hochwertiger. In den Kühlschränken standen nun Sélection- statt M-Budget-Produkte, Trüffelöl verfeinerte die Champignonpasta, und das Einkaufen wurde zum Abenteuer. Grund dafür war die Einführung von Self-Check-out-Kassen vor rund zehn Jahren in der Migros. Die Hemmschwelle, Dinge mitgehen zu lassen, sank, Diebstahl wurde praktisch salonfähig. An geselligen Abenden wurden Tipps zum Tricksen an der Kasse ausgetauscht, etwa Produkte «versehentlich» nicht einzuscannen oder eingescannte Waren nachträglich wieder zu löschen: Die Strategien waren so divers wie die Hintergründe der Menschen, die zu DiebInnen wurden.

Martha* ist eine der Personen, die damals mit dem Klauen begannen. Heute steht sie in ihrer Küche in Bern und öffnet die Kühlschranktür. «Die teuren Sachen habe ich gestohlen», sagt sie und zeigt auf Zutaten für das Pizzaessen mit FreundInnen. Veganer Mozzarella, veganer Fleischersatz, Rohessspeck. Mit dem Klauen begonnen habe sie, als sie während des Studiums knapp bei Kasse gewesen sei – und trotzdem auf nichts verzichten wollte. «Natürlich hätte ich mich Ende Monat nur noch von Pasta oder Reis ernähren können, aber warum?» Es sei einfach gewesen an der Self-Check-out-Kasse, und der Kick habe ihr so gut gefallen, dass sie nicht mehr damit aufgehört habe – auch nicht, als sie einen relativ gut bezahlten Job annahm.

Ein gut gehütetes Geheimnis

Martha ist kein Einzelfall. In Schweizer Läden wurde bereits geklaut, bevor es Self-Check-out-Kassen gab. Wie gross der Schaden ist, der den Geschäften entsteht, ist nicht öffentlich bekannt. In der Kriminalstatistik des vergangenen Jahres sind bloss 16 342 Ladendiebstähle verzeichnet. Bedenkt man, dass in der gleichen Statistik doppelt so viele Einbruch- und Einschleichdiebstähle ausgewiesen sind, ist klar: Diese Statistik erfasst lediglich einen Bruchteil der Ladendiebstähle. Das liegt daran, dass ein Grossteil der Diebstähle in Supermärkten oder bei Ladenketten entweder erst bei der Inventurprüfung entdeckt wird, nie zur Anzeige kommt oder in vereinfachten Verfahren abgewickelt wird und deshalb nicht in die Polizeistatistik einfliesst. Selbst die Dunkelziffer ist unbekannt. In Deutschland, wo 2019 Umsatzverluste in der Höhe von 3,75 Milliarden Euro durch Ladendiebstähle von Kunden, Lieferantinnen und Mitarbeitern entstanden, schätzt der Handelsverband, dass der Anteil der Fälle, die nie zur Anzeige kommen, bei 98 Prozent liegt.

In der Schweiz könnten die Detailhändler mit den grössten Marktanteilen viel dazu beitragen, Licht ins Dunkel zu bringen. Doch sie schweigen eisern, sobald es um Ladendiebstahl geht. Sowohl Migros als auch Coop weigern sich auf Anfrage der WOZ nicht nur, etwas zur Anzahl der Fälle oder zur Entwicklung der Diebstahlstatistik zu sagen, selbst die Gründe für die Geheimhaltung sind ein Geheimnis. «Hierbei handelt es sich um Interna, die wir nicht öffentlich kommunizieren», heisst es bei Coop. Auch zu den Auswirkungen der Selbstbedienungskassen gibt es keine öffentlich zugänglichen Daten. Die Resultate einer 2018 publizierten englischen Studie legen allerdings nahe, dass die Einführung dieses Scanningsystems zu bedeutenden Mehrverlusten durch Diebstahl führt. In einigen der untersuchten Lebensmittelgeschäfte lagen die Umsatzverluste um 33 bis 147 Prozent höher als in Geschäften ohne Selbstbedienungskassen.

Für den Soziologen Guido Mehlkop, der seit Jahren zu Kriminalität forscht, ist klar: Diese Kommunikationsstrategie zielt darauf ab, Nachahmung zu verhindern. «Wenn ich als Supermarkt sage, bei uns wird täglich geklaut, dann ist das beinahe eine Einladung für potenzielle TäterInnen.» In der soziologischen Devianz- und Kriminalitätsforschung geht man davon aus, dass es Menschen gibt, die Gesetze und Moralvorstellungen so stark verinnerlicht haben, dass eine Normübertretung wie Diebstahl für sie nie infrage kommen würde. Andere aber wägen rational ab, ob sie in der Migros-Filiale eine Flasche Olivenöl mitgehen lassen oder nicht – je nachdem, ob etwa Kameras oder Ladendetektive in Sicht sind.

Leon* weiss, wie man Ladendetektive erkennt. Sie tragen Turnschuhe, um gut rennen zu können, und betrachten Produkte oft zu lange oder nicht richtig. «Beim Einkaufen schaut man sich eigentlich nie an. Wenn dich jemand beobachtet, dann ist die Person vielleicht in dich verliebt, wahrscheinlicher ist aber, dass es ein Detektiv ist», sagt er und lacht. Er ist in prekären Verhältnissen bei seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Mit dem Job in einem Restaurant verdiente die Mutter zu wenig, um sich und Leon durchzubringen. «Ich weiss noch, wie ich sie als Kind einmal zum Einkaufen in die EPA begleitete und zum ersten Mal beobachtete, wie sie Waren nicht auf das Laufband legte.»

Kein schlechtes Gewissen

Noch als Kind fängt Leon an, in Geschäften Dinge mitgehen zu lassen. Bis er mit dreizehn Jahren beim Klauen im Mediamarkt erwischt wird. «Das war damals so eine Art Mutprobe, uns war einfach langweilig», meint er. Als er einen Sommer lang Sozialstunden abarbeiten muss, hört Leon mit dem Stehlen auf. Für zwölf Jahre. Als er nach einem Auslandaufenthalt in die Schweiz zurückkommt und keinen Job findet, fängt er wieder damit an.

Leon und Martha brechen das Gesetz, befolgen dabei aber die Regel, nie in kleinen Läden oder von Privatpersonen zu stehlen. Gegenüber grossen Geschäften hat Leon kein schlechtes Gewissen: «Sie sind reich, zahlen schlechte Löhne und machen jedes Jahr riesige Gewinne.» Eine in der Bevölkerung verbreitete Haltung, sagt der Erfurter Soziologieprofessor Mehlkop. Wie verbreitet genau, kann er nicht sagen, da die Datenbasis schmal ist. In einer Studie von 2014, bei der 2000 Personen aus der Stadt Bern zu kriminellem Verhalten befragt wurden, gaben nur gut die Hälfte an, Ladendiebstahl für ein schlimmes Delikt zu halten, während ein Drittel schon selbst geklaut hatte – in einer 2019 publizierten Befragung von moneyland.ch gaben gar 49 Prozent Diebstähle zu.

Die Existenz von Privateigentum ist eine der Grundvoraussetzungen des Kapitalismus, weshalb die Verletzung dieses Prinzips vergleichsweise hart sanktioniert wird. Im Schweizerischen Strafgesetzbuch kann, «wer jemandem eine fremde bewegliche Sache zur Aneignung wegnimmt, um sich oder einen andern damit unrechtmässig zu bereichern», mit einer Busse oder einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden. Im Vergleich dazu droht einem bei Steuerhinterziehung lediglich eine Geldstrafe, bei Steuerbetrug eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Auch ein Eintrag im Strafregister erfolgt bei einer Verurteilung wegen Ladendiebstahl. Aus diesem Grund hat Leon mit dem Stehlen aufgehört, seit er eine Ausbildung im sozialen Bereich macht und sich seine finanzielle Situation etwas gebessert hat.

Das Unterhosenproblem

Für Ronia* ist Ladendiebstahl auch Kapitalismuskritik. Die Künstlerin beschloss im Alter von siebzehn Jahren, keine unfair produzierten Lebensmittel und Kleider mehr zu konsumieren. Es sei ihr leichtgefallen. Bis sie Mutter wurde. Babynahrung, Windeln, Kinderkleidung: Alles wurde teurer und komplizierter. «Ich stand stundenlang in der Küche, um selber Knäckebrot zu backen, oder nähte Kinderkleider. Ich hatte kaum noch Zeit für mich selbst.» Auslöser für die Entscheidung, fortan regelmässig zu stehlen, sei ein akutes Unterhosenproblem gewesen: «Ich hatte etwa zwanzig fair produzierte Unterhosenmodelle bestellt, und keines passte mir.» Sie wurde wütend, ging in die nächste H&M-Filiale, nahm sich ein paar Unterhosen und lief wieder raus. Ohne zu bezahlen.

Seither stiehlt Ronia aus Läden, die sie nicht unterstützen will, und klaut Produkte, die nicht fair produziert sind. Für Bio- und Fairtradeprodukte zahle sie aber gern, sagt die junge Mutter. Sie müsse sich häufig rechtfertigen, wenn sie in ihrem Bekanntenkreis davon erzähle. «Weil ich eine klare politische Haltung habe, versuchen Leute immer wieder, mir aufzuzeigen, dass ich Denkfehler mache.» Oder man werfe ihr vor, dass sie mit ihrem Handeln das System nicht verändere. «Aber wieso sollte ich als Einzelperson für das System verantwortlich sein? Immerhin gebe ich Läden wie H&M kein Geld.» Ronia sagt, sie hoffe, dass das Bewusstsein dafür wachse, wer die wahren Kriminellen im kapitalistischen System seien.

In die gleiche Richtung zielte die Aktion «Deutschland geht klauen» des Peng!-Kollektivs, das 2018 den Ladendiebstahl zu einem Akt des zivilen Ungehorsams erhob. Das Geschäftsmodell von Supermärkten basiere auf Ausbeutung, und zahlende KundInnen unterstützten dieses, argumentierte das Kollektiv. Es rief deshalb dazu auf, Waren in deutschen Supermärkten zu stehlen und den eingesparten Betrag zu spenden. Das Geld kam schliesslich Gewerkschaften in Ländern zugute, in denen die ProduzentInnen unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen leiden. Ronia gefällt die Aktion. «Das könnte man auch mal in der Schweiz versuchen.»

*Name geändert.

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