Nr. 45/2017 vom 09.11.2017

Jede Minute ein Erfolg

Ein Gastspiel des AfD-Manns Marc Jongen in New York zeigt, warum es einzig der extremen Rechten selbst nützt, wenn man sie auf liberale Bühnen einlädt.

Von Daniela Janser

Marc Jongen

Da wurde also der frisch gewählte AfD-Bundestagsabgeordnete und Philosoph Marc Jongen an eine Tagung am renommierten Hannah Arendt Center in New York eingeladen, und was dabei fast unterging, ist die Rede selbst, die er dort hielt. Wer sich zuvor durch einige Wahlkampfreden Jongens gekämpft hat, findet in der holprigen, uninspirierten New Yorker Ansprache mit dem Titel «Muss die Demokratie populistischer werden?» alle inhaltlichen Bausteine wieder, die er bereits in den Turnhallen und Festhütten von Baden-Württemberg zum Besten gegeben hatte: Er behauptet, die «innere Sicherheit» sei durch eine «kulturfremde», kriminelle Masseneinwanderung gefährdet, vergleicht Angela Merkel mit einer Diktatorin und warnt vor dem Untergang Deutschlands. Den Nazivergleich weist er von sich, ebenso wie ein «Wir» als Rassengemeinschaft, das sei «längst überwunden» – nur um im nächsten Satz doch wieder ein «Wir» zu evozieren, das sich genetisch und kulturell und durch «geteilten Boden» definiere.

Da langweilt also einer die akademische Intelligenz von New York mit abgestandenen Versatzstücken aus dem deutschen AfD-Wahlkampf. Warum ist das bemerkenswert oder gar derart gefährlich, dass zahlreiche US-ProfessorInnen mit einem offenen Brief gegen Jongens Auftritt protestierten? Nun, am Vorfall in New York lässt sich ablesen, was geschieht, wenn man nicht einfach «mit Rechten redet», sondern sie als Redner auf die eigene Bühne bittet. Die ultrarechte Position wird dadurch nicht nur normalisiert, sondern auch ein Stück weit legitimiert: Man würde doch keinen Rechtsextremen an die ehemalige Wirkungsstätte von Hannah Arendt einladen, die einst selber vor den Nazis flüchten musste?

Streuwirkung gratis

Aufseiten der AfD werden solche Einladungen und die Tatsache, dass man dabei «nicht niedergebrüllt wurde», als grosser Erfolg «für unsere Sache» gewertet, wie Jongen auf seiner Facebook-Seite bilanziert. Denn auch wenn vermutlich niemand der im Saal Anwesenden für «die Sache» gewonnen werden kann: Die AfD freut sich über jede Minute, die sie auf liberalen Bühnen verbringen darf. Diese Auftritte erlauben es, Propaganda in Umlauf zu bringen, die man später auf den eigenen Social-Media-Kanälen triumphierend weiterverbreiten kann. Und noch wichtiger: Über die medialen Vertriebskanäle der liberalen Veranstalter selbst erhalten gezielt platzierte Zitate gratis und mühelos eine viel breitere Streuung, als es die eigene beschränkte Reichweite je erlaubte. Zumal die Netzkultur gnadenlos entkoppelt: Aus dem Zusammenhang von Rede und Gegenrede gerissen, werden sogar kontrovers geführte Interviews zur Propagandaschleuder.

Schamlos instrumentalisiert

Dabei stehen nicht mal so sehr konkrete Inhalte im Vordergrund, sondern schlicht Hegemonie, wie die «Zeit» treffend bemerkt hat: Es gehe darum, «in die Sprache und das Denken der Mitte» vorzudringen. Die US-Presse kommt zu einem ähnlichen Schluss: «The Baffler», «The New Yorker» und «Washington Post» kritisierten die Fahrlässigkeit, Jongen eine Plattform anzubieten, die dieser prompt schamlos instrumentalisierte.

Bezüglich der Brisanz, Jongen ausgerechnet am Hannah Arendt Center reden zu lassen, meint Masha Gessen im «New Yorker», dass allein schon die von Jongen eingeforderte Abkehr von der NS-Geschichte für Arendt völlig unhaltbar gewesen wäre. Und sie erinnert daran, dass Arendt 1948 selbst einen Protestbrief gegen einen US-Besuch von Menachem Begin unterschrieben hatte, den späteren israelischen Premierminister, dessen Freedom-Partei im Brief in die Nähe von Nazis und Faschisten gerückt wurde.

Die Schweizer Zeitungen scheint der Fall kaltzulassen. Dabei hatten NZZ, «Basler Zeitung», «Weltwoche» und «Tages-Anzeiger» noch im Frühjahr eine Einladung von Marc Jongen ans Theaterhaus Gessnerallee in Zürich engagiert verteidigt. Der Anlass wurde am Ende wegen «Sicherheitsbedenken» abgesagt. Jongen selbst verurteilte damals die Absage auf Schärfste und geisselte die «Engstirnigkeit, Heuchelei und Selbstgerechtigkeit in der ‹Kulturszene›». Den einheimischen Blättern klopfte er anerkennend auf die Schulter: «Dass das Gros der Presse dies nicht unterstützt hat, gibt Hoffnung.» Wenigstens diese Hoffnung blieb ihm nach dem Auftritt in New York verwehrt.

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