Nr. 45/2017 vom 09.11.2017

Die umwerfend kluge Schriftstellerin

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Das 19. Jahrhundert ist nicht grad arm an britischen Autorinnen von Weltrang. Aber unsere gesuchte Schriftstellerin überragt ihre zahlreichen, unterdessen zu Klassikerinnen avancierten Zeitgenossinnen um mindestens eine symbolische Haupteslänge. Besonders einer ihrer Romane wird bis heute als beinahe übermenschlich kluges Romanwerk gefeiert: Es konturiert die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts durch das Brennglas einer Kleinstadtgemeinschaft klarer und unterhaltsamer als jede historische oder philosophische Abhandlung.

Bis heute treibt vor allem dieser eine Roman die Lesezirkel und die Uniseminare um; wobei seine zwischen den Zeilen rumorenden semantischen Druckwellen wohl tatsächlich erst für die Nachgeborenen so richtig spürbar sind. Was nicht heisst, dass seine Urheberin nicht schon zu Lebzeiten bewundert wurde. Keine Geringere als Queen Victoria erbat sich ein Autogramm von ihr. Und die Tochter der Königin zeichnete die Silhouette der berühmten Autorin einst während eines Konzerts in London als Porträt auf die Rückseite ihres Programmhefts.

Dabei hatte sie erst im Alter von 37 Jahren angefangen, Romane zu schreiben. Dafür hatte sie sich ein männliches Pseudonym zugelegt. Dahinter werden verschiedene Gründe vermutet, vor allem aber erlaubte es ihr, jenseits von Erwartungshaltungen zu schreiben. Ihr eigenes Leben, insbesondere ihre breite Bildung und ihr Liebesleben, sprengte das Korsett, das der viktorianische Zeitgeist für das weibliche Geschlecht vorgesehen hatte. Bekannte haben sie als intellektuell versierte und umwerfend charmante Gesprächspartnerin beschrieben, sie konnte aber auch ätzend scharfzüngig sein. 1856, just in dem Jahr also, als sie selbst zur Schriftstellerin wurde, machte sie sich in einem Essay über einfältige Protagonistinnen aus populären zeitgenössischen Frauenromanen lustig: «Ihre Augen und ihr Witz sind überwältigend; nicht nur ihre Nase, auch ihre Moral sind bar jeder Unregelmässigkeit.» Es versteht sich, dass die Frauengestalten in ihren eigenen Romanen nichts mit solchen Klischees gemein haben.

Wer war die von Henry James unverblümt als «köstlich hässlich» beschriebene Schriftstellerin, die erst im Jahr ihres Todes einen zwanzig Jahre Jüngeren ehelichte, nachdem sie zuvor über zwanzig Jahre lang mit einem verheirateten Mann in wilder Ehe zusammengelebt hatte?

Wir fragten nach der britischen Schriftstellerin und Übersetzerin George Eliot. 1819 geboren als Mary Anne Evans in der Stadt Nuneaton im mittleren England, machte sie sich als präzise und genuin politische literarische Gestalterin des britischen Landlebens einen Namen. Ihr überragender Gesellschaftsroman «Middlemarch», dessen Hauptfigur – genau wie die Autorin selbst – die Konventionen der Zeit radikal herausforderte, wurde 2015 von namhaften LiteraturkritikerInnen zum besten britischen Roman aller Zeiten gekürt. 1880 starb sie; sie liegt auf dem Londoner Highgate Cemetery begraben.

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