Nr. 47/2017 vom 23.11.2017

Schluss damit!

Ruedi Widmer über eine Welt ohne Politik

Von Ruedi Widmer

Die deutsche Wirtschaft sagt nach dem Ende der deutschen Koalitionsverhandlungen ganz entspannt, sie brumme auch ohne Politik. Belgien blieb 2010/11 540 Tage lang ohne feste Regierung. Ähnlich wie Staatsfernsehen oder Sozialstaat ist auch die Politik in der digitalisierten Welt nicht mehr nötig. Politik ist laut, schmutzig und kostet die SteuerzahlerInnen Millionen. Politikseiten in den Zeitungen werden überblättert, Gemeindeversammlungen verwaisen. Nicht mal eine Profipolitikerin wie Angela Merkel findet mehr genug PolitikerInnen, die mit ihr Politik machen wollen. Die Politik ist weltweit in der Krise. Selbst ein auf Trendpolitik Gebürsteter wie Donald Trump weiss nicht mehr, was er mit der Politik überhaupt noch machen soll, dabei sitzt er als US-Präsident an deren Quelle. Doch diese Quelle versiegt zunehmend. Im Sommer ist die Politik ausgetrocknet, die Parlamente sind gähnend leer. Der Klimawandel zeigt sich auch hier. Wirbelsturm «Lindner» hat gerade letzten Sonntag Jamaika verwüstet. Erdbeben wie «Erdogan» zerstören ganze Volkswirtschaften und Völker.

Auch in der Schweiz ist die Politik kaum mehr überlebensfähig. Reichte die Gemeindepolitik vor zwanzig Jahren noch bis in die Mitte der Gesellschaft, ist sie heute um Hunderte von Metern zurückgegangen. Politikabbrüche gibt es immer mehr, am Wochenende zum Beispiel mit der Ankündigung von SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher, Bundesrätin werden zu wollen. Dabei wurden 46 Personen schwer und 128 leicht verletzt. Solche Extremereignisse gab es vor zwanzig Jahren noch nicht. «Die Permapolitik verschwindet, die das Ganze zusammenhält», konstatiert ein Politologe.

Die Politik besitzt eine immense Zahl an Immobilien, Rathäusern und Verwaltungsgebäuden, die bereits in wenigen Jahren umgenutzt werden könnten. Sie böten Platz für neue Einkaufsmöglichkeiten und trendige Cafés an bester Lage. Parlamente sind schon von der Form her für die Umnutzung in Kinos geeignet. Berns zukünftiges Kongresszentrum wird das Bundeshaus sein, Zürichs langjährige Suche nach einem ebensolchen wird endlich ein Ende finden: am Limmatquai, wo heute noch KantonsrätInnen ein- und ausgehen.

Kantonsrat. Schon vom Wort her ein alter Zopf, der nicht mehr in unsere heutige Zeit passt. Wer unbedingt einen Kantonsrat will, was auch legitim ist, der soll ihn selber bezahlen. Aber der Mann und die Frau von der Strasse verstehen schon mal gar nicht, was im Rathaus alles besprochen wird. Gerade diese «Geheimsprache» der PolitikerInnen mit vielen langen Wörtern, ellenlangen Listen und Zahlenkolonnen ist schuld daran, dass die Politik zur Parallelwelt geworden ist, die keinerlei Berührungspunkte mit den Menschen mehr hat. Wer wirklich erfahren will, wie die Welt läuft, der kann das auf Youtube.

Schlimm ist dieser Bedeutungsverlust nicht. Die Politik hat schon früher an Einfluss verloren. Die Natur zum Beispiel kommt heute weitgehend ohne Politik aus. Sie funktioniert wie ein Uhrwerk, KantonsrätInnen würden da nur stören. Als die Politik noch meinte, über die Natur bestimmen zu müssen, entstanden gefährliche Dinosaurier, die alles frassen, was ihnen in die Quere kam, und es gab mehr Vulkanausbrüche als heute. Typischerweise kam der Mensch in dieser Welt nicht vor. Das erinnert wieder etwas an heute, wo die Politik den Menschen auch völlig ausklammert und deswegen die Population von WutbürgerInnen immer grösser wird und Letztere immer längere Hälse und grössere Zähne bekommen.

Wollen wir wirklich darauf warten, bis die Politik von einem Meteoriten ausgeschaltet wird? Wir sollten jetzt Verantwortung übernehmen und mit diesem Irrweg lieber früher als später aufhören.

«Gehört der Islam zur Schweiz?», wird gerade wieder gefragt. «Gehört die Politik zur Schweiz?», möchte ich da hinterherfragen.

Ruedi Widmer ist Apolitolypsiker in Winterthur.

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