Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Die Apéro-Ungeheuer

Der Sexismus im Bundeshaus wird endlich thematisiert. Die Art der Auseinandersetzung ist dabei aber entlarvend.

Von Sarah Schmalz

Irgendwann torkelte der Walliser Nationalrat Yannick Buttet ins Bild. Er habe zuerst die SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann angetanzt, berichten verschiedene AugenzeugInnen. Dann sei er bei ihrer Fraktionskollegin Céline Amaudruz gelandet, habe seine Hände über ihr Kleid wandern lassen, sei zudringlich geworden. Bis Amaudruz den Saal verlassen habe.

Niemand hätte wohl je über diese Vorfälle an einem Bundeshausapéro gesprochen, wäre Buttet letzte Woche nicht von einem anderen Skandal eingeholt worden: Gegen den stockkonservativen Saubermann (Buttet ist Offizier, verheirateter Familienvater und kämpft im Parlament für das traditionelle Familienbild und gegen Homosexuelle) wurde eine Strafanzeige eingereicht. Eine Exgeliebte wirft Buttet vor, sie massiv gestalkt zu haben. Die Polizei zog Buttet schliesslich aus einem Busch vor ihrem Haus.

Mit der Affäre um Yannick Buttet ist die #MeToo-Debatte im Bundeshaus angekommen. Das ist erfreulich – doch die Art der Auseinandersetzung ist es nicht. Denn sie bleibt ebenjenen sexistischen Stereotypen verhaftet, die überhaupt dazu führen, dass Männer wie Buttet toleriert werden.

Am meisten schockiert die saloppe Forderung (vorwiegend von rechten Politikern), man müsse halt die vielen Apéros während der Sessionen abschaffen. Dazu passt, dass Buttet bereits in beschwichtigender Manier seinen Rückzug in eine Suchtklinik kommuniziert hat. Als wäre der Alkohol das Hauptproblem und nicht Buttets offensichtlich misogyne Gesinnung, die sich nach ein paar enthemmenden Schlucken Bahn bricht: die Vorstellung, dass ihm als mächtigem Mann die Frauen zur Verfügung zu stehen haben.

Auch die Idee, das gesellige Zusammensein unter Alkoholeinfluss begünstige sexuelle Übergriffe, ist zutiefst patriarchalisch: Den Männern schreibt man damit eine dranghafte, unkontrollierbare Sexualität zu. Die Frauen wiederum werden zur Vorsicht gemahnt: Trink nicht zu viel, flirte nicht, fordere den Übergriff nicht heraus durch dein Verhalten. Gehe nicht mit einem Mann alleine in eine Bar, geschweige denn in ein Hotelzimmer. Denn sonst brauchst du dich nicht zu wundern.

Nach Buttets Entgleisungen äusserten sich ParlamentarierInnen aus allen Parteien über ihre Erfahrungen mit Sexismus im Bundeshaus. Sie berichteten von abwertenden Sprüchen. Davon, dass einige Männer ihre Macht gegenüber der weiblichen Minderheit demonstrierten, indem sie mit ihrem Verhalten den Frauen ihren Platz in der Politik zuwiesen: den Platz des «charmanten Schätzchens», dem man in einer Kommission nur «aus Mitleid» zugestimmt habe, wie es etwa SP-Nationalrätin Mattea Meyer erlebte. Manche Frauen deuten auch an, dass sie sexuell belästigt wurden, doch Namen will niemand nennen. Das wird den Parlamentarierinnen von vielen Seiten vorgeworfen: Wer in Bern Politik mache, müsse sich doch wehren.

Freilich: Parlamentarierinnen haben eine Stimme, die sie nutzen sollten – und sie sind nicht im selben Mass von ihren männlichen Kollegen abhängig wie etwa eine junge Angestellte von ihrem Chef. Doch in Bundesbern spielt ein anderer Mechanismus, der es Frauen schwer macht zu sprechen: die manipulierende Wirkung der medialen Öffentlichkeit. Frauen, die eine Anschuldigung vorbringen, droht eine mediale Hetzjagd – und die Ausleuchtung ihres Privatlebens. Dafür steht der Fall Jolanda Spiess-Hegglin exemplarisch. Kann eine Situation juristisch nicht eindeutig geklärt werden, bleibt die Geschichte vor allem an der Frau kleben. Sie kriegt den Schlampenstempel aufgedrückt.

Nach der Buttet-Affäre wird die Forderung nach einer Ombudsstelle laut, an die sich von Sexismus betroffene Frauen im Bundeshaus richten könnten. Das wäre zwar ein richtiger Schritt. Viel wichtiger aber ist, dass man die Debatte schärft: Von Sexismus betroffene Frauen dürfen nicht doppelt gestraft werfen, indem man ihnen vorwirft, sich nicht zu wehren, und dabei übersieht, dass die Ursachen ihres Schweigens in unserem patriarchalen System liegen. Männern wie Buttet hingegen sollte man nicht länger einfach zuschauen, wie sie grabschend durch Apéros torkeln: sondern sie mit ihrem Frauenbild konfrontieren. Einem Frauenbild, das abgeschafft gehört.

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