Nr. 01/2018 vom 05.01.2018

Ein reizendes Gespenst

Im Krieg ist der Einsatz verboten, gegen DemonstrantInnen wird Tränengas aber von der Polizei gerne eingesetzt – obwohl nur wenig über die Waffe bekannt ist. Der Reizstoff, 1914 erstmals verwendet, ist bis heute allgegenwärtig, aber auch unfassbar.

Von David Hunziker

Die Proteste der sechziger Jahre dienten als Experimentierfeld für die aggressiven Tränengastaktiken, die bis heute zum Einsatz kommen: Einsatz der Polizei 1968 in Chicago. Foto: Bettmann, Getty

Plötzlich war der Krieg mitten auf dem Campus. 1969 flog ein Militärhelikopter im Tiefflug über eine Menge von StudentInnen, die auf dem Gelände der University of California, Berkeley, protestierten, und deckte sie mit einer Wolke aus Tränengas ein. Das Bild erinnerte die AktivistInnen in erschreckender Weise an das, wogegen sie protestierten: den Krieg der USA in Vietnam und den dortigen Einsatz chemischer Waffen.

Das Bild schockierte – und das Tränengas blieb. Doch nicht nur das: Die Proteste der sechziger Jahre dienten als Experimentierfeld für die aggressiven Tränengastaktiken, die bis heute zum Einsatz kommen.

Schmerz und Panik

Solche Bilder haben sich uns tief eingeprägt, das Tränengas gehört fest zum visuellen Repertoire von Strassenprotesten. Doch seine Präsenz ist gespenstisch: allgegenwärtig und unfassbar zugleich. JournalistInnen stellen meist nur gerade fest, dass Tränengas eingesetzt wurde. Thematisiert oder infrage gestellt wird sein flächendeckender Einsatz kaum. Es beginnt schon damit, dass man über Tränengas erstaunlich wenig weiss. Die an der englischen Universität von Bournemouth forschende Medienwissenschaftlerin Anna Feigenbaum hat nun in einem sehr informativen und detailreichen Buch eine Geschichte des Tränengases geschrieben. Es ist auch ein Plädoyer dafür, dem Tränengas endlich den Kampf anzusagen.

Die Chemiewaffenkonvention von 1993, die fast alle Länder der Welt unterschrieben haben, verbietet den Einsatz von chemischen Waffen in Kriegen, so auch von Tränengas. Trotzdem wird es von Polizeikräften weltweit immer noch intensiv genutzt, um politischen Widerstand zu demoralisieren, zu bestrafen oder zu zerschlagen. Die globale Protestwelle ab 2011 – Arabischer Frühling, Occupy Wall Street, Gezipark in Istanbul – hat dem Tränengas sogar einen regelrechten Boom beschert: 2011 haben sich die Verkaufszahlen verdreifacht.

Tränengas ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene Reizstoffe, die die Augen, aber auch die Atemwege und Schleimhäute reizen und dadurch Schmerz, Orientierungslosigkeit und Panik auslösen. Das seit den sechziger Jahren am weitesten verbreitete Tränengas ist das CS-Gas («CS» steht für 2-Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril). Doch um chemische Stoffe, das zeigt Feigenbaums Buch sehr schön, geht es beim Tränengas nur am Rand. Die Geschichte des Tränengases ist eine der jahrzehntelangen, systematischen Konstruktion und Verteidigung eines euphemistischen Diskurses: demjenigen der «nichttödlichen Waffen» oder, die absurde Steigerung davon, der «weniger tödlichen Waffen».

Dieser Diskurs ist bis heute wirksam: In keinem Land der Welt ist es obligatorisch, die Anzahl der durch den Einfluss von Tränengas Verletzten und Toten statistisch zu erfassen, obwohl solche Fälle immer wieder vorkommen. Auch über Einsatz, Export, Anschaffung oder Umweltschäden von Tränengas müssen keine Daten erhoben werden. Zusammen mit ihrem Forschungsteam hat Feigenbaum unzählige Daten zusammengetragen, etwa um zu berechnen, wie viel Tränengas die türkische Polizei gegen die Geziproteste 2013 in Istanbul eingesetzt hatte. Sie kamen auf eine Menge von 130 000 Dosen in nur zwei Wochen – in «Friedenszeiten» entspricht das einem Vorrat für ein ganzes Jahr.

«Vater des Gaskriegs»

Die einflussreichste Forschung zu Tränengas kam stets aus Militärkreisen, und was davon an die Öffentlichkeit drang, diente rechtfertigenden Zwecken. Der von der britischen Regierung in Auftrag gegebene und mit fragwürdiger Methodik zustande gekommene «Himsworth Report» von 1971, der das Tränengas als harmlos und eher als Droge denn als Waffe darstellte, wurde seither immer wieder herangezogen, um Tränengaseinsätze zu legitimieren. Doch die schwierige Beziehung zur Wissenschaft geht bis zu den Anfängen des Tränengases zurück: auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.

Seit ihrer Entstehung war die moderne Chemie für industrielle Produktionsprozesse mobilisiert worden. Ein von den deutschen Chemikern Fritz Haber und Carl Bosch Anfang des 20. Jahrhunderts entwickeltes Verfahren zur Ammoniaksynthese etwa ermöglichte die Herstellung von Düngemitteln, Sprengstoffen und Farbstoffen. Im Ersten Weltkrieg nutzte insbesondere Deutschland seine Überlegenheit in der Chemie zur exzessiven Herstellung chemischer Waffen. Haber war der wissenschaftliche Kopf dieser Forschungen und gilt als «Vater des Gaskriegs». Der erste Einsatz von Tränengas soll jedoch 1914 von den Franzosen ausgegangen sein.

Vor allem für Britannien, wo das CS-Gas sowie das bis in die sechziger Jahre als Tränengas verbreitete CN-Gas (Omega-Chloracetophenon) erstmals hergestellt wurden, waren die Kolonien entscheidend bei der Umpolung einer chemischen Waffe zu einem Stoff, der gegen ZivilistInnen eingesetzt werden kann. 1919 wurden bei einer Grossdemonstration in der indischen Stadt Amritsar offiziell 379, tatsächlich wohl aber viel mehr Protestierende von britischen Soldaten erschossen. Tränengas versprach, solche Proteste ohne grosse Rufschädigung aufzulösen – so jedenfalls argumentierten eifrige Lobbyisten der Waffenindustrie bereits in den zwanziger Jahren.

Biologisch abbaubar?

Nun hatten die Briten bei der Washingtoner Konferenz von 1922 aber einen Vertrag unterschrieben, der die Verwendung chemischer Waffen untersagte. In der Folge waren Sicherheitspolitiker und die Waffenindustrie darum bemüht, Tränengas von jenen Waffen abzugrenzen und im Vergleich zu Schusswaffen und Schlagstöcken gerade als eine zivilisierte Methode zur Aufstandsbekämpfung zu bewerben. Weil die Briten die Kontrolle über die Kolonien in Indien und im Nahen Osten zu verlieren drohten, begannen sie Anfang der dreissiger Jahre mit den ersten Einsätzen von Tränengas in Palästina. Die Einsätze in den Kolonien dienten Testzwecken und der Normalisierung. Erst nach intensiven Einsätzen von Tränengas in Nordirland kam Tränengas auch in England zum Einsatz.

Der Zynismus einer «zivilisierenden Waffe» wird von einer Anekdote schön eingefangen, die Anna Feigenbaum von einer internationalen Waffenmesse in Paris im Jahr 2015 mitgebracht hat. Am Stand von ISPRA, dem grössten israelischen Hersteller von nichttödlichen Waffen und Antiterrorausrüstung, entdeckt sie eine seltsame Tränengasgranate. Diese sei biologisch abbaubar, sagt die Frau am Stand, löse sich bei der Freisetzung des Gases fast vollständig auf. Das sei umweltfreundlich und biete gleichzeitig eine Lösung für das sogenannte Rückwurfproblem – wenn Protestierende die Granate wieder in die Reihen der Polizei zurückwerfen. Sauber, ungreifbar und effektiv: Neoliberaler kann eine Waffe kaum sein.

Kein Wunder also, versuchten Protestierende weltweit mit verschiedenen Strategien, Tränengas sichtbar zu machen. Die gelben Regenschirme, die bei den Demonstrationen in Hongkong 2014 als Schutz gegen Tränengas dienten, wurden zum Symbol der Bewegung. Während des Arabischen Frühlings sammelten AktivistInnen auf einem Blog Daten über die Tränengaskanister, die sie auf der Strasse fanden. Und eines der Symbole der Protestbewegung vom Gezipark war ein Pinguin mit Gasmaske, nachdem das türkische Fernsehen eine Dokumentation über Pinguine gesendet hatte, statt über die Proteste zu berichten.

Doch eine solche Sichtbarmachung ist nur der erste Schritt auf dem Weg zur effektiven Bekämpfung. Im Gespräch mit dem Magazin «National Geographic» weist Sven-Eric Jordt, Professor in Pharmakologie an der US-amerikanischen Yale University School of Medicine, darauf hin, dass ernsthafte Verletzungen und bleibende Schäden durch Tränengas vor allem dann drohen, wenn Personen Tränengas über längere Zeit oder in zu hoher Konzentration ausgesetzt sind. Und wer schon einmal eine Horde krawallwütiger Demopolizisten aus der Nähe erlebt hat, dem ist klar, dass es höchst problematisch ist, diesen die Verantwortung für den «safer use», einen weniger riskanten Umgang mit solchen Substanzen, zu überlassen.

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