Nr. 03/2018 vom 18.01.2018

Jung, kämpferisch – und todkrank

Mit spektakulären Aktionen kämpft Act Up Paris in den neunziger Jahren gegen die Untätigkeit angesichts der Aidsepidemie. Der mitreissende Spielfilm «120 BPM» porträtiert die Organisation – und zeigt die Folgen der Krankheit.

Von Rahel Locher

Mit unbändiger Lebenslust gegen das Schweigen: Der Aktivist Sean (Nahuel Pérez Biscayart), bevor ihm das HI-Virus jede Vitalität raubt. Still: Agora Films

Die Wasserballone platzen, roter Saft mäandriert über die Glasscheiben im noblen Pariser Büro des Pharmakonzerns Melton Pharm. Und im Hintergrund ertönt die Parole: «Melton Pharm, Mörder, du hast Blut an deinen Händen!» Die entschlossenen Blicke, die energischen Bewegungen der Anti-Aids-AktivistInnen lassen keinen Zweifel: Hier geht es ums Ganze. Tatsächlich ist die grosse Mehrheit der jungen Menschen, die in das Gebäude des Pharmaunternehmens eingedrungen sind, selbst HIV-positiv – und drängen auf die Zulassung neuer, besserer Medikamente, die Melton Pharm ihrer Meinung nach absichtlich verzögert, um möglichst lange mit den Vorgängermodellen Profit zu machen.

Der französische Regisseur Robin Campillo porträtiert in seinem Spielfilm «120 BPM» Act Up Paris, einen Zusammenschluss von Aidskranken und ihren Angehörigen. Die Gruppe macht Anfang der neunziger Jahre mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam – in Paris, aber auch etwa in New York, wo 1987 aus der homosexuellen Community die erste Act-Up-Gruppe entstanden ist.

Aids gibt es zu dieser Zeit bereits seit zehn Jahren, aber Politik und Wissenschaft kämpfen nur nachlässig gegen die Krankheit, die zunächst vor allem bei stigmatisierten Gruppen wie Schwulen und Drogenabhängigen verbreitet ist. Auch der homosexuelle Campillo erlebte damals die Angst vor einer Ansteckung und trat in den frühen Neunzigern in Paris selbst Act Up bei. Die Gruppe habe, so der 55-Jährige in einem Interview, einen «Prozess der kollektiven Selbstermächtigung» eingeleitet. Dies im Versuch, der Notlage, in der sich die Aidskranken befanden, etwas entgegenzusetzen.

Sexualkunde auf eigene Faust

Diese Selbstermächtigung wird im ersten Teil des Films deutlich spürbar. Da wechseln sich mitreissend inszenierte Aktionen mit hitzigen Diskussionen im gut gefüllten Hörsaal ab, der Act Up als Versammlungsraum dient. Die AktivistInnen engagieren sich mit Mut und Einfallsreichtum, wenn sie etwa die Aufklärung von SchülerInnen selbst in die Hand nehmen: Ohne vorgängige Erlaubnis und teils behindert durch Lehrpersonen werben sie in Schulklassen für die Verwendung von Kondomen – heute selbstverständlicher Bestandteil jedes Sexualkundeunterrichts. Sie eignen sich medizinisches Fachwissen an, weil nur mangelhafte Informationen zur Verfügung stehen. Und als ein Mitglied der Gruppe der Krankheit erliegt, ziehen die andern mit grossen Kreuzen durch die Strassen von Paris.

Noch Anfang der neunziger Jahre endete in Europa eine HIV-Infektion in den meisten Fällen tödlich. Diese Realität rückt im Film besonders in der zweiten Hälfte ins Zentrum, als Sean (Nahuel Pérez Biscayart) von Nathan (Arnaud Valois) in den Tod begleitet wird. Zwischen Sean, der seine Meinung an den Act-Up-Treffen lautstark kundtut, und Nathan, dem stillen Neuling und einem der wenigen HIV-negativen Mitglieder, entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Ist diese zu Beginn von Diskussionen und leidenschaftlichem Sex geprägt, bleibt am Ende die Hingabe, mit der Nathan den zunehmend gebrechlichen Sean pflegt.

Räume und Stimmung erzeugen nun einen deutlichen Kontrast zum Puls des ersten Teils des Films: Die Einstellungen sind länger, die ruhigen Szenen spielen vornehmlich an Seans Krankenbett. Seans Vitalität, bisher aufgehoben in der kämpferischen Dynamik der Gruppe, mündet in einen langsamen körperlichen Zerfall, wobei Nathan ihn bis zu seinem selbstbestimmten Tod unterstützt. Seans Leiden und seine Einsamkeit im Moment des Sterbens sind schwer auszuhalten.

Tanzen gegen den Tod

Hoch emotional sind allerdings schon die Versammlungen im ersten Teil des Films. In hitzigen Debatten kommen unterschiedliche Positionen zur Geltung – etwa in der Frage der Radikalität, wie ein heftiger Disput zwischen den beiden Wortführern Sean und Thibault (Antoine Reinartz) zeigt. Ersterer plädiert für direkte Aktionen gegen die Pharmaindustrie, während Thibault solche ablehnt, da sie medial nicht vermittelbar seien. Dabei dringt an diesen Versammlungen immer wieder durch, dass viele Mitglieder von Act Up selbst von der Krankheit gezeichnet sind, etwa wenn sie ihre Blutwerte vergleichen. Da ist aber auch eine unbändige Lebenslust, die insbesondere in eingestreuten Tanzsequenzen zum Ausdruck kommt – den Soundtrack liefert die House-Musik von Arnaud Rebotini, auf deren durchschnittlich 120 Beats pro Minute der Filmtitel verweist.

Act Up Paris setzt sich bis heute dafür ein, die Verbreitung des Virus einzudämmen und Erkrankte zu unterstützen. Denn auch wenn zumindest in reichen Ländern inzwischen bessere Medikamente erhältlich sind: Heilbar ist Aids nach wie vor nicht. 2016 führte die Epidemie zu rund einer Million Toten, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent. Immer noch fordert Aids also seine Opfer insbesondere in den Reihen benachteiligter Gruppen – damals innerhalb reicher Gesellschaften, heute innerhalb einer ungleichen Weltordnung.

Ab 18. Januar 2018 im Kino.

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