Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Andere Zugänge zur ökonomischen Wirklichkeit

Ein Gelehrtenleben lang suchte Hans Christoph Binswanger nach Wegen, das Wirtschaftswachstum auf ein der Welt zuträgliches Mass zu drosseln. Am 18. Januar ist der vielseitig inspirierte und undogmatische Wirtschaftswissenschaftler 88-jährig gestorben.

Von Hanspeter Spörri

Hans Christoph Binswanger bewegte sich ausserhalb des Mainstreams seines Fachs – als Volkswirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen und auch die Jahre danach. Angesichts der sich stets verstärkenden Weltprobleme hielt er die Idee der «unsichtbaren Hand», die das Marktgeschehen angeblich lenkt und auch das Schlechte zum Guten führen soll, nicht für der Weisheit letzten Schluss: «Wir müssen auf die ethische Reserve, die zweifellos in jedem Menschen auch enthalten ist, verstärkt zurückgreifen», glaubte er. «Besitz und Gemeingut» seien stärker ineinander zu verschränken – und die Spielregeln so zu gestalten, dass die Diskrepanz von Arm und Reich reduziert und die Umweltzerstörung vermieden werde.

Inspiriert von «Faust»

Binswanger ging es um die Erhaltung der Schönheit und der Lebensgrundlagen. Den Menschen sah er als ein Wesen, das unter dem Einfluss des Geldes «fähig ist, mehr zu wollen, als es braucht». Produktion bedeutete für ihn – ohne dabei Faktoren wie Arbeit, Leistungswillen, Sparsamkeit und Erfindungsgabe zu ignorieren – immer auch «Verwandlung von Natur in geldwerte Waren und schliesslich in Geld». Dieses wiederum löse sich in seiner Substanz immer mehr von der Natur, könne in beliebiger Menge «geschöpft» werden, weshalb die Natur im Bereich der Geldwerte auf einmal ebenso unendlich vermehrbar scheine wie das Geld selbst.

Binswangers mit poetischer Kraft formulierte Einsichten wurden von einigen seiner ZunftkollegInnen leise belächelt. Argumentativ jedoch hatten sie ihnen wenig entgegenzusetzen: Dass die Ressourcen der Welt endlich sind, lässt sich nicht bestreiten.

Das erste Mal begegnete ich Hans Christoph Binswanger in den späten siebziger Jahren im St. Galler Stadtparlament, das ich als Journalist beobachtete. Als Mitglied der freisinnigen Fraktion kämpfte er für die Erhaltung historischer Bausubstanz, für den Ortsbild-, Landschafts- und Naturschutz. Er tat das bemerkenswert sachlich, ohne Polemik, mit Dossierkenntnis und juristischem Sachverstand.

Dass er weit mehr war als ein äusserst beharrlicher Lokalpolitiker, wurde mir erst klar, als ich sein 1985 erschienenes Buch «Geld und Magie – eine ökonomische Deutung von Goethes Faust» las. Es zeigt exemplarisch, dass Binswanger ökonomische Einsichten nicht nur aus der Volkswirtschaftslehre, sondern auch aus der Literatur, aus Mythen oder religiösen Schriften bezog. Derartige Quellen bieten laut Binswanger andere Zugänge zur Wirklichkeit, ebenso bedeutsam und verlässlich wie die Wissenschaften. Binswanger jedenfalls widersetzte sich der «normativen Kraft der ökonomischen Gesetze», die bei der Glaubensgemeinschaft der ÖkonomInnen als Vernunft- und Naturgesetze gälten und deswegen unabhängig von ihrer konkreten Gültigkeit im Einzelnen generell «geglaubt» würden.

Ecopop – bloss verrannt?

Befremdend bis zuletzt war für viele Binswangers Mitwirkung bei der umstrittenen Vereinigung Ecopop. Nach der deutlichen Niederlage der Ecopop-Initiative «Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen» im November 2014 mit fast 75 Prozent Nein-Stimmen nahm Rudolf Strahm Binswanger und andere InitiantInnen in Schutz: «Sie haben viel für unser Land getan; sie sind weder Öko- noch Lifestylefaschisten, weder Rassisten noch Fremdenfeinde. Sie sind besorgte Bürger. Sie hatten sich mit ihrer strikten Initiative bloss verrannt.»

Diese «Ehrenrettung» war nötig. Allerdings blieb Binswanger bei seiner Haltung – bis zuletzt war er im Patronatskomitee von Ecopop. «Planerische Massnahmen» wie die von der Ecopop-Initiative geforderte Zuwanderungsbeschränkung oder die Geburtenkontrolle in Ländern des Südens seien nötig, wenn auch nicht ausreichend. Mit diesen bevölkerungspolitischen Ideen Binswangers muss leben, wer den Ecopop-Ansatz aus ethischen oder politischen Gründen für verwerflich hält, Binswangers Analysen und seine Haltung ansonsten aber schätzt.

Hans Christoph Binswanger ist im anregenden Milieu einer KünstlerInnenfamilie aufgewachsen, mit Stationen in Ascona, Überlingen, an der dalmatinischen Küste und schliesslich Zürich, wohin seine Eltern Ende 1941 wegen des Kriegs zurückkehrten. Oft hielt er sich auch bei seinem Onkel, dem berühmten Psychiater Ludwig Binswanger, in Kreuzlingen auf. Dass er sich trotz seiner philosophischen, literarischen und künstlerischen Interessen für das Studium der Volkswirtschaft entschied, erstaunt auch heute noch. Sein Biograf Roland Kley, Professor für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen, nennt als wichtigen Inspirator Hans Josephsohn (1920–2012). Der pointiert gesellschaftskritische Bildhauer, mit dem Binswanger sich häufig ausgetauscht habe, soll seine Ausführungen häufig mit der Wendung untermauert haben: «vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet». Neugierig geworden, sei Binswanger danach im Schweizerischen Sozialarchiv auf eine freiwirtschaftliche Schrift über Geld gestossen – und habe sich schliesslich für das Ökonomiestudium und gegen die Ausbildung zum Regisseur entschieden.

So zählt er heute zu den einflussreichsten ökonomischen DenkerInnen, inspirierte eine ökologische Steuerreform in Deutschland und beeinflusste mit seinem Konzept landwirtschaftlicher Direktzahlungen die Agrarpolitik der Schweiz und der EU. Dass diese kleinen Schritte ganz und gar ungenügend seien, räumte er jeweils freimütig ein.

Hanspeter Spörri war unter anderem Journalist beim «St. Galler Tagblatt» sowie von 2001 bis 2006 Chefredaktor des «Bunds». Seither arbeitet er als freischaffender Journalist.