Nr. 24/2014 vom 12.06.2014

Der Ecopopper aus der Coninx-Familie

Im Parlament wird die Ecopop-Initiative von sämtlichen Parteien abgelehnt. Der hinter der Initiative stehende Verein zählt deshalb auf private UnterstützerInnen. Dazu zählt auch Professor Jürg A. Hauser, Mitglied der Tamedia-Familie Coninx.

Von Carlos Hanimann und Kaspar SurberMail an AutorIn

Ein gemütliches Idyll für uns – und weniger Fortpfl anzung für die da draussen: EcopopperInnen sind sich selbst am nächsten. Illustration: Marcel Bamert

Die Stimmung war matt und der Saal halb leer, als der Nationalrat am Montagabend die Initiative «Stopp der Überbevölkerung» des Vereins Ecopop verhandelte. 62 RednerInnen hatten sich eingetragen, und jedeR hätte fünf Minuten lang ausführen dürfen, warum die Ecopop-Initiative abzulehnen sei.

So weit kam es jedoch nicht: Auf Antrag der SVP wurde die Debatte im Nationalrat um die Hälfte verkürzt, auf drei statt sechs Stunden. Das sorgte vor allem bei den Grünen für Verärgerung. Da die Redezeit so nach Fraktionsstärke bemessen wurde, blieben der Kleinpartei, die ursprünglich neun Voten geplant hatte, bloss noch vierzehn Minuten für ihre Argumente gegen Ecopop.

Nicht mal die SVP ist dafür

Die Meinungsvielfalt wurde mit der abgekürzten Debatte allerdings kaum eingeschränkt: Alle Fraktionen lehnen die Ecopop-Initiative ab; nicht einmal die SVP befürwortet das Anliegen der InitiantInnen, die jährliche Nettozuwanderung auf fixe 
0,2 Prozent der Wohnbevölkerung zu beschränken und zehn Prozent der Entwicklungshilfegelder in die freiwillige Familienplanung zu stecken. Die Urteile fielen entsprechend deutlich aus: «Fremdenfeindlich im grünen Mäntelchen», «kolonialistisch», «anmassend», «egoistisch» – so viel Einstimmigkeit durch alle Parteien hindurch ist selten im Parlament.

In Bundesbern sind die Verhältnisse deutlich – letztlich wird es aber die Stimmbevölkerung sein, die über die Initiative entscheidet, voraussichtlich noch dieses Jahr. Dann wird sich zeigen, ob der kleine Verein Ecopop tatsächlich ungeahnte Sympathien (etwa bei den Grünen) geniesst oder ob es sich bei diesen Meldungen bloss um medienwirksam aufgebauschte Einzelfälle handelt. Wie viel Macht, wie viel Schlagkraft hat Ecopop wirklich? Wie weit reicht sein Netzwerk?

Der Verein Ecopop wurde – aufgeschreckt von Berichten zu den Grenzen des Wachstums – 1971 unter dem Namen «Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Bevölkerungsfragen» gegründet. Von Beginn weg kam die Unterstützung auch aus zweifelhaften Kreisen, etwa vom Rechtsextremen Valentin Oehen von der Nationalen Aktion. Ecopop distanziert sich zwar explizit von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, aber der Ruf 
der «Birkenstock-Rassisten» (SVP-Nationalrat Roland Büchel) bleibt haften.

«Keine dominanten Grossspender»

Bis heute ist die Anhängerschaft von Ecopop ein politisch wild durchmischter Haufen. Das zeigt sich auch in verschiedenen Unterstützergremien von Verein und Initiative. Zum kürzlich gegründeten Unterstützungskomitee der Initiative zählen etwa der SVP-Bankenprofessor Hans Geiger oder Altnationalrat Ruedi Aeschbacher von der EVP. Die meisten ExponentInnen von Ecopop dürften einer breiteren Öffentlichkeit allerdings nicht bekannt sein. Ähnlich verhält es sich beim sogenannten Patronatskomitee, einer weiteren Gruppe von UnterstützerInnen, das bereits in den Anfängen des Vereins gegründet wurde und dessen Mitglieder seither jeden Briefkopf der Organisation schmücken. Zu den bekannteren Figuren im Komitee gehört der wachstumskritische emeritierte HSG-Wirtschaftsprofessor Hans Christoph Binswanger.

Finanziert wird der Verein Ecopop im wesentlichen durch Spenden von Mitgliedern und Unterstützerinnen. Genaue Angaben macht der Verein nicht, «die Namen der Spender sind vertraulich», sagt Benno Büeler vom Initiativkomitee. «Die finanziellen Mittel stammen aber aus vielen kleinen Spenden, wir haben keine dominanten Grossspender.» Nur einmal, vor rund zehn Jahren, habe der Verein «ein grosszügiges Legat» erhalten.

Mit Jürg A. Hauser unterstützt ein Mitglied eines schwerreichen Schweizer Familienclans die Ecopop-Initiative zumindest ideell.

Hauser wurde 1942 geboren und lebt im luzernischen Weggis auf einem Grundstück von 7800 Quadratmetern, von wo aus er eine schöne Aussicht auf den Vierwaldstättersee geniesst. Er dozierte als Professor an den Universitäten Zürich und Basel über Bevölkerungslehre und Entwicklungspolitik und absolvierte längere Studienaufenthalte in den USA, Lateinamerika und Australien. Sein Hauptwerk heisst «Bevölkerungs- und Umweltprobleme der Dritten Welt». Es erschien in zwei Bänden im Haupt-Verlag in Bern; den zweiten Band schloss Hauser im Frühling 1990 auf Hawaii ab.

Sein Werk hat Hauser «meiner lieben Regula» gewidmet. Seine Ehefrau ist Regula Hauser-Coninx; sie gehört zur bekannten Verlegerfamilie Coninx, die den Medienkonzern Tamedia besitzt.

Der Börsengang im Jahr 2000 machte Regula und Jürg Hauser-Coninx auf einen Schlag steinreich: Sie verkaufte einen Teil ihrer Aktien und kassierte so 150 Millionen Franken.

«Fliessende Ökonomie»

In seinem Werk entwirft Hauser eine Ökonomie des «Fliessgleichgewichts», mit der er das Konzept des Wachstums ersetzen will. Die Ressourcen des Ökosystems, agrarische und fossile Rohstoffe sowie die Sonnenenergie, und ihr Verbrauch durch die Menschen sollen in ein Gleichgewicht gebracht werden. Die goldene Regel der fliessenden Ökonomie besteht darin, den Durchfluss der Energie zu minimieren, die Effizienz der Produktion zu erhöhen und den «Bestand der Menschen» konstant zu halten.

Am wirtschaftlichen Wettbewerb will Hauser festhalten, und beim Konsum schlägt er bloss minimale Einbussen vor. So bleibt ihm nur übrig, das Gleichgewicht über die Bevölkerungszahl herzustellen. Er schreibt: «Die Reduktion des Bevölkerungswachstums ist für die Erreichung der gesteckten Entwicklungsziele zwar keine hinreichende, wohl aber eine absolut notwendige Bedingung.» Und so entwickelt er seine Vorschläge für eine Politik der Geburtenkontrolle in den Entwicklungsländern, wie sie noch heute von der Ecopop-Initiative propagiert werden. Die Migrationspolitik übrigens verwirft Hauser als Steuerungsinstrument – global betrachtet bleibe die Zahl der Menschen ja konstant.

Regula und Jürg A. Hauser pflegen noch immer einen engen Kontakt zu Tamedia-Präsident Pietro Supino. Einen Teil ihres Vermögens dürften sie in die 2003 gegründete Hauser-Stiftung gesteckt haben, als deren Sekretär Supino bis 2007 amtete, wie ein Auszug aus dem Handelsregister zeigt; er ist bis heute Mitglied des Stiftungsrats. Die Hauser-Stiftung unterstützt Natur- und Umweltschutzprojekte sowie kulturelle und soziale Anliegen. Politisch ist sie allerdings nicht tätig: Pietro Supino lässt ausrichten, «dass die Stiftung weder die Ecopop-Initiative noch andere politische Initiativen unterstütze».

Die WOZ hätte gerne mit Jürg A. Hauser über das Ecopop-Patronatskomitee, die Hauser-Stiftung sowie über das Fliessgleichgewicht gesprochen. Auch über das Finanzielle: Unterstützt er Ecopop nicht nur ideell, sondern möglicherweise auch finanziell? Das Ehepaar ist allerdings seit Wochen nicht zu erreichen; dem Vernehmen nach weilt es in Australien.

Supino zumindest will mit Hausers Rolle als Ecopop-Patronatsmitglied nichts zu tun haben. «Persönliche Engagements von Professor Jürg Hauser sind mir nicht notwendigerweise bekannt, wie im Falle Ihrer Anfrage. In jedem Fall bin ich dafür nicht die richtige Ansprechperson.»

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