Der Zeitungstausch : Blocher in jedem Zürcher Briefkasten?

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Die Zeichen verdichten sich, dass sich der Zürcher Tamedia-Verlag die «Basler Zeitung» einverleibt und deren Besitzer um Christoph Blocher dafür das «Tagblatt der Stadt Zürich» bekommen. Ein neuer Vertrag zwischen der Stadt Zürich und dem «Tagblatt» machts möglich.

Passt bestens zu Christoph Blochers Medienstrategie: Das «Tagblatt der Stadt Zürich».

In der Schweizer Zeitungsbranche jagen sich Fusionen und Übernahmen. Einige grosse Verlage beherrschen die Szene und bereinigen nun untereinander die Territorien und die Geschäftsfelder. Jüngstes Beispiel ist ein möglicher Zeitungstausch. So sollen die Besitzer der «Basler Zeitung» («BaZ») um Altbundesrat Christoph Blocher (SVP) das kriselnde Blatt an Tamedia abgeben und dafür von dieser das «Tagblatt der Stadt Zürich» erhalten.

Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe blieb eine offizielle Bestätigung aus. «BaZ»-Chefredaktor Markus Somm ist diese Woche vor die Belegschaft getreten und hat die Verkaufsabsichten bestätigt. Gegenüber der WOZ wollte sich Somm nicht äussern. Schon vergangenen Samstag hatte die «Schweiz am Wochenende» von Verhandlungen «unter grösster Geheimhaltung» berichtet. Möglich, aber eher unwahrscheinlich ist offenbar auch ein Verkauf der «BaZ» an die AZ-Medien von Peter Wanner.

Pünktlich aufs Wahljahr

Das «Tagblatt der Stadt Zürich» wird einmal in der Woche gratis in alle Briefkästen der Stadt gesteckt. Neben einem redaktionellen Teil, in dem das vielfältige Leben in der Stadt thematisiert wird, ist die Zeitung ein Fundus für alle, die wissen wollen, wo in der Stadt geplant und gebaut wird. Der Zeitungsverlag muss der Stadt jährlich 850 000 Franken für den Namen «Städtisches Amtsblatt» zahlen, erhält dafür aber im Gegenzug eine Fülle von Inseraten von städtischen Dienststellen.

Für die Tamedia gehört das Anzeigenblatt «nicht zum Kerngeschäft», wie Konzernsprecher Christoph Zimmer auf Anfrage mitteilt. Gegen eine Abgabe an einen anderen Verlag spricht also nichts, zumal Tamedia schon länger grosses Interesse an der «BaZ» bekundet hat. Tamedia würde damit ihre führende Stellung im Tageszeitungsgeschäft ausbauen und den Markt in den Metropolitanräumen Zürich, Bern und Basel dominieren. Minderheitsaktionär des «Tagblatts» ist die Lokalinfo AG des ehemaligen Zürcher SVP-Nationalrats Walter Frey. Erst diesen Sommer stockte er seine Beteiligung von 20 auf 35 Prozent auf. Auch wenn der «BaZ»-Deal nicht zustande kommen sollte, könnte die Zeitung also trotzdem schon bald von rechtsnationalen Kreisen übernommen werden.

Blocher und seinen nationalkonservativen Verlegerfreunden würde das «Tagblatt der Stadt Zürich» bestens in die eigene neue Strategie passen. Bekanntlich hatte Blochers BaZ Holding vergangenen Sommer die Zehnder-Medien gekauft. Die Mediengruppe verfügt über diverse Gratiszeitungen vorab in der Ostschweiz und ist über den sogenannten Swissregio-Kombi auch noch mit anderen Gratiszeitungsverlagen in anderen Regionen der Schweiz verbunden. Laut eigenen Angaben erreiche man damit über eine Million Haushalte. Zu diesem Kombi gehören auch diverse Quartierzeitungen der Stadt Zürich, die der Lokalinfo AG von Walter Frey gehören.

So gesehen würde sich das «Tagblatt der Stadt Zürich», das immerhin wöchentlich rund 127 000 Haushalte erreicht, ideal in die absehbare Strategie Blochers einfügen, eine nationale Plattform von Gratiszeitungen aufzubauen, die auch seine politischen Inhalte in Form von gemeinsamen redaktionellen Seiten, oder zumindest von günstigen Kampagneninseraten oder Beilagen, transportiert. Und das pünktlich zum Wahljahr 2019.

Stadt weiss von nichts

Zupass käme Blocher auch, dass das «Tagblatt» auf Anfang 2018 einen neuen Vertrag mit der Stadt Zürich abgeschlossen hat. Dieser würde ihm die Übernahme versüssen. Denn während es noch in der öffentlichen Ausschreibung der Stadt hiess, der redaktionelle Teil habe «neutral» und «in Bezug auf das städtische Parteienspektrum ausgewogen gehalten» zu sein, so steht jetzt im unterzeichneten Vertrag lediglich, der redaktionelle Teil solle auf einer «sachlichen, politisch und journalistisch ausgewogenen Berichterstattung basieren». Überprüft wird dies von einem Publikationsausschuss, der nun aber anders als ursprünglich vorgesehen nicht in der Mehrheit von unabhängigen ExpertInnen besetzt ist, sondern mehrheitlich vom Aktionariat der Zeitung. Würde also Christoph Blocher als faktischer Geldgeber das «Tagblatt der Stadt Zürich» übernehmen, könnte er die redaktionelle Linie ebenso stark verändern, wie er das bei der «BaZ» unter Markus Somm veranlasst hat.

Pikant ist auch, dass im Vergleich zum früheren Vertrag ein Passus fehlt, der der Stadt Mitspracherecht bei Inseratekombinationen mit anderen Zeitungen und Zeitschriften zubilligt. Laut der Stadtschreiberin Claudia Cuche-Curti wurde er gestrichen, weil er «einen regulatorischen Eingriff in die wirtschaftliche Freiheit des Auftragnehmers bedeutet hätte». Dank des Wegfalls dieses Abschnitts würde es möglich, das «Tagblatt» an den Inseratepool der Zehnder-Medien und der Lokalinfo AG anzuschliessen.

Die Stadt Zürich ist bislang nicht über mögliche Verkaufsabsichten des «Tagblatts» informiert worden, wie Cuche-Curti sagt. Ein Besitzerwechsel gebe der Stadt «keine Handhabe», den auf fünf Jahre laufenden Vertrag zu künden. Derweil löst die Vorstellung, dass das «Städtische Amtsblatt» des rot-grünen Zürich schon bald von Christoph Blocher kontrolliert werden könnte, bei GemeinderätInnen der Stadt Irritationen aus. Der Stadtrat wird in den kommenden Wochen entsprechende Vorstösse zu beantworten haben.