Nr. 14/2018 vom 05.04.2018

Auch weiterhin ein Gerücht

Nach dem Mord an einer Holocaustüberlebenden steht Frankreich unter Schock. Aber hat der Hass auf JüdInnen eine neue Dimension erreicht? Oder traut er sich nur offener aus der Deckung? Und wie steht es um muslimisch geprägten Antisemitismus?

Von Anna Jikhareva

In Berlin werden «Stolpersteine» mit den Namen von im Holocaust Ermordeten gereinigt. Foto: Michele Tantussi, Getty Images

In Paris wird Mireille Knoll, die als Kind nur knapp der Deportation in die Vernichtungslager Osteuropas entkommen war, in ihrer Wohnung erstochen. Nach allem, was bisher bekannt ist, musste die 85-Jährige sterben, weil sie Jüdin war.

Ein Jahr zuvor wird Sarah Halimi mehr als eine Stunde lang gefoltert. Anschliessend stösst der Täter die jüdische Rentnerin in Paris aus dem Fenster ihrer Wohnung in den Tod, angeblich unter «Allahu akbar»-Rufen. Justiz und Medien müssen sich später vorwerfen lassen, das antisemitische Motiv der Tat heruntergespielt zu haben.

Nachdem die US-Regierung ankündigt, ihre Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, versammeln sich unweit des Brandenburger Tors in Berlin wütende junge Männer. Manche – so berichten später ZuschauerInnen – rufen «Tod den Juden», jemand fackelt eine selbstgemalte israelische Flagge ab, blauer Davidstern auf weissem Tuch.

In Berlin wird ein jüdischer Junge an seinem Gymnasium so lange gemobbt, bis ihn die verzweifelten Eltern von der Schule nehmen. Der Schulleitung wirft die Familie Untätigkeit vor.

In Zürich verurteilt das Bezirksgericht einen bekannten Neonazi zu zwei Jahren Haft, weil er einen orthodoxen Juden auf der Strasse angespuckt und beschimpft und dem Mann den Hitlergruss gezeigt hat.

Dies alles sind Meldungen aus den vergangenen zwölf Monaten. Vorkommnisse, von denen man meinen könnte, sie gehörten einer dunklen Vergangenheit an. Einzelfälle vielleicht. Doch zusammen ergeben sie ein verstörendes Bild. Sie erzählen von Ratlosigkeit und Überforderung, von aggressivem Hass. Die Auflistung könnte viel länger sein. Die rassistischen Übergriffe und verbalen Entgleisungen, die Verschwörungstheorien: Im Jahr 2018 sind sie für viele Jüdinnen und Juden in Europa traurige Realität.

Importierter Hass?

Antisemitismus, so hält es die Internationale Allianz für Holocaust-Gedenken fest, ist «eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann». Für Jean-Paul Sartre war der Antisemitismus «die Furcht vor dem Menschsein», wie er in seinen «Überlegungen zur Judenfrage» darlegte. Wenn es den Juden nicht gäbe, würde ihn der Antisemit erfinden, schrieb der französische Existenzialist. Theodor W. Adorno begriff den Antisemitismus als «Gerücht über die Juden».

In der öffentlichen Diskussion ist zurzeit viel von «importiertem Antisemitismus» die Rede, von Geflüchteten oder von MuslimInnen der zweiten Generation, die ihren Hass auf alles Jüdische mit nach Europa gebracht haben. Der islamistisch geprägte Antisemitismus ist – das haben spätestens die Anschläge auf eine jüdische Schule im französischen Toulouse im Jahr 2012 und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris im Jahr 2015 gezeigt – eine reale Gefahr. Hinzu kommt der Antisemitismus in der arabischen Welt, in Staaten wie dem Iran oder bei Gruppierungen wie der Hamas. Die Charta der islamistischen Organisation etwa zitiert die «Protokolle der Weisen von Zion», ein antisemitisches Pamphlet.

Im Nahen Osten wird ein realer Konflikt von Hass überlagert – bis der Nahostkonflikt auch auf den Strassen Berlins ausgetragen wird: Die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hat einmal nachgewiesen, dass die Anzahl antisemitischer Übergriffe steigt, wenn im Nahen Osten die Gewalt eskaliert.

Projektionsfläche für alle

Die Gemengelage ist aber wesentlich komplexer. Denn neben dem Antisemitismus der Islamisten gibt es den der Neonazis, den der VerschwörungstheoretikerInnen. Sie wittern überall JüdInnen, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen: die «jüdische Weltverschwörung». In diese Kerbe schlägt beispielsweise der ungarische Premier Viktor Orban, wenn er mit antisemitischen Codewörtern den jüdischen Unternehmer George Soros diffamiert. Es gibt Antisemitismus in der Linken und in der «Mitte der Gesellschaft», im Internet wie auf der Strasse, beim Handwerker wie der Professorin. «Der Antisemitismus bietet Projektionsfläche für alle», schreibt die antirassistische Amadeu-Antonio-Stiftung in ihrem Lagebericht.

Teile der europäischen Rechten wiederum haben Israel und die JüdInnen aus taktischen Gründen für ihre Zwecke entdeckt. Sie geben vor, die «jüdisch-christliche Kultur» gegen «den Islam» zu verteidigen, Israel wird zum Feigenblatt, um unbehelligt gegen andere Minderheiten zu hetzen.

Beobachten lässt sich dieser Mechanismus bei der AfD in Deutschland. Ihr Spitzenpolitiker Björn Höcke nennt das Holocaustdenkmal in Berlin ein «Mahnmal der Schande» und fordert eine «erinnerungspolitische Wende um 180 Grad» – ohne dass die Partei seine antisemitischen Äusserungen sanktioniert. Zugleich wird vor einer «Islamisierung» gewarnt. Ähnliches gilt für den Front National in Frankreich, dessen Gründer Jean-Marie Le Pen mehrfach verurteilt wurde, weil er die Gaskammern relativierte. Tochter Marine hat den Alten auch wegen solcher Äusserungen aus der Partei ausgeschlossen. Denn auch ihr Feindbild ist jetzt der Islam.

Der Rechtsextremismus und der Islamismus – im Antisemitismus findet sich für beide ihr «weltanschaulicher Kern», wie es der deutsche Soziologe Samuel Salzborn ausdrückt. Die Rede vom «importierten Antisemitismus» verstellt deshalb den Blick. Denn wer den Hass mit dem Verweis auf «die anderen» weit von sich schiebt, muss sich mit dem eigenen Hass nicht mehr beschäftigen. So wird die Mehrheitsgesellschaft von der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte entbunden. Diese lässt sich aber auch dann nicht ausschaffen, wenn man den «fremden» Antisemiten des Landes verweist.

Der Hass auf alles Jüdische gehört von jeher zu Europa. Und er ist nicht einfach ein Problem der Jüdinnen und Juden. Der Kampf dagegen ist Sache der Mehrheitsgesellschaft. Eine Frage der Demokratie.

Das Jüdischsein verstecken

In Frankreich hat der Mord an der Holocaustüberlebenden Mireille Knoll viele aufgerüttelt. Mehrere Tausend Menschen drückten vergangene Woche bei einem Trauermarsch in Paris ihre Anteilnahme aus. Der Vorsitzende des Dachverbands der jüdischen Institutionen hatte zuvor von einer «tiefen Beunruhigung der Juden Frankreichs» gesprochen.

Es ist eine Unruhe, die sich in Zahlen ausdrückt: den beinahe 30 000 JüdInnen etwa, die in den letzten fünf Jahren nicht zuletzt wegen des Hasses auf sie das Land verlassen haben. Statistiken zeigen, dass jedes dritte Rassismusopfer jüdisch ist, obwohl die jüdische Gemeinde nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung stellt. Lange Zeit haben die Behörden das Problem verharmlost.

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 1453 antisemitische Straftaten registriert – über neunzig Prozent davon waren rechts motiviert. Und in der Deutschschweiz sind im gleichen Zeitraum 39 antisemitische Vorfälle gezählt worden, wie der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) in seinem neusten Report dokumentiert. Die Zahlen sind umstritten, weil sie ungenau sind, nur Taten abbilden, die angezeigt werden, Antisemitismus häufig nicht als Motiv fixiert wird.

Wichtiger als Zahlen sind jedoch sowieso die konkreten Vorfälle: Da sind «Stolpersteine», die an im Holocaust Ermordete erinnern sollen und die jemand herausgerissen hat. Da werden Synagogen angegriffen, die in ganz Europa schon seit vielen Jahren von Sicherheitspersonal bewacht werden müssen. Da sind Hakenkreuzschmierereien an den Schaufenstern jüdischer Geschäfte und geschändete Gräber auf jüdischen Friedhöfen. Da ist der Hass, der sich mit voller Wucht in der Unverantwortlichkeit des Internets entlädt, inzwischen immer häufiger auch mit Namen.

Aus welcher Ecke der Antisemitismus auch kommt, für die Betroffenen ist das Ergebnis letztlich dasselbe. Immer mehr, so erzählen es heute viele JüdInnen, beschleicht sie ein Gefühl der Unsicherheit. Sie treffen Vorsichtsmassnahmen, verstecken die Kippa unter der Mütze, achten darauf, dass niemand den Davidstern bemerkt, meiden Orte, an denen sie sich nicht geschützt fühlen. Diese Angst lässt sich nicht in Zahlen fassen.

«Kein Franzose wird sicher sein, solange noch ein Jude in Frankreich und in der ganzen Welt um sein Leben fürchten muss», schrieb Jean-Paul Sartre im Jahr 1954. Nun, 75 Jahre nach dem Holocaust, während die ZeitzeugInnen sterben und nur noch wenige mit ihrer Geschichte mahnen können, müssen immer mehr Jüdinnen und Juden in Europa ihr Jüdischsein verheimlichen.