Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Achtung, Autonome!

Von Franziska Meister

Die Situation ist offenbar dramatisch, wenn ein staatstragendes Blatt wie die «NZZ am Sonntag» quer über die Doppelseite titelt: «Die Matur – ein Sanierungsfall». Nur das fehlende Ausrufezeichen trennt da noch vom Boulevard. Und natürlich die Phalanx zitierter Experten aus den übergeordneten Gefilden der Bildungslandschaft, um die eigenen steilen Thesen zu adeln: überholte Lehrpläne, unzeitgemässe Inhalte, reformresistente LehrerInnen – kurzum, eine total mangelhafte Vorbereitung auf das Leben. Statt Verantwortung zu übernehmen und kritisches Denken zu üben, würden die SchülerInnen nur auf die Noten und das Maturazeugnis schielen. Logo! So funktioniert das ganze, verdammte System. Will das Sonntagsblatt die Diskussion um eine Abschaffung der Noten neu lancieren?

Natürlich nicht. Das Gymnasium müsse Antworten liefern auf Digitalisierung, Globalisierung, Migration. Dazu brauche es – und das wird geradezu mantrahaft wiederholt – einen Rahmenlehrplan als verbindliches Korsett und fundamental andere Kompetenzen, namentlich juristische und wirtschaftliche wie die «Unternehmensanalyse». Und plötzlich wird klar, welcher Dorn ins Auge sticht: Es ist die Autonomie, die jedes einzelne Gymnasium besitzt – oder wie es ein Rektor formuliert: «Die Innovation kommt von unten. Schulen sind dann gut, wenn man ihnen die Verantwortung gibt, sich selbst zu entwickeln.» Diese Autonomie verhindert, was im Auge der Experten das oberste Ziel der geforderten Gymireform sein muss: ein früheres Einbinden der Jugend in die kapitalistische Verwertungslogik.

Einige «Autonome» drücken auch bereits kräftig auf besagten Dorn: An verschiedenen Gymnasien geben SchülerInnen im Rahmen von Wahlpflichtfächern Sans-Papiers Deutschunterricht, danach wird gemeinsam gekocht und gegessen – ein meist improvisiertes Mahl aus abgelaufenen und aussortierten Lebensmitteln der Grossverteiler. So hat sich die herrliche Expertenschaft das mit der Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung wohl nicht vorgestellt.

Herrlich sind die Experten nur im Wortsinn – es sind alles Männer (Autor inklusive).