Nr. 19/2018 vom 10.05.2018

Ein Sündenbock gibt nicht klein bei

Rechte Schlägertrupps wollen EinwanderInnen aus italienischen Städten vertreiben. Auf Spurensuche mit einem jungen Bangladeschi, der in Rom verprügelt wurde.

Von Eleonora Vio, Rom und Chhaysuti / Bangladesch (Text) 
und Gabriel Berretta aka Kudu (Fotos)

«Ich habe meinen Freund gebeten zu lügen, was den Überfall auf mich angeht»: Kartik Chondro (oben). Seine Schwester, seine Mutter und sein Bruder sind in ­Bangladesch geblieben (unten).

Es war am 29. Oktober 2017, Kartik Chondro hatte gerade seine Nachtschicht als Tellerwäscher in einem Restaurant in Rom beendet. Er war auf dem Nachhauseweg, plauderte mit ein paar Arbeitskollegen und bemerkte erst spät, dass eine Gruppe von Männern auf ihn zurannte. «Dreckiger Neger!», schrien sie ihn an. «Was tust du hier?» Mit seinem spärlichen Italienisch verstand Kartik nicht sofort, dass mit «Neger» er gemeint war. Schnell war er umzingelt. Schläge und Fusstritte prasselten auf ihn ein, er verlor das Gleichgewicht. Bald lag der 27-jährige Bangladeschi bewusstlos auf dem Boden, beinahe tot, in seinem eigenen Blut.

Zur gleichen Zeit wartete seine Mutter auf der anderen Seite der Welt auf seinen Anruf. Als sie nichts von ihm hörte, versuchte sie, ihn zu erreichen, doch sein Telefon war abgestellt. Sie rief einen seiner Freunde an, der ihr sagte, dass Chondro wegen Atemproblemen ins Spital gebracht worden sei. «Ich glaubte ihm nicht», sagt seine Mutter Usha Rani. Sie bat darum, mit ihrem Sohn reden zu dürfen, doch Kartik Chondro, in Bandagen gehüllt und kaum fähig zu reden, bat seinen Freund, der Mutter die Wahrheit zu verschweigen. Eine Woche später sprach er dann endlich zu seiner Familie. «Ich habe in Bangladesch acht Leute, die von mir abhängen», sagt er. «Deshalb habe ich meinen Freund gebeten zu lügen.» Der Familie wurde gesagt, dass er von einem Auto angefahren worden sei.

Wahlkampfmittel Migration

Kartik Chondro ist einer von 140 000 Bangladeschis, die in Italien leben. Roms bangladeschische Gemeinschaft ist seit den achtziger und neunziger Jahren auf eine Grösse von etwa 36 000 Menschen angewachsen – dank einer vorangegangenen Lockerung der Einwanderungsgesetze. Wer aber in jüngster Zeit ins Land gekommen ist, wurde nicht mehr mit derselben Offenheit empfangen. In Italien, das mit finanzieller Instabilität und hoher Arbeitslosigkeit ringt, werden die Neuankömmlinge heute von vielen als wirtschaftliche Bürde empfunden. Vor dem Hintergrund der Kriege im Nahen Osten sowie tödlicher Konflikte und Armut in Afrika wurde Italien zum Brennpunkt: 2016 haben gemäss Regierungsangaben 181 000 Geflüchtete Italien erreicht, nach der Unterzeichnung eines Flüchtlingsdeals mit Libyen fiel die Zahl 2017 auf 119 000. Genau wie in anderen europäischen Wahlkämpfen wurde das Thema Immigration bei den letzten Parlamentswahlen am heissesten verhandelt.

Am 3. Februar hat Luca Traini, ein rechtsextremer Italiener, im mittelitalienischen Macerata auf sechs afrikanische Immigranten geschossen und sie dabei verletzt. Das Verbrechen stand in direktem Zusammenhang mit den migrationsfeindlichen Ressentiments, die von zahlreichen PolitikerInnen seit längerem geschürt werden. Die drei Parteien, die für die Mitte-rechts-Koalition antraten – die Lega, für die Traini letztes Jahr erfolglos in lokalen Wahlen kandidiert hatte, die Forza Italia sowie die Fratelli d’Italia –, haben sich zwar vom Angriff distanziert. Doch sie behandelten ihn nicht als schockierendes Hassverbrechen. Stattdessen lasteten sie die Tat der bisherigen Mitte-links-Regierung an, der sie vorwerfen, «das Land mit illegalen Immigranten zu füllen». Luigi Di Maio, der Anführer der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung, die bei den Wahlen ein Drittel der Stimmen erreichte und damit den Wahlsieg errang, verharmloste die Bedeutung der Attacke, indem er zu «Gelassenheit und Respekt gegenüber den Opfern» aufrief. Die rechtsextreme Forza Nuova (FN) hat den Angriff von Macerata derweil offen gefeiert. Nostalgisch huldigt die Partei Benito Mussolinis faschistischem Regime und kombiniert es mit katholischem Fundamentalismus.

Eine Umfrage zeigte jüngst, dass sich 59 Prozent der ItalienerInnen von der Anwesenheit von ImmigrantInnen «bedroht» fühlen. 11 Prozent entschuldigten Trainis Tat teilweise, und 12 Prozent fanden, er sei zwar ein Verbrecher, sahen gleichzeitig aber einen Teil der Schuld auch bei den afrikanischen EinwanderInnen, weil diese in die italienischen Städte «einfallen» würden.

Aus Spass und zur Entmutigung

Der Angriff auf Kartik Chondro war nicht der erste Angriff auf die bangladeschische Gemeinschaft in Rom. Seine schiere Brutalität hat aber viele ItalienerInnen aufgewühlt. Eine rechtliche Untersuchung deckte auf, dass die Männer hinter dem Angriff Unterstützer der Forza Nuova waren. Sie zeigte zudem auf, dass seit 2011 mindestens 59 Bangladeschis von der FN angegriffen wurden.

«Eine Bangla-Tour ist, wenn du deine Nacht mit einem Knall beendest, weil du einen Bengalino bestraft hast.» Das sagte ein junger FN-Aktivist letzten November der italienischen Zeitung «La Repubblica». «Warum wählen wir Bangladeschis? Weil sie leise sind und unsere Schläge einstecken, ohne sich zu wehren», führte er aus. Dann beschrieb er grausame Details der gewaltsamsten Taten, die in letzter Zeit von der FN begangen worden waren.

Im Fall von Chondro hat die juristische Untersuchung gezeigt, dass der Mob aufgrund intensiver Indoktrination durch die NF-Anführer handelte. Einige der Beteiligten wurden an PsychologInnen verwiesen, damit sie ihre Wut und ihren Hass überwinden können. Was ist das Ziel dieser Attacken? «Wir machen es aus Spass und um Ausländer zu entmutigen, hier zu bleiben oder nach Italien zu kommen», sagte der FN-Aktivist zu «La Repubblica». Viele der Anti-Immigrations-Aktivisten wurden wegen Anstachelung zu Rassismus verklagt, was aber nicht viel bewirkt hat.

ImmigrantInnen wie Kartik Chondro – der mittlerweile einen festen Job hat – wurden von der Gewalt aber genauso wenig dazu bewegt, das Land zu verlassen. «Ich habe nie darüber nachgedacht, nach Bangladesch zurückzukehren», sagte er fünf Monate nach dem Angriff – noch immer nicht fähig, mit seinen Augen scharf zu sehen. «Es gibt dort nichts für mich zu tun.»

Für zwanzig Rappen in Lebensgefahr

Sozial und ökonomisch marginalisierten jungen Leuten wie Kartik Chondro bietet Bangladesch tatsächlich nichts. Obwohl die Regierung um Investitionen wirbt, indem sie das Land als «neuen asiatischen Tiger» beschreibt, ist das Strassenbild in der Hauptstadt Dhaka geprägt von armen Menschen. Die 14-Millionen-Metropole ist ein Gewirr aus zusammengepferchten Gebäuden; darüber hängt eine dicke Smogdecke, die das Atmen schwer macht.

Die Strassen sind lärmig, hupende Autos quetschen sich an drängelnden FussgängerInnen vorbei. Der Mangel an grundlegenden Dienstleistungen und das Elend der Menschen sind omnipräsent; Jobs gibt es nur für jene, die bereit sind, für etwa zwanzig Rappen in der Stunde ihr Leben in einsturzgefährdeten Fabrikgebäuden zu riskieren. Die Situation auf dem Land ist sogar noch schlimmer: Kartik Chondros Familie lebt im kleinen Dorf Chhaysuti, keine hundert Kilometer von Dhaka entfernt. Es dauert acht Stunden, um dorthin zu gelangen. Der Weg führt über eine Strasse voller Schlaglöcher durch Reisfelder, wo es nach verbranntem Plastik riecht. Die gewonnene Ernte wird mit alten Plastiksäcken und Kleiderstücken verschnürt. Die Wasserteiche stinken wie Latrinen. Die Brunnen, aus denen die DorfbewohnerInnen ihr Trinkwasser beziehen, waren über zwanzig Jahre lang mit Arsen kontaminiert.

Kartik Chondros Bruder Palasch besteht darauf, unser Gepäck zu tragen; er führt uns über einen sumpfigen Pfad, der in einem Quartier aus behelfsmässigen Häusern endet. «Mein Plan war es, meinem Bruder nach Rom zu folgen, um ihm zu helfen», sagt er. «Wegen der Änderung der Migrationsgesetze war das leider nicht möglich. Ich verbringe den ganzen Tag zu Hause und mache nichts. Ich denke nur daran, nach Italien zu gehen.»

Im Inneren des Hauses sitzt seine Mutter auf einem Bett, das fast das gesamte Zimmer füllt. Unter Tränen erzählt sie ihre Geschichte: Im Alter von fünfzehn Jahren heiratete sie Kartiks Vater, einen Bauernsohn, der als Zimmermann arbeitete. Die ersten Jahre der Ehe seien ruhig verlaufen. Dann seien jedoch harte Zeiten angebrochen, als sich Schulden anhäuften und sie dazu gedrängt worden seien, ihre Töchter zu verheiraten. «Wir hatten keine andere Wahl, als Kartik von der Schule zu nehmen», sagt sie. Mit zehn Jahren fing dieser an, für seinen Vater Holz zu hacken und zu bündeln.

Eines Tages habe er in der Werkstatt einen lauten Schlag hinter sich gehört. Er habe sich umgedreht und seinen Vater steif auf dem Boden liegen sehen. «Er starrte mich an und versuchte, mir etwas zu sagen», erzählt Kartik Chondro in seinem Spitalbett in Rom. «Später habe ich mich selber davon überzeugt, dass er mich gebeten hat, für die Familie zu sorgen.»

Chondro begann, seine Ausreise zu planen. «In unserem Dorf gibt es viele Agenten und Schleuser, wie ihr sie nennt. Ich gab einem von ihnen 10 000 Euro, damit er mich nach Dubai bringt», sagt er. «Nach einem Jahr war ich aber immer noch dort. Nur die Hälfte des Geldes bekam ich zurück.» Ein halbes Jahr lang plante Chondro dann eine Reise nach Saudi-Arabien, doch irgendwann liess er auch diese Idee fallen. Ein Freund seines verstorbenen Vaters, der in Italien lebt, verhalf ihm schliesslich zu einem saisonalen Arbeitsvisum. Mit dem Ersparten seiner Mutter kaufte sich Chondro ein Flugticket nach Rom.

Einsam in Italien

Zuerst arbeitete er als Autoputzer, später wurde er Tankstellenwart. Jeden noch so kleinen ersparten Betrag schickte er nach Hause. Doch er verdiente bei weitem nicht genug. Irgendwann begegnete er auf einem Nachtspaziergang Mossad, den er seinen «neuen ägyptischen Papa» nennt. Der besorgte ihm nicht nur einen Job, sondern auch eine feste Aufenthaltsbewilligung. Kartik Chondros wirtschaftliche Situation wurde besser.

Seit aber der Lynchmob über ihn hergefallen ist, ist Kartik Chondro nicht mehr derselbe. Noch sechs Monate nach dem Angriff hat er Mühe zu essen und zu schlafen. Inzwischen arbeitet er zwar wieder. Doch er fühlt sich allein und vermisst seine Familie in Bangladesch. Wenn er an sein früheres Leben denkt, sagt er dennoch bestimmt: «Ich habe keine glücklichen Erinnerungen. Zu Hause musste ich Tag und Nacht arbeiten, um meine Familie über die Runden zu bringen. Glück ist ein Gefühl, das ich nie gekannt habe.»

Noch ist nach den Wahlen von Anfang März nicht sicher, wer Italien nun regieren wird. Eines aber ist sicher: Die PopulistInnen und die Rechten werden mitreden. EinwanderInnen wie Kartik Chondro, die längst zu Sündenböcken gemacht worden sind, werden einen Weg finden müssen, um in diesen neuen Zeiten zu überleben. «Ich will und werde Gerechtigkeit einfordern», sagt dieser unentwegt. «Aber ich werde nie nach Bangladesch zurückkehren.»

Aus dem Englischen von Yves Wegelin.