Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Zur Primetime im braunen Sumpf wühlen

Von Daniela Janser

In Deutschland wird gerade laut darüber diskutiert, ob man in TV-Talkshows eventuell nicht mehr allen dahergelaufenen AfD-Bundestagsabgeordneten, die den Holocaust kleinreden, das grosse Mikrofon hinstrecken sollte. Prima, dass man endlich hinterfragt, warum eine Partei mit gerade mal 12,6 Prozent Stimmenanteil nicht nur ständig eingeladen wird, sondern dass ihre Propaganda auch die Themensetzung dieser skandalgierigen Shows prägt.

Dabei gerät allerdings ausser Acht, dass zur allerbesten Sendezeit, nämlich am Sonntagabend nach acht, praktisch im Wochenrhythmus ReichsbürgerInnen, AfD-ähnlichen Parteien und braunen Zellen eine Plattform geboten wird. Nicht nur Sandra Maischberger, Frank Plasberg und wie sie alle heissen, reden scheints wahnsinnig gern mit Rechten, sondern auch die «Tatort»-KommissarInnen. In der neusten «Polizeiruf»-Folge zogen nun auch noch ihre KollegInnen aus den neuen Bundesländern nach.

Innerhalb eines Monats präsentierte man uns drei fast identische Nazi- oder Reichsbürgerkolonien auf dem Bauernhof mit allem Drum und Dran: Homeschooling, Sonnenwendfeier, Hitlerporträt, Mistgabel und andere scharfe Waffen. Was will uns die ARD damit sagen? Dass draussen vor den Städten hinter jedem zweiten Misthaufen ReichsbürgerInnen und andere durchgeknallte rechtsradikale Grossfamilien den Staatsstreich planen? Der neuste «Polizeiruf» aus Rostock ging so weit, dass die Kommissarin im Nahkampf gleich zwei Nazis per Kopfschuss erledigte. Gegen wild gewordene Faschos hilft kein Rechtsstaat mehr, nur noch die polizeilich vollstreckte Todesstrafe?

Auch wenn es paradox klingen mag: Wer sich so obsessiv mit Rechten befasst und sie so reisserisch fiktional aufbrezelt, macht ihnen damit vermutlich einen Gefallen: Alles, was die Rechtsextremen wichtiger macht, als sie sind, dürften diese als Erfolg verbuchen. So viel hätte man aus all den Debatten zum Thema «Mit Rechten reden» immerhin lernen können. Und jeder simulierte Ausnahmezustand spielt stets den ExtremistInnen in die Hände.

Wie weiter? Zum Glück ist jetzt «Tatort»-Sommerpause. Ab nächstem Sonntag gibts lauter ältere Wiederholungen.

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